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Hinterm Zaun ist das Gras grüner

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Prozesse verlagern ins Ausland ist bei Managern beliebt, doch Kostensenken zuhause bringt meistens mehr.
Was sich Mitte Juli im indischen Bangalore abspielte, blieb der deutschen Öffentlichkeit fast völlig verborgen. Dabei war die Rede des eigens angereisten Deutsche-Bank- Managers Wolfgang Gärtner dazu geeignet, bei den Mitarbeitern im heimischen Frankfurt sämtliche Alarmglocken schrillen zu lassen. Anlässlich der Gründung des Tochterunternehmens Deutsche Network Services lobte Gärtner ?die hohe Qualität und Kosteneffizienz? der Arbeit in Indien. Mit zunächst 50 Mitarbeitern will die Deutsche Bank hier Überweisungen aus aller Welt bearbeiten, in den kommenden Jahren soll die Zahl der Angestellten noch um ein Vielfaches steigen. Den Bankern daheim in Frankfurt sollte Angst und Bange werden. Überweisungen werden zunehmend statt in Deutschland im ? billigeren ? Indien bearbeitet.

Hoch bezahlten deutschen Arbeitnehmern beschert das Beispiel eine bittere Erkenntnis: Die Globalisierung macht vor bisher sicher geglaubten Anzugträger-Jobs nicht Halt. Selbst die beste Qualifikation schützt nicht mehr vor Arbeitslosigkeit durch die Auslagerung des eigenen Jobs in Billiglohnländer. ?Die größte Welle steht vielen Branchen noch bevor?, prophezeit Stefan Eikelmann, Partner der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton in München. Denn viele Manager zeigen sich unbeeindruckt von dem Ärger, den sie mit ähnlichen Projekten in der Vergangenheit hatten.

Die besten Jobs von allen


Die Gangart verschärft sich jetzt gleich doppelt. Erstens lagern Unternehmen wie die Deutsche Bank erstmals Arbeiten aus, die bisher verschont blieben. Bisher wurden Industrieproduktionen und Softwareentwicklungen ausgelagert. Doch jetzt rücken auch Dienstleistungsjobs jeder Art in die Schusslinie.

Offshoring statt Outsourcing

Zweitens liebäugeln Konzernbosse zunehmend damit, die Jobs gleich ins billigere Ausland zu verlagern ? Offshoring ?, statt sie nur an externe Dienstleister auszugliedern ? Outsourcing. ?Die Idee einer radikalen Verlagerung ins Ausland wird populär?, urteilt Andreas Pratz von der Unternehmensberatung A.T. Kearney aus München.

Mehrere Konzerne machen es schon vor. Infineon hat seine Buchhaltung nach Portugal verlegt, um Kosten zu sparen. Lufthansa lässt die Abrechnung in Indien erledigen und zentralisiert das Rechnungswesen für das europäische Ausland in Polen. Berater schwärmen von Sparpotenzialen über 50 Prozent der Kosten. ?Die Unternehmen wollen so ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern, um in Deutschland andere Arbeitsplätze zu erhalten?, versucht Klaus- Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln den Fluchtreflex zu erklären.

Berater zweifeln, ob dieses Argument stichhaltig ist. Denn die Produktivität von Aufgaben steigt nach dem Outsourcing nur dann, wenn das Unternehmen sie zuvor vernachlässigt hat. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle, noch unveröffentlichte Studie des Kölner Unternehmensberaters Klaus Leciejewski, der die 130 größten deutschen Unternehmen untersucht hat. ?Das Outsourcen ganzer Abteilungen in Großunternehmen hat nur eine Ursache: Einfallslose Manager?, schimpft Leciejewski. Sparen lässt sich auch in Deutschland. Das Muster ist immer dasselbe: Weil es alle gerade so machen, kann der einzelne Manager ja nichts falsch gemacht haben.

Doch der Katzenjammer ist am Ende doch groß. In einer McKinsey-Studie zeigten sich satte 58 Prozent der Unternehmen von den Ergebnissen der Auslagerung enttäuscht, und die Marktforscher von Gartner summieren die Kosten gescheiterter Outsourcing- Projekte in Westeuropa im vergangenen Jahr gar auf Schwindel erregende sechs Milliarden Euro. Probleme verursacht vor allem die Kommunikation. Wer Aufgaben bis an die andere Seite der Erde vergibt, hat keinen Kontakt zu den Akteuren. Die Folge sind Qualitätsmängel und geplatzte Liefertermine. Der vermeintliche Kostenvorteil ist dann schnell dahin. Doch die ernüchternden Erfahrungen halten den weiteren Exodus aus den Hochlohnländern nicht auf.

Diese Schwierigkeiten versuchen Manager jetzt mit zwei neuen Strategien zu begegnen. Erste Strategie: Statt eine Aufgabe von Anfang an komplett in Indien erledigen zu lassen, arbeiten zunächst einige Angestellte des ausländischen Outsourcing-Dienstleisters in den Deutschland-Büros des Auftraggebers. Ein direkter Kontakt zwischen den Mitarbeitern beider Unternehmen ist so garantiert, mögliche Schwierigkeiten sind früh erkennbar. Berater empfehlen, erst 40 Prozent der Mitarbeiter nach Deutschland zu holen und ? wenn erste Erfolge sichtbar sind ? den Anteil später auf 10 Prozent zu reduzieren. Nachteil: Die Einführungsphase ist teuer, weil die ausländischen Arbeitskräfte hierher kommen. Wie lange es dauert, bis die Kosten merklich sinken, ist beim Start des Projektes völlig ungewiss.

Die Tocherfirma in Indien ist in

Zweite Strategie: Statt einen externen Dienstleister zu beauftragen, gründet das Unternehmen eine Tochterfirma im Ausland, etwa in Indien. Diese übernimmt die ausgelagerte Aufgabe, die zuvor in Deutschland erledigt wurde. Für die nötige Ortskenntnis im Land sorgt ein einheimischer Partner, der aber nur einen Minderheitsanteil an dem neu gegründeten Unternehmen erhält. Durch diese unternehmerische Kontrolle wollen die Manager die Zügel trotz Auslagerung weiterhin fest in der Hand zu halten. Der Nachteil: Das Unternehmen muss sich selbst engagieren, statt auf Dienstleister zu verlassen. Das macht viel Arbeit bei niedrigerer Ersparnis.

Obwohl der Erfolg der neuen Strategien oft höchst ungewiss ist, lockt die schärfer werdende Konkurrenz der Offshoring-Standorte weitere deutsche Unternehmen ins Ausland. Bisher hat sich Indien mit 90 Prozent des weltweiten Volumens den größten Teil vom Kuchens gesichert, schätzt Gartner. Die Lohnkosten sind relativ niedrig, es gibt viele gut ausgebildete und arbeitswillige Menschen. Das Land ist recht friedlich, und die meisten Inder sprechen fließend Englisch.

Inzwischen versuchen sich auch China, Thailand und Vietnam als Standorte zu etablieren, ebenso viele osteuropäische Staaten. ?Bis 2006 wird sich das Volumen des europäischen Offshoring-Marktes verdoppeln?, schätzt Anthony Miller vom britischen Marktforscher Ovum Holway, ?Polen und Ungarn werden davon besonders profitieren.? Beide Länder könnten den bisherigen Offshoring-Musterknaben bald ebenbürtig sein. Für deutsche Arbeitnehmer säße die Konkurrenz dann sogar direkt vor der Haustür.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.10.2003