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Höher, schneller und weiter

Fotos: PR
Ob in großen Unternehmen, als Existenzgründer oder in der Wissenschaft - Ex-Berater kommen beruflich oft schneller vorwärts als andere. Warum das so ist? karriere hat sich unter erfolgreichen Ehemaligen umgehört.
"Kontakte zu Kunden und Kollegen sind extrem wertvoll. Alumni-Treffen sind Kür, nicht Pflicht."
Matthias Braun, 44, ist Top-Manager bei Audi. Er kam von A.T. Kearney.
Je höher man in der Berater-Hierarchie aufsteigt, desto wichtigere Kundenkontakte bekommt man. Schon ein "Greenhorn", frisch von der Uni, redet mit Geschäftsführern. Wie aber kann es sein, dass der einen 25-Jährigen für voll nimmt? Berater ermitteln mit ihren Werkzeugen solche präzisen Daten zu Gewinn- und Verlustbringern, dass sogar Topmanager beeindruckt sind. Das habe ich selbst erlebt. Nach dem BWL-Studium stieg ich bei Bain & Company ein. Nach acht Jahren warb mich A.T. Kearney ab. Mein neues Team entwickelte für Audi die E-Business-Strategie. Um sie zu realisieren, holte mich der Vorstand nach Ingolstadt. Berater sind Top-Netzwerker - ohne ihre Kontakte könnten sie ihre zeitkritischen Aufträge gar nicht erledigen. Zwei- bis dreimal im Jahr gibt es Alumni-Treffen, und meine Ex-Arbeitgeber informieren per Mail, wohin einstige Kollegen wechseln oder welcher Kunde freie Stellen hat. Von meinen 50 bis 100 wichtigsten Kontakten versuche ich, pro Tag einen zu erreichen. Kontaktpflege ist auch im Vertrieb extrem wichtig.

"Man ist beim Kunden immer an Brennpunkten. Das macht mutiger, Entscheidungen zu treffen."
Sonja Stuchtey, 35, erst Beraterin bei Booz Allen Hamilton, jetzt Unternehmerin
Wenn man nicht nur Probleme lösen, sondern selbst etwas erschaffen will, muss man aus der Beraterrolle schlüpfen. Vor vier Jahren haben Heike Schettler und ich "Science-Lab" gegründet. Sie, die Chemikerin, und ich, die BWLerin, boten naturwissenschaftliche Kurse für Vier- bis Zehnjährige an. Die Geschäftsidee kam mit den Fragen meiner Kinder: Warum ist der Himmel blau? Wieso brennt die Kerze nach oben? Heute beschäftigen wir 20 Mitarbeiter und haben über 60 Franchisenehmer, die wir zu Kursleitern ausbilden und mit Lehrmaterial ausstatten. Das alles ist aus dem Nichts gewachsen! In der Beratung bin ich darauf getrimmt worden, eigenständig zu arbeiten. Mit der Maßgabe, dass das Ergebnis stimmen muss. Und ich habe in den drei Jahren gelernt, Mitarbeiter zu Mitstreitern zu machen und Widerstände als Chance zu begreifen. Das kommt mir heute zugute: Gerade im pädagogischen Bereich gibt es etablierte Institutionen, die Neulingen mit Vorbehalt begegnen. Da hilft nur eine aktive, geduldige Kommunikation.

Die besten Jobs von allen


"In der Beratung konnte ich testen, was mir liegt. Ein gutes Grundgerüst für meine weitere Laufbahn."
Edgar Berger, 40, ist CEO von Sony BMG und startete einst bei Roland Berger.
Ich betrachte die Beraterzeit als Verlängerung des Studiums in die Praxis - sich auf hohem Niveau umschauen, die Analysefähigkeit schärfen, Lösungen erarbeiten. Mit der Medienbranche hatte ich in diesen ersten zwei Berufsjahren nichts zu tun, doch mein Interesse am Journalismus blieb. Seinen Beitrag im Fernsehen sehen: Das ist direkt erlebbar. Als Berater dagegen gibt man seinen Bericht ab und sieht vielleicht irgendwann die Umsetzung. So bewarb ich mich bei RTL und stellte fest, dass der Beraterjob Qualitätsnachweis ist. Nach sieben Jahren als Reporter und politischer Korrespondent konnte ich als Stratege bei Bertelsmann meine Erfahrungen aus Beratung und Medien zusammenbringen. Heute habe ich mit dem emotionalsten Medium überhaupt zu tun, der Musik. Die Bandbreite der Kontakte ist enorm: vom Künstler bis zur Handelskette, vom Mobilfunkanbieter bis zum Medienpartner in TV oder Print. Ich war nie der klassische Berater, der den Job ein Leben lang macht. Aber es war eine sehr gute Schule.

"Teamgeist und Vorbilder sind wichtig im Beraterleben. Sie nutzen aber auch am Lehrstuhl."
Ann-Kristin Achleitner, 41, Professorin der TU München, war früher bei McKinsey.
Promoviert und habilitiert habe ich an der Uni St. Gallen. Dort wäre ich gern als Dozentin geblieben. Aber künftige Professoren mussten Praxiserfahrung sammeln. Also wechselte ich nach Frankfurt zu McKinsey. Nach eineinhalb Jahren Banken und Börsen kam der Ruf an die European Business School (EBS). Eigentlich zu früh - ich leitete noch nicht mal ein Beraterteam. Dennoch trat ich mit 29 Jahren meine Traumprofessur an. Auch zu heiraten und Kinder zu bekommen gehörten zu meinem Lebensplan. Eines wollte ich dagegen nie: mich dem Druck aussetzen, Studenten hier, Familie da. Als mein Mann beruflich nach München umzog, gab ich meinen EBS-Posten auf und dachte, das war's mit deiner akademischen Laufbahn. Doch dann hatte ich Glück - an der TU München konnte ich den Lehrstuhl für Gründungsfinanzierung übernehmen. Ich bin eine praxisorientierte Professorin und halte viel von Teamgeist. Wie in der Beratung bekommt ein neuer Mitarbeiter nur einen Vertrag, wenn dies alle Kollegen befürworten.

"Spannende Projekte, Kontakte, Trendthemen - die Beratung steckt voller Chancen."
Stefan Groß-Selbeck, 39, Ebay-Deutschland-Chef, nutzte das Sprungbrett BCG.
In meinen drei Jahren als Berater habe ich mich ständig mit neuen Themen beschäftigt. Typischerweise sind die BCG-Auftraggeber Unternehmensvorstände. Aus ihrer Sicht werden Projekte bearbeitet. Oft geht es um Wachstumsstrategien oder Fusionen. Um selbst ein erfolgreicher General Manager zu werden, benötigt man diese CEO-Perspektive. Andererseits lernt man auch, für eine Lösung selektiv tief zu bohren. Was dagegen im Beraterjob fehlt, ist die operative Verantwortung. Erst die Mischung ist interessant für mich. Ich habe zwar Jura studiert, aber eine Aufgabe in der Wirtschaft hat mich besonders gereizt. Nach meinem Studium habe ich deshalb einen MBA gemacht, bevor ich in die Beratung ging. Von BCG warb mich einer meiner Kunden, die Kirch Intermedia, als Geschäftsführer ab. 2004 rief mich ein Ex-BCGler an, der zur europäischen Ebay-Zentrale wechselte, und informierte mich über seinen frei gewordenen Chefsessel in Deutschland. Eine Chance, die ich mir nicht entgehen ließ.

"Immer neue Umfelder, in denen es heißt: Nun mach mal. Das ist eine hervorragende Vorbereitung."
Anja Förster, 40, Ex-Accenture-Managerin, heute selbstständige "Querdenkerin"
Der Zeitdruck ist Fluch und Segen: Man lernt schnell - vor allem, die richtigen Fragen zu stellen. Andererseits dringt man nicht unbedingt in die Tiefe. Mein Mann und ich fragten uns schließlich, was uns wirklich fasziniert. Antwort: Unternehmen, die auf außergewöhnliche Weise erfolgreich sind. Für große Beratungen sind große Kunden Brot und Butter. Das heißt auch, dass man schleichend deren Denke übernimmt. Nach vielen Projekten für Siemens wusste ich selbst nicht mehr: Bin ich jetzt eigentlich Siemens-Mitarbeiterin? Also haben wir uns als "Business-Querdenker" selbstständig gemacht. In Workshops zeigen wir Führungskräften, wie sie die ausgetretenen Pfade des Wettbewerbs verlassen und systematisch über den Tellerrand des eigenen Geschäfts blicken. In der Zusammenarbeit mit verschiedensten Unternehmen sowie auf Reisen sauge ich Ideen auf wie ein Schwamm. Mein Wissen ist mein Kapital und stärkt die Marke Anja Förster. In der Beratung dagegen lauert die Gleichheitsfalle: Es gibt immer guten Nachwuchs.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.06.2007