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High-Tech, Gurus und eigener Fahrer

Christoph Mohr. Foto: Pixelio.de
Wolfgang Straub suchte die Veränderung und ließ sich von SAP nach Bangalore schicken. Dort macht er ungewöhnliche Erfahrungen.
Er wollte es so, er suchte das Risiko, und rückblickend betrachtet war es die richtige Entscheidung. Als sich Wolfgang Straub im Oktober 2004 nach acht Jahren bei SAP in Walldorf auf die Stelle des Development Managers bei SAP Labs India bewarb, suchte er die Veränderung. Da kam es ihm entgegen, dass sein Arbeitgeber mehrere Interessierte für eine längerfristige Entsendung nach Bangalore suchte. "Ich war ohnehin auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung, und weil ich die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen spannend finde und - Gott sei Dank - auch die Familie spontan grünes Licht gab, bewarb ich mich", erzählt der heute 44-Jährige. In dem Wechsel nach Bangalore sah er die einmalige Chance, in eine andere Funktion mit Personalverantwortung zu schlüpfen und "andere Talente auszuleben, beziehungsweise erst zu entdecken, und das in einem anderen Kulturkreis".

Heute ist Straub als Chef eines Entwicklungsteams verantwortlich für 20 Mitarbeiter. Die Kollegen sind im Schnitt Mitte 20, "hoch qualifiziert und an anspruchsvollen Aufgaben interessiert". Doch die Personalverantwortung, "gesandwiched zwischen indischen Mitarbeitern und einem indischen Vorgesetzten", wie Straub es nennt, ist nicht immer angenehm. "Viel stärker als bei uns hat für die Inder ein rasch messbarer Karrierefortschritt sehr hohe Priorität - oft angeheizt durch den sozialen Druck von Eltern, Familie und Gleichaltrigen. Solche Erwartungen sind nicht immer leicht zu erfüllen."

Die besten Jobs von allen


Wie Straub erstaunt feststellte, werden auch bei der Entwicklung der Mitarbeiter indische Praktiken angewendet. Ein Workshop des Management Development Programs zum Beispiel fand im Ashram von Sri Sri Ravi Shankar statt, dem Begründer und spirituellen Oberhaupt der Art of Living Foundation. Teil des Programms: Yoga, Atemübungen, Ayurveda und gemeinsame Andacht mit Singen. Aber: "Nach anfänglicher Skepsis war dies vielleicht die beste Erfahrung meines Indien-Aufenthalts."

Auch die materielle Seite hat ihren Reiz. Finanziell steht die Familie in Indien besser da als in Deutschland, sie beschäftigt eine Haushaltshilfe und einen Fahrer. Ihr Haus ist Teil einer Anlage mit ein paar Hundert Wohneinheiten, die durch eine mannshohe Betonmauer abgeschottet ist und durch die palmengesäumten Alleen und akribisch gepflegten Vorgärten eher wie eine kalifornische Vorstadt anmutet. Zu der Anlage gehören auch ein Clubhaus, eine Bibliothek, Restaurants sowie Freizeit- und Sporteinrichtungen.

Damit werden, so sagt Straub, auch die Schattenseiten der schnell wachsenden, sechs Millionen Einwohner großen Metropole erträglich, wie die notorisch verstopften, oft holprigen Straßen und die starke Umweltverschmutzung. "Unser Dorf liegt nur 15 Autominuten vom SAP-Campus entfernt. Das ist ein echter Standortvorteil." Zudem sind die Einkaufsmöglichkeiten in Bangalore zunehmend auf den Bedarf einer internationalen Kundschaft zugeschnitten.

Doch Familie Straub will sich Indien nicht gänzlich verschließen. "Meine Frau erteilt im Rahmen eines gemeinnützigen Projekts kostenlos Englischunterricht in einer nahen Dorfschule." Und sie belegt bei einem Inder einen Kurs in Pranic Healing, eine Technik, bei der Energie ohne Berührung übertragen wird.

Leben und arbeiten in Indien

Wichtigste Firmen:
Indische: Oil and Natural Gas, Reliance Industries, State Bank of India, Indian Oil, ICICI Bank, Tata (Tata Steel, Tata Motors), Infosys
Deutsche: Bosch, Siemens, Daimler, SAP, Thyssen-Krupp, Metro, VW

Wichtigste Städte: Mumbai (Bombay), Delhi, Kolkata (Kalkutta), Chennai (Madras), Bangalore, Hyderabad, Ahmedabad

Durchschnittsgehalt indischer Berufseinsteiger (College): ca. 3500 Euro, Absolvent einer Elite-Uni (IIM): 30000 bis 50000 Euro, MBA-Absolvent (ISB): 24000 Euro (nat.), 94000 Euro (int.)

Leben: Der südindische Reiskuchen Idli kostet in Bangalore auf der Straße 10 Cent, im teuersten Restaurant das Zwanzigfache.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2008