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Hochspannung in Essen

Von J. Flauger, M. Hennes, H.-J. Schürmann; Handelsblatt
Berthold Bonekamp und Gert Maichel rücken bei RWE auf, weil Konzernchef Harry Roels die Hausmacht fehlt.
Keine 24 Stunden vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung erhielt RWE-Chef Harry Roels die Absage seines Wunschkandidaten Udo Niehage. Der bis dahin weithin unbekannte Siemens-Manager sollte Chef der wichtigsten Konzerntochter RWE Energy werden. Monatelang hatte Roels nach einem passenden Kopf gesucht ? und jetzt diese Panne. Als Begründung für die Absage wird gestreut, Siemens-Boss Heinrich von Pierer habe seinem leitenden Angestellten ein verbessertes Angebot gemacht, um ihn zu halten. In einer anderen Version heißt es, Niehage, 48, habe sich von den Querelen um seine Berufung in den RWE-Vorstand abschrecken lassen, vor allem von Zweifeln der Arbeitnehmerseite an seiner Befähigung.Egal, was stimmt. Sicher ist: Seit Roels, 55, bei RWE das Sagen hat, entwickelt sich aus jeder Personalie eine Pokerpartie, bei der viele mitspielen und am Ende längst nicht immer der Chef gewinnt. All das wirkt offenbar so abschreckend auf Außenstehende, dass es Roels nicht einmal mehr gelingt, Manager aus der zweiten Reihe für eine Top-Position bei RWE zu gewinnen.

Die besten Jobs von allen

Für Roels bedeutete das im konkreten Fall: Ihm blieben nur wenige Stunden, um dem RWE-Aufsichtsgremium eine neue Alternative für die wichtige Personalie zu präsentieren. Und so legte sich der Holländer in aller Eile auf eine Notlösung fest, auf einen Namen aus dem eigenen Haus: Berthold Bonekamp, der bisherige Chef der Kraftwerkssparte, solle künftig RWE Energy führen. Und dessen Job wiederum solle Konzernvorstand Gert Maichel mit übernehmen, schlug Roels vor. Ein Aufsichtsrat berichtet: ?Wir wussten davon nichts, absolut nichts.?Es folgten lange Beratungen, die Sitzung dauerte bis in den späten Nachmittag. ?Wir haben uns schwer getan, mit dem Vorschlag so zu verfahren?, erzählt der Aufsichtsrat. Das Problem: Roels hatte stets betont, dass er einen externen Manager als Chef der Vertriebssparte suche. Kein Kandidat aus den eigenen Reihen, die er von einer Personalberatung durchleuchten ließ, schien ihm für die Aufgabe geeignet. Und jetzt musste der Vorstandschef doch eine interne Lösung präsentieren: Zwei erfahrene RWE-Manager übernehmen die Aufgaben. Eine Führungskraft spricht nicht ohne Häme von einer ?Ohrfeige?. Joachim Erwin, Oberbürgermeister in Düsseldorf, dessen Kommune zu den wichtigsten Aktionären gehört, sagt: ?Das ist unbestritten eine Niederlage für Roels. Er ist noch immer nicht im Ruhrgebiet angekommen.?Dass Bonekamp künftig eine noch stärkere Rolle im Konzern spielen wird, ist an sich nicht überraschend. Es galt als ausgemacht, dass der 54-Jährige in den Konzernvorstand aufrücken sollte ? nur eben in seiner bisherigen Funktion als RWE-Power-Boss. Als langjähriger Vorstandschef der Konzerntochter Rheinbraun habe er die Braunkohleverstromung wettbewerbsfähiger gemacht, lobt ihn etwa der Essener Energieprofessor Dieter Schmitt. Bonekamp ist ein Mann der klaren Sprache, Inhalte unterfüttert er gerne mit Zahlen, nüchtern-sachlich ist sein Stil. Er ist beliebt im Konzern, bei den Arbeitnehmern, aber auch bestens verdrahtet auf Seiten des Kapitals. Bonekamp wird nun den gesamten Vertrieb von Strom und Gas leiten. Die Sparte beschäftigt 43 000 Mitarbeiter und setzt rund 20 Milliarden Euro um.Für Erstaunen sorgte in der Branche dagegen die Aufwertung von Gert Maichel, der im Konzernvorstand unter anderem für Energiepolitik zuständig ist. Der Ex-Vorsitzende der VEW AG, die 2000 mit RWE fusionierte, war im Sommer hausintern stark in die Kritik geraten. Maichel führte in Roels? Auftrag die Verhandlungen mit den kommunalen Aktionären der Gassparte, die sich gegen eine Integration in die neue RWE Energy sperrten: Roels erstes großes Projekt, die neue Konzernstruktur, drohte daran zu scheitern. Die Gespräche zogen sich über Monate. Und das, obwohl Maichel als geschickter Verhandler gilt, als rhetorisch bewandert und schlagfertig dazu. Doch erst als sich Aufsichtsratschef Friedel Neuber in die Verhandlungen einmischte, konnte Roels die Blockade brechen ? wenn auch mit teuren Zugeständnissen.Nun muss Maichel für Roels auf einem Parkett tätig werden, auf dem sich der Niederländer besonders schwer tut: Bei den Verhandlungen in Berlin um die künftigen Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft. Vor allem die Gespräche zum Emissionshandel sind für den stark in der Kohleverstromung engagierten Konzern entscheidend.Die schwierigen Machtverhältnisse ? der starke Einfluss von kommunalen Aktionären und Arbeitnehmern ? könnte Roels nach Einschätzung von Energieexperte Schmitt mit den Beförderungen, vor allem des im Konzern respektierten Bonekamp, nun besser in den Griff bekommen.Dass Roels nur mit einer starken Führung bestehen kann, musste er in diesen Tagen wieder erfahren: Pünktlich zur Aufsichtsratssitzung wurde lanciert, dass er bei seinem Wechsel zu RWE ein Handgeld von rund einer Millionen Euro erhielt. Das stimmt, und es wird so schwarz auf weiß im nächsten Geschäftsbericht stehen. Ein Aufseher sagt es so: ?Es schießen eben immer wieder Leute gegen ihn.?
Dieser Artikel ist erschienen am 26.02.2004