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Humanmedizin: Diagnose Pflegefall

Hans-Martin Barthold
Die Zeiten, in denen Ärzte scheinbar mühelos reich wurden, sind vorbei. Geblieben ist das theorieüberfrachtete, lernintensive Studium der Humanmedizin. Nur mit einer hohen Dosis Motivation lassen sich Ausbildung und Job meistern.
?Wer sich auf die Medizin einlässt, verabschiedet sich von der Regelarbeitszeit – für immer“, sagt Professor Klaus Knorpp, ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Gießen. Und das sind nicht die einzigen Schwierigkeiten: Die Gesundheitsreform sowie die schlechte Finanzsituation der öffentlichen Haushalte und Krankenkassen haben den Beschäftigungsboom der 90er-Jahre beendet.

Allzeit dienstbereit: Das stark verschulte Medizinstudium gibt schon einen Vorgeschmack auf Risiken und Nebenwirkungen der anschließenden Berufstätigkeit. Die ersten vier Semester bilden den so genannten vorklinischen Abschnitt und schließen mit der ärztlichen Vorprüfung ab, früher Physikum genannt. In der Vorklinik werden vor allem die naturwissenschaftlichen Grundlagen vermittelt: Physik, Biologie und Chemie. Dazu kommen Anatomie, Physiologie, Biochemie sowie medizinische Psychologie und Soziologie. Übungen am Präparationstisch stehen ebenfalls auf dem Lehrplan.

Die besten Jobs von allen


Der klinische Abschnitt reicht vom dritten bis zum fünften Studienjahr. Gepaukt werden Grundlagen der Krankheitslehre – Pathologie und Pathophysiologie –, die Untersuchungsmethoden der klinischen Fächer und therapeutische Maßnahmen. Dazu erhalten die Studenten eine Einführung in Nachbarfächer wie Hygiene, Rechts- oder Arbeitsmedizin. Am Ende des sechsten und zehnten Semesters stehen das erste und zweite Staatsexamen. Der dritte Teil der ärztlichen Prüfung folgt nach dem sechsten und letzten Studienjahr: dem praktischen Jahr in einem akademischen Lehrkrankenhaus oder dem Universitätsklinikum.

Die ärztliche Ausbildung gleicht einem Marathon. Dennoch fühlen sich viele Jungärzte für die Berufspraxis nur unzureichend vorbereitet. Auch an den Hochschulen bestreitet kaum jemand, dass eine Reform fällig ist. ?Unsere theoretische Ausbildung ist exzellent, aber zu lang und zu global“, urteilt Bernhard Schieffer, Oberarzt und Leiter einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). ?Was fehlt, ist die klinische Praxis, die Anwendungsfähigkeit.“

Dagegen will der Gießener Professor Knorpp nicht grundsätzlich an der theorielastigen Ausbildung rütteln lassen. Sie bilde ein ausgezeichnetes Fundament für lebenslanges Lernen. Die Approbationsordnung für Ärzte, die unter anderem den Stundenplan und die Abschlussprüfung bundesweit regelt, hält Knorpp jedoch auch für reformbedürftig. ?Die Grundlagenfächer besitzen einen unverhältnismäßig großen Anteil am Curriculum“, erklärt der Klinikchef.

?Außerdem ist eine systematische Verzahnung des Studiums mit der Facharztausbildung dringend nötig. Die ärztliche Weiterbildung sollte nicht länger dem Einzelnen überlassen sein.“ Als Beispiel nennt er die Einführung in die Sterbebegleitung. ?Bei der zunehmenden Zahl multimorbider Patienten wird sie immer wichtiger.“

Medizinstudenten sollten versuchen, auf eigene Faust so viel wie möglich praktische Erfahrungen zu sammeln – etwa in Zivildienst, Freiwilligem Sozialen Jahr oder während des Studiums als Pflegehilfskraft. ?Das ist umso wichtiger, als die Qualität der praktischen Ausbildungsabschnitte oft zu wünschen übrig lässt", meint Thomas Schneider, der an der Universität Göttingen die Facharztausbildung zum Anästhesisten absolviert. Die Ausbildungsbetreuung ist auch in den Augen Knorpps ?durchweg stark verbesserungswürdig“. Ursache seien die leeren Kassen der Kliniken.

Wieder ist Eigeninitiative gefragt. ?Man muss sich ein persönliches Qualifikationsprofil erwerben“, sagt Klaus-Peter Schaps, Kardiologe am Allgemeinen Krankenhaus in Celle. Das Wissen über Datenbank- und Expertensysteme, aus Biochemie und Gentechnik hält er für unentbehrlich. Am wichtigsten seien die Promotion, daneben Auslandsaufenthalte. ?Für den persönlichen Umgang mit Patienten habe ich in den USA viel gelernt.“

Internet:
www.medizinische-berufe.de
www.aerzteblatt.de
www.bundesaerztekammer.de
www.hochschulkompass.de
www.marburger-bund.de
Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2001