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High Tech Hüttenzauber

Katja Wilke
Schwitzen am Hochofen war gestern. Die Stahlindustrie will weg vom Old-Economy-Image und sucht Ingenieure und BWLer mit Hang zum blanken High-Tech-Blech.
Funkenstiebende Feuer, glühender Stahl, mächtige Hochöfen: Sachen, die Leute anmachen. Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, gibt zu: "Wer in der Stahlbranche arbeitet, hat den Hang zum Pyromanen." Die Jungs mögen also Feuer - nur bekennt sich die Stahlindustrie nicht so gern dazu, denn seit Jahren steckt sie beträchtliche Summen in Imagekampagnen.

In Hochglanzmagazinen präsentiert die Branche stahlhaltige Sportwagen, dann die Rolex Daytona und eine Seite später die Messersammlung eines Dreisternekochs. Stahl ist modern, sagen die Fotos. Der Stahlkocher-Verband reichert die Bilder der glänzenden Endprodukte mit Infos zur Herstellung an: Wo sich früher Hunderte mit der Schippe den Buckel krumm arbeiteten, steht heute maximal eine Hand voll Leute am Leitstand - gesteuert wird der Hüttenzauber von Computern. Stahl ist High Tech, sagen die Texte

Die besten Jobs von allen


Stimmt: Die deutsche Stahlindustrie wandelt sich vom klassischen Werkstoffproduzenten zum Systemlieferanten und Dienstleister. Die Zeiten, in denen dem Käufer die blanken Blöcke einfach vors Tor gestellt wurden, sind vorbei. Das Ziel von ThyssenKrupp, Salzgitter, Saarstahl & Co. heißt heute: erkennen, was morgen gebraucht wird, und entsprechende Produkte schaffen. Mit Hilfe von Computersimulationen entwickeln die Ingenieure innovative Stahlsorten (zurzeit gibt es rund 2.500) oder Oberflächen, die vor Rost und Schäden schützen. Heraus kommen Stähle mit Umform-, Festigkeits- und Verarbeitungseigenschaften, die den Stahlkumpels von vor 20 Jahren noch Freudentränen in die Augen getrieben hätten

Frauen und Ingenieure zuerst

Wenn hier von Kumpels und Jungs die Rede ist, hat das nichts mit Sexismus zu tun. Es orientiert sich einfach - noch - an der Realität: Nur sieben Prozent der Angestellten im Stahl-Business sind Frauen. Nicht dass man weibliche Verstärkung nicht wollte, im Gegenteil: Alle, die Werkstoffwissenschaften bzw. -technik, Metallurgie, Eisenhüttenkunde, Elektrotechnik oder Wirtschaftsingenieurwesen studiert haben, sind heiß begehrt - ob Mann oder Frau. Das Problem: Es gibt zu wenig Absolventen. In den nächsten fünf Jahren wird die deutsche Industrie nach Prognosen der Wirtschaftsvereinigung Stahl ihren Bedarf an Metallurgen und Werkstoffwissenschaftlern nicht einmal zur Hälfte decken können. Schon jetzt stehen einem jährlichen Bedarf von rund 200 Absolventen dieser Fächer nur 70 bis 80 gegenüber

Ein Grundmaß an sozialen Fähigkeiten vorausgesetzt, haben die wenigen Abgänger die freie Job-Wahl. Begehrten Arbeitgebern wie BMW oder DaimlerChrysler hatten die Stahlbarone dabei jahrzehntelang nichts entgegenzusetzen. Doch die Jobs bei den Zulieferern - also auch bei Stahlproduzenten - werden immer attraktiver. Die Hersteller verkaufen zunehmend veredelten Stahl, der bessere Preise erzielt und die betriebsinterne Wertschöpfungskette verlängert. Bei ThyssenKrupp Steel etwa sind rund 70 Prozent des Stahls, der das Werk verlässt, bereits lackiert, verzinkt oder zu Spezialblech verarbeitet.

Das zweite Zauberwort heißt Simultaneous Engineering. Mit den Autobauern erarbeiten die großen Stahlunternehmen Komplettlösungen: von der Werkstoffidee bis hin zur Karosserie-Fertigung. Um beispielsweise wettbewerbsfähig gegen den Werkstoff Aluminium zu bleiben und den Spritverbrauch zu senken, müssen Autos immer leichter werden - bei gleichzeitig höheren Sicherheitsansprüchen. Die Lösung: maßgefertigte Bleche unterschiedlicher Dicke, Güte und Oberflächenbeschichtung. Zu sehr in die Bastelecke zurückziehen sollen sich die Dipl.-Ings jedoch nicht, denn die Kunden fordern intensive Beratung. Hat ein Einsteiger keine Ahnung von Wirtschaft, findet er in vielen Betrieben umfangreiche Weiterbildungsangebote

Karriereschmiede Netzwerk

"Die Leute merken, dass die Stahlindustrie Herausforderungen bietet", freut sich ein Personalreferent des zweitgrößten deutschen Herstellers Salzgitter AG. "Mittlerweile ist es leichter, an gute Leute zu kommen", findet auch EKO in Eisenhüttenstadt, eine Tochter des weltweit größten Stahlproduzenten Arcelor. Dennoch beäugt die Branche misstrauisch die Personalpolitik der ThyssenKrupp Steel AG, dem mit Abstand größten deutschen Stahlkocher. Im Rollgriff würde der Konzern Jungingenieure vom Markt wegschnappen, um anschließend gründlich sieben zu können, jammern kleinere Wettbewerber.

Karl-Ulrich Köhler, Vorstandsvorsitzender von ThyssenKrupp Stahl, nimmt es im Gespräch mit Junge Karriere locker: "Wir profitieren beim Recruiting davon, dass wir mit Unis zusammenarbeiten - aber auch davon, dass wir einfach einen guten Ruf haben.

Old Economy im Glück

Um Ingenieure wird gekämpft; ein Mangel an BWLern herrscht - wen wundert es - nicht. Die gute Nachricht: Die Stahlindustrie stellt sie immerhin ein, wenn auch nicht so zahlreich wie Ingenieure. Wirtschaftler mit Neigung zum kalten Metall kommen in Controlling, Personal oder als Produktmanager unter.

Der Grund: Jahrelang schrumpften die Hütten, doch jetzt brummt die Stahlindustrie. Die Preise sind stabil, die Auftragslage ist gut. Rund 45 Millionen Tonnen Stahl haben deutsche Unternehmen 2002 produziert und damit das gute Vorjahr noch übertroffen. Hinzu kommt, dass die befürchtete Schwemme aus Drittländern ausblieb - dank der Zollkontingente, mit denen die EU auf die US-Strafzölle antwortete. Auch der stark wachsende Verbrauch in China hat Stahl vom Weltmarkt abgezogen, der sonst nach Europa eingeführt worden wäre.

Um der boomenden Stahlindustrie Chinas etwas entgegenzusetzen, erwarten Branchenkenner in Europa allerdings eine weitere Welle der Konsolidierung - wenn auch vorerst nicht mehr so massiv, denn in den letzten Jahrzehnten hat sich bereits viel getan. Unwirtschaftliche Standorte wurden geschlossen, Massen von Arbeitern entlassen, kleinere Betriebe aufgekauft, und gleich starke haben sich zusammengeschlossen. Thyssen fusionierte mit Krupp, Salzgitter kaufte die Mannesmann Röhrenwerke, aus Unisor (Frankreich), Arbed (Luxemburg) und Arceralia (Spanien) bildete sich der weltweit größte Stahlkonzern Arcelor mit Sitz in Luxemburg. Europas Hütten gelten als international konkurrenzfähig. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", ist Verbandspräsident Dieter Ameling überzeugt.

Recycling auf amerikanisch

Auch in Sachen Umweltschutz. Die Luft in der Umgebung der Werke ist jetzt sauber, die gesetzlichen Auflagen sind streng. Dazu kommt, dass Stahl an sich umweltfreundlich, da gut wieder zu verwerten ist. Wozu auch immer: Aus dem Stahlschrott der eingestürzten Türme des World Trade Centers wird laut Fachblatt "Stahlmarkt" nun ein Kriegsschiff gebaut, das in fünf Jahren unter dem Namen USS New York vom Stapel laufen soll - wohl zur Rettung der freien Welt

Wenn auch die Luft sauber ist - wirklich idyllisch sind die Arbeitsbedingungen nicht. "In der Stahlindustrie arbeitet man in der Regel nicht in repräsentativen Gegenden", heißt es bedauernd bei der Salzgitter AG. Bei ThyssenKrupp Stahl in Duisburg lassen sich noch immer keine Fenster öffnen - wahrscheinlich ein Relikt aus der Zeit, als die Luft noch dick war, und Günter "Ganz unten" Wallraff fiese Arbeitsbedingungen in den Werken aufdeckte

Immerhin: Für die unschöne Umgebung gibt es Schmerzensgeld. Die vom Kölner Staufenbiel-Institut ermittelten Einstiegsgehälter zwischen 38.000 und 41.000 Euro zahlen auch die Stahlunternehmen ihren Ingenieuren. BWLer müssen manchmal mit weniger rechnen.

Ein heißes Eisen sind die Hierarchien in der Branche. Weil das jeder macht, behaupten auch die Stahlunternehmen von sich, flache Strukturen zu haben. Junge Leute kämen relativ schnell in Führungspositionen, was daran läge, dass es in den 80er Jahren lange Zeit Einstellungsstopps gegeben hätte - und nun "führungsfähige" Leute ab 40 fehlten.

Dennoch: "Um weiterzukommen, muss man viel Netzwerkarbeit betreiben und Leute kennen, die einem im Zweifelsfall weiterhelfen", sagt Günter Borchardt, Professor an der Technischen Universität Clausthal. Ein Mitarbeiter von ThyssenKrupp Stahl meint: "Man muss Glück haben und in der richtigen Abteilung landen. Es gibt noch Chefs, die kaum ansprechbar in ihrem Büro thronen." High Tech, aber konservativ. Willkommen in der neuen Old Economy

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl vergibt Stipendien für Metallurgie- und Werkstoffwissenschaftsstudenten. www.stahl-online.de/bildung_und_beruf.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.04.2003