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Hüter des verborgenen Schatzes

Von Andreas Hoffbauer
Lou Jiwei leitet den mächtigen chinesischen Staatsfonds CIC. Der könnte schon bald auf eine Billion Dollar anwachsen - und damit eine Menge Ängste wecken. Dabei hat der Chef bislang nicht die Welt aufgekauft, sondern eine ganze Menge Geld verbrannt.
PEKING. Es war ein regnerischer Märztag, als sich der schwarze Audi seinen Weg durch die Dörfer in der chinesischen Provinz Guizhou bahnte. Nur langsam kam die Limousine zwischen Pferdekarren und Kleinlastwagen voran, bis endlich das Werkstor der Chemiefabrik ?Roter Stern? erreicht war. Auf dem aufgeweichten Werksgelände warteten im Dauerniesel die Manager der einstigen Rüstungsfabrik, denn immerhin hatte sich der Vize-Gouverneur der Provinz angesagt. Sein Name: Lou Jiwei.Rote Banner, Begrüßungsreden und Trinksprüche waren vorbereitet. Doch Parteimann Lou verblüffte die alten Werkskader schon beim Händeschütteln. Er steuerte schnurstracks in die Fabrikhallen und ließ sich genauestens über Produktionsprozesse und Zulieferpreise informieren. In Peking zähle die große Politik, erklärte Lou den Fabrikmanagern zum Abschied. In der Provinz aber zähle jede Kleinigkeit. ?Hier muss man jedem Detail Aufmerksamkeit schenken.?

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Das war vor zehn Jahren, im Frühjahr 1998. Inzwischen ist Lou Jiwei längst nicht mehr in der Provinz unterwegs, sondern wieder zurück in Peking. Und heute spielt Lou gerne Golf, reist nach London und New York und mischt in der ganz großen Politik mit. Seit gut einem Jahr ist der 57-Jährige einer der mächtigsten Männer der internationalen Finanzszene: Der Chinese verwaltet einen wesentlichen Teil des chinesischen Staatsvermögens.Der von Peking geschaffene Staatsfonds China Investment Corp (CIC) ist ein Finanz-Riese, und Lou ist Chinas Milliarden-Dollar-Mann. Bereits zum Start wurde der Staatsfonds mit einem Vermögen von 200 Mrd. Dollar ausgestattet. 2011 dürfte der Fonds schon mit einer Billion Dollar ausgestattet sein. Damit wird Lou Jiwei und sein Fonds zum größten Investor der Welt aufsteigen. Bislang verwaltet die Abu Dhabi Investment Authority 875 Mrd. Dollar. Doch die Kriegskasse von Lou löst im Westen besonders viele Ängste aus, denn dem Staatsfonds aus Peking werden politische Motive unterstellt. Die CIC, die für 90 Mrd. Dollar im Ausland einkaufen soll, untersteht direkt der chinesischen Regierung.Fondsverwalter Lou lässt auch keinen Zweifel daran, dass er in Zukunft kräftig mitmischen will. ?Wenn wir einen fetten Hasen sehen, dann werden wir ihn erlegen?, ließ er nach seiner Berufung die Welt wissen. Nach der Subprime-Krise sehe er im Zuge der Turbulenzen am weltweiten Finanzmarkt ?noch nie da gewesene? Chancen. Spektakulär waren bislang die Beteiligungen beim US-Finanzinvestor Blackstone und an der Investmentbank Morgan Stanley.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Repräsentant einer liberalen GenerationBedenken, dass China seinen Staatsfonds politisch instrumentalisiere, weist der Banker mit der großen Goldrandbrille entschieden zurück. Sein Auftrag sei, Chinas Geldreserven profitabler anzulegen.Nicht alle Experten überzeugt das. Schließlich nutzt Peking den Staatsfonds auch, um den heimischen Bankenmarkt zu sanieren. Einen dreistelligen Milliardenbetrag investiert die CIC, um ?faule? Kredite auszukaufen. Das werfe durchaus Fragen über ?den wahren Grad der Unabhängigkeit? der CIC auf, schreibt der China-Experte Alex Cree.Dabei repräsentiert Lou Jiwei für viele Beobachter durchaus eine liberalere und marktwirtschaftlichere Generation Chinas, die nach Maos Revolution geboren und stark von der Politik der Wirtschaftsreformer Zhou Rongji und Deng Xiaoping beeinflusst wurde. Allerdings gilt der CIC-Chef auch als ein ins Detail verliebter Technokrat, der sich damit ganz der KP-Führung anpasst.Lou sei weniger Visionär, sondern vor allem Pragmatiker. ?Lou ist ein sehr cleverer Mensch mit einem klaren Gespür, wer nicht so leicht auszutricksen ist?, sagt ein Weggefährte. Dieser Pragmatismus hat ihn nach oben gebracht. Obwohl er durchaus zum Reformflügel in der Partei gehörte, hielt er sich 1989 vom Platz des Himmlischen Friedens fern, wo die Masse protestierte. Obwohl sein Büro damals nicht weit entfernt war.Am Heiligabend 1950 in der kleinen Stadt Yiwu, rund 200 Kilometer südlich von Schanghai im Jangtse-Delta geboren, erlebte er als junger Mann das Chaos der Kulturrevolution. Er musste die Schule abbrechen und meldete sich 1968 als Soldat, um der von Mao angeordneten ?Umerziehung? auf dem Land auszuweichen.Ganz Pragmatiker trat Lou dennoch 1973 ? also noch während der Kulturrevolution ? der Kommunistischen Partei (KP) bei und arbeitete als Stahlkocher in Peking. 1977 schaffte er den Sprung an die renommierte Tsinghua-Universität, wo er Informatik studierte. 1984 wechselte der Computerspezialist in die Politik, als sich China unter Deng Xiaoping zu öffnen begann. Er beriet die Regierung, gehörte zur Reformkommission und wurde 1998 zum Vize-Finanzminister ernannt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: kein glückliches HändchenAuf diesem Posten, den er acht Jahre hatte, erlebte Lou wie sich Chinas Währungsreserven gigantisch vermehrten. Denn China schwimmt im Geld: Neben dem Staatsfonds verfügt China über Währungsreserven von 1,5 Billionen Dollar.Daran gemessen sind die Investments des chinesischen Staatsfonds bislang eher klein. Peking wolle zu großen Wirbel vermeiden, meinen Analysten. Der politische Widerstand, den chinesische Firmen wie der Ölriese CNOOC oder der Netzwerkausrüster Huawei bei ihren Einkaufsplänen in den USA erlebt haben, ist nicht vergessen.Doch auch finanziell hat Lou bislang kein sehr glückliches Händchen bei seinen Engagements bewiesen. Der für 3 Mrd. Dollar erworbene Anteil von neun Prozent am Beteiligungsfonds Blackstone und die 5 Mrd. Dollar, die CIC für 9,9 Prozent an Morgan Stanley auf den Tisch gelegt hat, sind momentan weit weniger wert.Eine der größten Herausforderungen von Lou Jiwei besteht nicht nur darin, gute Anlagemöglichkeiten zu finden, sondern westliche Top-Fondsmanager zu werben, die mal eben 62 Mrd. Dollar verwalten sollen. Sie können in die neue CIC-Firmenzentrale in Peking einziehen, ein 24 Stockwerke hoher mächtiger Glaskomplex der Architekten Skidmore, Owings & Merrill aus Chicago.Der Name des Prunkbaus bedeutet übersetzt: ?Schütz den Gewinn.? Ein Detail, auf das Lou Jiwei künftig noch stärker achten muss. Denn bislang hat Lou Jiwei mit Chinas Staatsfonds nicht die Welt aufgekauft, sondern Geld verbrannt.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.06.2008