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Höhenflieger unter Druck

Von Matthias Eberle, Handelsblatt
Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber hat bislang die sanfte Tour versucht, doch nun verlangt der Aufsichtsrat mehr Härte beim Sparen.
Ein Blick durch die Brille des Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Mayrhuber, Foto: dpa
HB FRANKFURT. Im fernen China wirkt das Lächeln des gebürtigen Österreichers noch einen Tick freundlicher als daheim ? aus gutem Grund: Hier verdient Lufthansa das Geld, das den Konzern weit abhebt von all den maroden Airlines, die durch den weltweiten Vormarsch der Billigflieger immer dichter an den Abgrund rutschen. Lufthansa segelt vergleichsweise sicher durch die Wolken. Heute legt Mayrhuber das Ergebnis des traditionell starken dritten Quartals vor. Am Jahresende will er einen operativen Gewinn von 300 Mill. Euro vorzeigen.Doch gute Ergebnisse sind für Mayrhuber derzeit nur bedingt ein Segen. Sie machen es dem Konzernchef noch schwerer, die Belegschaft von weiteren Einschnitten zu überzeugen. Und die müssen sein. Mit Blick auf die aggressiv wachsenden Billigflieger will Mayrhuber 1,2 Milliarden Euro bis Ende 2005 einsparen. Die Kapitalseite im Aufsichtsrat, vertreten durch die Vorstandschefs von Allianz, Deutscher Bank und Deutscher Post, hat den Finger gehoben: ?Das Sparprogramm hinkt den Plänen hinterher?, heißt es dort. Der Druck auf Mayrhuber wächst, noch mehr Druck zu machen.

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Da ist China fast eine Erholung. Hier ist die Lufthansa ?in drei Geschäftsfeldern weltweit die Nummer eins?, wie Mayrhuber in Schanghai betont. Der Maschinenbauingenieur schwärmt vom Passagierverkehr auf China-Strecken, der bis 2007 um weitere 50 Prozent ausgebaut werden soll. Er verweist aber auch auf das wachsende Fracht- und Wartungsgeschäft, das Lufthansa gemeinsam mit Air China vorantreibt. In Boom-Towns wie Schanghai kann Mayrhuber auch unbeschwerter über die Konkurrenten am Himmel dozieren, die dem drohenden Bankrott dank staatlicher Stütze immer wieder entgehen. ?Mit Airlines ist es ist wie mit Movie-Stars?, sagt er: ?Die fallen nicht über Nacht vom Himmel. Erst kriegen sie Falten, dann werden die Aufträge weniger ? aber viel später erst verschwinden sie ganz von der Bildfläche.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lufthansa ist unter enormen Kostendruck geratenDer Sohn eines Feuilleton-Redakteurs spielt gern mit solchen Bildern. Die ?Vollsortimenter-Strategie? seiner Lufthansa vergleicht er mit der Automobilindustrie: ?So wie Daimler vom Maybach über die S-Klasse bis zum Smart alles anbietet, machen wir es beim Fliegen.?So wie Daimler-Chrysler ist allerdings auch Lufthansa unter enormen Kostendruck geraten. Gegen die schlanken Strukturen der Billigflieger kann sie mit ihrem im Branchenvergleich sehr komfortablen Konzerntarif nicht mehr lange anfliegen. Obwohl mit einer der solidesten Bilanzen der Branche und inzwischen 3,8 Mrd. Euro Cash ausgestattet, sorgt sich der Aufsichtsrat um die strategische Ausrichtung.Dem 93 000 Mitarbeiter starken Unternehmen hängen einige Mühlsteine am Hals wie die Catering- Tochter LSG Sky Chefs oder die 50-prozentige Beteiligung an Thomas Cook. Auch der Kontinentalverkehr gilt als reparaturbedürftig.Mayrhubers Ton ist zuletzt schärfer geworden. In seinem ersten Jahr an der Lufthansa-Spitze zumeist als weltläufiger Chefdiplomat unterwegs, bellte er kürzlich die Pilotenvereinigung Cockpit an (?Ich brauche jetzt endlich einen Abschluss?) und mischte sich in die stockenden Tarifverhandlungen ein. Zweifel an seiner Durchsetzungsfähigkeit will er nicht aufkommen lassen: ?Wenn ich meine, wir müssen da durch, dann gehen wir auch da durch.?Doch riskante Hauruck-Aktionen sind seine Sache nicht. Mayrhuber will niemandem über Gebühr wehtun. Er stehe für einen möglichst geräuschlosen Umbau, sagt einer seiner Berater: ?Er versucht eine sanfte Migration defizitärer Flugstrecken zu günstiger operierenden Regionalpartnern.? Sein Kalkül: Viele Lufthanseaten könnten mittelfristig vom unrentablen Kontinental- ins lukrative Langstreckengeschäft wechseln.Mayrhubers Problem ist, dass die Pilotengewerkschaft nicht mitspielen will. Das Patt im Tarifpoker bringt ihn in Zugzwang: Während die Investoren einen Befreiungsschlag auf der Kostenseite fordern, wächst intern die Ungewissheit über den künftigen Kurs. Mayrhuber weiß um die Ungeduld in der zweiten und dritten Reihe. Er entgegnet, ?dass wir a) besser dastehen als die meisten Konkurrenten und b) Auszeichnungen bekommen für das, was wir tun?.Vielleicht bietet sich Mayrhuber ja die Chance zu einem Coup. Airlines wie Alitalia oder Swiss könnten bald vom Himmel fallen ? mit dem nördlichen Nachbarn in der Rolle des Hauptprofiteurs. Deshalb spielt der Konzernchef ? genau wie die Piloten ? auf Zeit. ?Im Moment?, grübelt ein Lufthanseat, ?weiß allerdings keiner so recht, wem sie mehr nutzen wird.?
Dieser Artikel ist erschienen am 11.11.2004