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"Hungriger Osten"

Die Fragen stellte Anne Koschik.
Günter Verheugen, Vizepräsident der EU-Kommission, ist einer der mächtigsten Deutschen in Europa. Mit karriere sprach er über deutsche Wettbewerbsfähigkeit, die Chancen der jungen Generation und den ehrgeizigen Nachwuchs aus Osteuropa.
Günter Verheugen, Vizepräsident der EU-Kommission, ist einer der mächtigsten Deutschen in Europa. Mit karriere sprach er über deutsche Wettbewerbsfähigkeit, die Chancen der jungen Generation und den ehrgeizigen Nachwuchs aus Osteuropa.

Herr Verheugen, Sie starten gerade eine Großoffensive für mehr Beschäftigung und Wachstum. Müssen wir uns um Europa ernste Sorgen machen?
Günter Verheugen: Wir wollen europaweit eine Trendwende einleiten. Es kann nicht sein, dass wir im internationalen Wettbewerb immer weiter an Boden verlieren, vor allem was Forschung und Entwicklung und technologische Spitzenleistungen betrifft.

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Das klingt dramatisch. Wo setzen Sie an?
Überall: Wir wollen Innovation fördern, die Gesetzgebung vereinfachen, Bürokratie abbauen. Wenn ich die Geschäftsführer und Vorstände europäischer Unternehmen, vor allem die der kleineren, frage: Was belastet Sie?, erhalte ich als Erstes die Antwort: Zu viele, zu komplizierte und manchmal auch überflüssige Regeln.

Bürokratieabbau ist sehr pauschal. Was bedeutet das konkret für den Einzelnen?
Die derzeitige Bürokratie kostet jedes Unternehmen zwischen vier und sieben Prozent seines Umsatzes. Mit zwei fatalen Folgewirkungen: Menschen werden entmutigt, Unternehmer zu werden. Andererseits werden Unternehmen gehemmt zu investieren, weil es ihnen zu aufwändig erscheint, den Weg durch den bürokratischen Dschungel zu gehen. Unternehmer zu motivieren, ist sicher aller Ehren wert. Doch woher kommen neue Ideen, die uns vorwärts bringen?
Wir wollen die europäischen Forschungsmittel so steuern, dass Erfindungen, sprich die Ergebnisse von Forschung und Entwicklung, auch tatsächlich in die Produktion überführt werden. Nur das bringt Innovation. Dieser Schritt ist zurzeit vor allem bei kleineren Unternehmen behindert, weil dort die Kenntnisse und die Fachkräfte fehlen, um innovative Prozesse und Produkte überhaupt kennen zu lernen.

Ein schwieriges Vorhaben. In Deutschland gilt die finanzielle Förderung der Forschung nicht gerade als Lieblingskind.
Das ist kein Vorwurf an Deutschland allein, das betrifft alle 25 Mitgliedstaaten. Eines der zentralen Ziele unserer Initiative ist, bis spätestens 2010 drei Prozent unseres Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. Davon soll die Industrie, also die private Forschung, zwei Drittel aufbringen und die öffentliche Forschung ein Drittel. Beide sind von diesem Ziel noch weit entfernt, auch in Deutschland.

Reichen denn Finanzspritzen allein, um wirklich wettbewerbsfähig zu werden? Wo bleiben dabei die Menschen?
Klar ist, dass wir uns nicht einlassen können auf einen Wettbewerb nach unten, um die niedrigsten Löhne. Wir können nur in einem Wettbewerb gewinnen, der auf Qualität, Spitzenleistung und auf die jeweils neueste und anspruchsvollste Technologie setzt. Dazu brauchen wir natürlich ein stärkeres Potenzial an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Im Klartext heißt das, Deutschland kann in Sachen Qualifikation mit dem Ausland nicht mithalten.
Mir scheint, dass in Deutschland allgemein erkannt worden ist, dass Bildung und Ausbildung entscheidend sind für die künftige Wettbewerbsfähigkeit. Angesichts des demografischen Wandels wird der gesamte Komplex Bildung, Ausbildung, Qualifizierung, aber auch alles, was mit Information und Kommunikation zu tun hat, ein enormer Wachstumsbereich werden.

Worauf müssen sich Absolventen und junge Berufstätige dann einstellen?
Der Wettbewerb wird in jedem Fall stärker, aber das bedeutet auch Chancen: Wenn Sie mit einer in Deutschland erworbenen beruflichen Qualifikation in 25 europäischen Ländern und in vielen anderen, die unsere Standards übernommen haben, Ihren Beruf ausüben können, bedeutet das eine Vervielfachung Ihrer Berufschancen. Aber eben auch eine Vervielfachung der Konkurrenz.

Müssen deutsche Hochschulabsolventen die neue Konkurrenz fürchten?
Bei allen meinen Reisen nach Polen, Tschechien, Ungarn oder in die baltischen Staaten habe ich immer auch die Hochschulen besucht. Da wächst eine Generation heran, die ehrgeizig ist, dynamisch, auch opferbereit. Die ist richtig hungrig. Und Europa soll weiter wachsen. Werden die Beitrittsverhandlungen, etwa mit der Türkei, das Problem noch verschärfen?
Ich sehe überhaupt nicht, wo das Problem liegen soll, wenn die EU sich um einen großen Wachstumsmarkt erweitert, mit enormen Chancen in Bereichen, in denen wir heute schwach sind, wenn Sie an den zentralasiatischen Raum denken und den ganzen Nahen und Mittleren Osten.

Zum Beispiel?
Ich denke, dass die zentralasiatischen Länder als Länder mit hohen Rohstofferlösen eine wachsende Nachfrage nach europäischen Industrie- und Investitionsgütern hervorrufen. In meinen Augen sind das hochinteressante Märkte.

Worauf müssen sich junge Berufstätige in Zukunft einstellen?
Wichtig ist Mobilität, vielseitige Verwendbarkeit, Einstellung auf den Strukturwandel. Denn was passiert derzeit: Ein Unternehmen verliert die Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze werden entweder verlagert oder aber sie verschwinden ganz. Neue Arbeitsplätze entstehen dafür an anderer Stelle und in einem anderen Sektor. Dort aber werden andere Qualifikationen gebraucht. Also ist eine geistige Flexibilität, sich andere Qualifikationen anzueignen, und die Bereitschaft zur Mobilität eine der wichtigsten Voraussetzungen, um im globalen Arbeitsmarkt zu bestehen.

Was würden Sie raten: Verkürzte Studienzeiten, aber gleichzeitig in die Breite gehen? Oder lieber später weiterbilden?
Beides muss möglich sein: Grundqualifikationen zu erwerben, worauf man aufbauen kann, und lebenslanges Lernen ? das wird völlig normal für unser Berufsleben werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2005