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Hochschulen bitten zur Kasse

Von Claudia Wüstenhagen, Handelsblatt
Der Urlaub an der Algarve ist gestrichen. Martin Kebbel muss sparen. Vor einigen Wochen bekam der 27-Jährige Post von der Universität Köln: ?Sie haben bereits 15 Hochschulsemester absolviert. Damit steht Ihnen kein Studienguthaben mehr zur Verfügung.?
KÖLN. Martin Kebbel ist einer von 20 000 Kölner Studenten, die zur Kasse gebeten wurden, denn wie Hamburg und Hessen hat Nordrhein-Westfalen dieses Jahr eine Gebühr für Langzeitstudenten eingeführt. Wer hier das 1,5-fache der Regelstudienzeit überschreitet, muss für jedes zusätzliche Semester 650 Euro zahlen.Passieren kann das jedem, der bummelt. Aber auch jedem, der wie Martin Kebbel das Fach wechselt. Das Fach Politikwissenschaft mit den Nebenfächern angloamerikanische Geschichte und Geographie bot nur mäßige Jobaussichten und befriedigte nicht sein Interesse an Wirtschaft. Deshalb stieg Kebbel nach drei Semestern um auf Volkswirtschaftslehre sozialwissenschaftlicher Richtung.

Die besten Jobs von allen

Dass er über der Regelstudienzeit liegt, hat noch einen weiteren Grund: An zwei Tagen pro Woche sitzt der angehende Volkswirt nicht am Schreibtisch sondern hinter dem Steuer eines Autos, um im Auftrag des Arbeiter-Samariter-Bundes Behinderte zum Arzt oder zum Einkaufen zu fahren. Er jobbt ? wie zwei Drittel aller deutschen Studenten. Doch obwohl er immer knapp bei Kasse ist, will er sein Studium beenden. Und die 1 300 Euro Studiengebühren zahlen, die fällig werden, bis er im nächsten Sommer sein Diplom macht: ?Es wäre dumm, so kurz vor dem Ziel alles hinzuschmeißen.? 6 170 Kommilitonen ? knapp zehn Prozent aller Studenten der Uni Köln ? waren anderer Meinung und haben sich wegen der Gebühr exmatrikuliert. In ganz NRW sollen es Schätzungen zufolge zwischen 30 000 und 50 000 sein.4 340 Studenten mit langer Uni-Vergangenheit wollten nicht zahlen aber auch nicht das Handtuch werfen. Sie legten Widerspruch ein. Zwölf zogen vor Gericht. Die meisten argumentieren damit, dass es sich bei der Gebühreneinführung um einen Vertrauensbruch handele, da sie ihre Ausbildung zu veränderten Bedingungen beenden müssten. Bei einer Handelsblatt-Umfrage im Frühjahr sprachen sich immerhin 33,2 Prozent von über 1 000 befragten Studenten dafür aus, das Erststudium nach Ablauf der Regelstudienzeit kostenpflichtig zu machen. Auch der Kölner BWL-Student Torsten Kolp findet Langzeitgebühren nicht grundsätzlich schlecht: ?Ein Anreiz, schneller zu studieren, ist prinzipiell okay.? Er selbst hat die Überweisung auch ausgefüllt, denn auf seinem Studienkonto stehen inzwischen 20 Semester. Zwei Mal hat er das Fach gewechselt, vor allem aber hat er sich früh mit einer Internetmarketing-Firma selbstständig gemacht. Den Nebenbei-Unternehmer wurmen die zusätzlichen Ausgaben, zumal er 650 Euro als zu happig empfindet. Trotzdem findet Kolp: ?In einer wirtschaftlich schwierigen Lage müssen auch Studenten etwas beisteuern.?Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum auch Erstsemester Studiengebühren befürchten müssen:Während eine wachsende Zahl von Bundesländern die Langzeitstudenten zur Kasse bittet, haben einige schon Gebühren-Pläne für Erstsemester in petto. Das Verbot, das die Bundesregierung vor zwei Jahren im Hochschulrahmengesetz verankert hat, steht damit auf der Kippe. Einige Länder, die durch das Gesetz ihre Bildungshoheit verletzt sehen, klagen vor dem Bundesverfassungsgericht. Experten erwarten, dass die Richter den Ländern Recht und damit grünes Licht für Gebühren geben. Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Niedersachsen, Hamburg und das Saarland warten auf das Startsignal.Schon zum Wintersemester 2005/2006 könnte es losgehen. Diskussionsgrundlage sind 500 Euro pro Semester. Die sollen aber anders als die Langzeitgebühren ? die beispielsweise in NRW Haushaltslöcher stopfen ? ganz den Hochschulen zugute kommen.Folgenlos werde die Einführung von Studiengebühren für alle nicht bleiben, sagt Markus Langer vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE): ?Studenten werden Angebote stärker hinterfragen, mehr Leistungen und intensivere Betreuung fordern.? Das Verhältnis zwischen Student und Uni werde sich grundlegend ändern, denn wer zahlt, könne mehr verlangen. An der TU München nennt man das ?aktive Kundenposition?. Präsident Wolfgang Herrmann plant bereits die Metamorphose zum ?Unternehmen Universität?. In diesem soll aus dem Studenten der König Kunde werden, der für gutes Geld nicht nur beste Bildung bekommt, sondern auch ein Darlehen, eine Jobgarantie und eine billige Bude in Uni-Nähe.Die hätte der New Yorker Student Steve Stanzak, der in den USA für Schlagzeilen sorgte, sicher auch gern gehabt: Acht Monate schlief er in der Uni-Bibliothek und wusch sich auf der Uni-Toilette, weil er sich kein Zimmer leisten konnte. Die Studiengebühren in Höhe von umgerechnet 26 100 Euro jährlich hatten Stipendium, Kredite und Einkünfte aus vier Jobs verschlungen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.05.2004