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Hier ruhrt sich was

Alle rühmen das Ruhrgebiet - für seinen Wandel vom Kohlerevier zur Hightech-Region, für seine Innovationsbereitschaft, für seine Fußballkultur, für seine grundsoliden und ehrlichen Einwohner. Ja, ganz toll. Aber mein Gott, wie lange sollen wir uns das noch anhören? Deswegen allein würden wir doch nicht nach Bochum, Dortmund, Duisburg oder Essen ziehen. Niemals! Wir haben andere Gründe gefunden
Wie lebt es sich im Ruhrgebiet?
Revier statt Riviera
Übersicht: Top-Arbeitgeber im Ruhrgebiet
Übersicht: Studieren an der Ruhr

Bochum

Einwohner: 385.626
Arbeitslose: 22.310
Berühmte Bochumer: Wolfgang Clement (Politiker), Herbert Grönemeyer (Sänger), Bastian Pastewka (Komödiant), Peter Scholl-Latour (Journalist)
Autowerkstätten: 98
Sonnenstudios: 25
Discos: 10
Studenten an der Ruhr-Universität: 32.800
Eheberatungsstellen: 3
Internetcafés: 3
Altersstruktur: 0-18 Jahre: 15,9 %, 18-65 Jahre: 64,7 %, über 65 Jahre: 19,4 %
Erotikshops: 3
Hochschulen: 3
Hundefriseure: 9
Große Arbeitgeber: Adam Opel, Gea Group, ThyssenKrupp Automotive
Imbissbuden: 67
Forschungsinstitute: 10

Dortmund

Einwohner: 588.168
Arbeitslose: 42.364
Berühmte Dortmunder: Friedrich A. Brockhaus (Verleger), Dieter Pfaff (Schauspieler), Lars Ricken (Fußballer), Peter Rühmkorf (Schriftsteller)
Kulinarische Spezialität: Stößchen - das Dortmunder Helle, ein derbes untergäriges Exportbier
Wahlspruch der Stadt: Das Herz Westfalens
Autowerkstätten: 109
Sonnenstudios: 34
Discos: 15
Studenten an der Uni Dortmund: 24.000
Eheberatungsstellen: 3
Internetcafés: 5
Altersstruktur: 0-18 Jahre: 17,2 %, 18-65 Jahre: 63,6 %, über 65 Jahre: 19,2 %
Erotikshops: 3
Hochschulen: 3
Hundefriseure: 10
Große Arbeitgeber: Hoesch, Union (Bier), KHS, RWE, Siemens VDO
Imbissbuden: 72
Forschungsinstitute: 30

Die besten Jobs von allen


Duisburg

Einwohner: 501.564
Arbeitslose: 35.525
Berühmte Duisburger: Götz George (Schauspieler), Uwe Lyko alias Herbert Knebel (Komödiant), Wolfram Siebeck (Gastronomiekritiker), Graciano Rocchigiani (Boxer)
Autowerkstätten: 118
Sonnenstudios: 32
Discos: 8
Eheberatungsstellen: 1
Internetcafés: 8
Tagesgericht im U-Café auf dem Campus: Rinderbraten mit Burgundersauce, dazu Kartoffeln und Salat - für 3,30 Euro
Altersstruktur: 0-18 Jahre: 31,4 %, 18-60 Jahre: 42,4 %, über 60 Jahre: 26,2 %
Erotikshops: 6
Hochschulen: 1
Hundefriseure: 7
Große Arbeitgeber: Franz Haniel, Klöckner-Werke, ThyssenKrupp Steel
Imbissbuden: 104
Forschungsinstitute: 8

Essen

Einwohner: 585.430
Arbeitslose: 39.453
Berühmte Essener: Ingo Appelt (Komiker), Oliver Bierhoff (Fußballer), Elke Heidenreich (TV-Moderatorin), Heinz Rühmann (Schauspieler)
Wahlspruch der Stadt: Essen, die Einkaufsstadt
Autowerkstätten: 137
Sonnenstudios: 44
Discos: 7
Eheberatungsstellen: 19
Internetcafés: 7
Altersstruktur: 0-18 Jahre: 16,8 %, 18-65 Jahre: 62,5 %, über 65 Jahre: 20,7 %
Erotikshops: 2
Hochschulen: 2
Hundefriseure: 8
Imbissbuden: 90
Große Arbeitgeber: RAG, KarstadtQuelle, RWE, Hochtief, WAZ Mediengruppe
Schrebergartenvereine: 92
Forschungsinstitute: 16

Erstellt von Martin Roos.

Wie lebt es sich im Ruhrgebiet?

Agnes Jaworski, 21, Pädagogikstudentin, Julia Charakter, 22, Studentin der Medienwissenschaften. Das Ruhrgebiet schweißt zusammen. Die Menschen hier sind herzlicher als in anderen Teilen Deutschlands, fast mediterran. Aber die Städte selber haben leider kaum Flair. Dafür schmeckt hier die Currywurst am besten

Oliver Resken, 39, Taxifahrer. Hier ist es nicht so hektisch und überlaufen, aber man hat, wenn man das Ruhrgebiet als Ganzes sieht, genügend Möglichkeiten, sich zu vergnügen. Und - auch wenn viele es nicht so sehen - ich finde, das Ruhrgebiet ist Städten wie Berlin ebenbürtig

Arnd Hovemann, 33, Wirtschaftsprüfer. Es gibt zum Glück doch so ein paar grüne Oasen und Freizeitmöglichkeiten, aber insgesamt gehen mir das viele Grau und die meist stark zugebauten und industriedominierten Teile des Ruhrgebiets ziemlich auf die Nerven.

Pia Steffen, 32, Studentin der Kunstgeschichte. Ich mag hier die Menschen, die enge Struktur und die sich immer weiter entwickelnde Vielfalt an Kulturangeboten - insbesondere die Zechenkultur. Ich würde auch gerne in einem Zechen-Häuschen wohnen.

Jürgen Grötsch, 30, Café-Betreiber. Ich komme aus Köln und habe vor einem halben Jahr in Essen mein Café eröffnet. Dort versuche ich, den Menschen das spanische Lebensgefühl näher zu bringen, merke aber, dass die Essener verschlossener sind als die Kölner

Achim Illner, 36, Unternehmensberater. Ich habe eine Zeit lang in Baden-Württemberg gewohnt, und da geht es im Gegensatz zum Ruhrgebiet viel verkrampfter und spießiger zu. Die Lebensqualität insgesamt ist entgegen der landläufigen Erwartung bei uns viel höher als im Süden Deutschlands

Anna Geppert, 20, Medizinstudentin. In Düsseldorf gehe ich shoppen und feiern, aber zum Wohnen finde ich den Essener Süden schöner. Der Essener Norden könnte allerdings wirklich etwas Farbe vertragen

Jonas Kacziniski, 18, Abiturient. Ich finde es praktisch hier zu wohnen, weil man so leicht in andere Städte fahren kann - für mich birgt das zum Beispiel auch die Möglichkeit, woanders zu studieren und trotzdem in der Nähe von Familie und Freunden zu wohnen

Marcel Weber, 24, Medizinstudent. Ich wohne seit drei Jahren in Essen, habe vorher in Halle gelebt. Essen ist nicht gerade eine Studentenstadt - eher eine Stadt zum Arbeiten.

Katharina te Uhle, 25, Radiomoderatorin. Eigentlich komme ich aus dem Münsterland, und dort war es definitiv ruhiger, was Vorteile hat, weil man zum Beispiel nicht immer Martinshorn hört, wenn der Notarztwagen vorbeifährt oder die Feuerwehr mal wieder im Einsatz ist.

Julia Hörich, 29, Notarfachangestellte. Schön finde ich hier, dass auf engstem Raum ganz viele verschiedene Leute zusammenwohnen. Manchmal würde ich mir zwar eine bessere Luft wünschen, aber wegzuziehen könnte ich mir erst mal nicht vorstellen.

Malte Woltmann, 32, Projektmanager Logistik. Das Ruhrgebiet ist nicht schön, aber die Atmosphäre ist trotzdem nett, weil man schnell mit anderen in Kontakt kommt.

Patrick Fiedorra, 22, Kaufmann für Bürokommunikation. Mir gefällt das Centro in Oberhausen. Was mich ziemlich stört ist, dass viele Gegenden mit Häusern zugebaut werden. Dafür gibt's im Ruhrgebiet aber eine Menge hübscher Mädchen.

Kai Konschak, 25, Barkeeper. Ich bin vor einiger Zeit nach Köln gegangen und wieder zurückgekommen, weil ich die Kölner viel zu hektisch und unzuverlässig fand - Die Menschen im Ruhrgebiet sind nicht immer freundlich, aber zuverlässig.

Bo-Hyun Chung, 32, Bauwesenstudent. Ich mag zwar persönlich Hamburg sehr gern, aber das Ruhrgebiet hat meiner Meinung nach nicht weniger zu bieten als die Hansestadt.

Katharina Heisterkamp, 25, BWL-Studentin. Die Lage ist gut - man ist schnell in Düsseldorf und Köln. Aber Essen ist nicht meine Traumstadt.

Stefan Gewisler, 34, Rechtsreferendar. Was nervt ist, dass es hier immer noch nicht ausreichend fahrradfreundlich ist.

Guillermo Pineiro, 34, Lehrer. Den Menschen geht es hier wirtschaftlich nicht so gut. Hier gibt es auch viel zu viele Kettenrestaurants mit uniformierten Kellnern. Das schafft kein Flair. In den 80ern spielten in der Zeche Bochum oder in Dortmund noch eine Menge Bands. Heute treten die meisten Bands nur noch in Düsseldorf und Köln auf

Umfrage: Cigdem Dolap

Revier statt Riviera

Oberhausen - das war vor wenigen Jahren noch der Inbegriff von Entenhausen, nur noch verstaubter. Doch das Ruhrgebiet ist schon längst Kulturgebiet und selbst Oberhausen ist im Wandel - auch dank Verena Breuckmann, 28, und Christina Antwerpen, 29. Die beiden Existenzgründerinnen haben das In Hostel Veritas gegründet, und damit den Kultort für Touristen.

Nur der Papst war noch nicht da. Sonst eigentlich jeder. Fast jeder. Vom mehrfachen Familienvater über den Beine glatt rasierten Fahrradfahrer, von den hemmungslos feiernden Studenten, Musicalanbetern, Rock- und Popbands und Fußballteams bis zu reiselustigen Rentnern, Ex-Zechenarbeitern und Backpackern aus aller Welt. 10.000 Gäste kommen jährlich in das In Hostel Veritas, ein ehemaliges Verwaltungsgebäude einer Zeche. Und es werden immer mehr. Denn hier lebt noch das Ruhrgebiet-Feeling.

Für eine vergängliche Spinnerei hielten Familie und Freunde die Idee der damals erst 23-jährigen Christina Antwerpen. Mit ihrer Freundin Verena Breuckmann wollte sie Oberhausens erstes Backpacker-Hostel eröffnen. Vor allem Banken taten sich mit der Idee schwer. Von mehr als 20 angeschriebenen Instituten kamen höfliche Absagen oder erst gar keine Rückmeldungen zurück. Eine einzige Bank gab den jungen Frauen nach langem Hin und Her endlich eine mündliche Zusage. "Das war an einem Freitag in Anwesenheit unseres Unternehmensberaters", erzählt Christina. "Wir waren überglücklich - bis am Dienstag darauf die Zusage telefonisch wieder zurückgenommen wurde." Die Mietverträge mit den Vermietern des alten Zechengebäudes hatten die beiden Gründerinnen unmittelbar nach der mündlichen Zusage des Bankangestellten unter Dach und Fach gebracht - nur ein Kredit war noch immer nicht in Sichtweite

"Jeder, der einen Traum verwirklichen will, muss eine große Hürde überwinden", glaubt Christina. "Ich sah das Kreditproblem als große Hürde. Das spornte mich noch an. Und auch Verena, die schon kurzzeitig den Glauben an unseren Traum verloren hatte, konnte ich vom Weitermachen überzeugen.

Es sollte sich lohnen: Während Verena den Vermietern im alten Zechengebäude vorgaukelte, die Renovierungsarbeiten könnten jeden Moment losgehen, sprach Christina bei der Wirtschaftsförderung der Stadt Oberhausen vor, die dann auch prompt das Land NRW und schließlich die Sparkasse einschaltete. "Wenn Christinas Willensstärke erst mal so richtig angestachelt wird, kann sie Eskimos Kühlschränke verkaufen", ist Verena von der Durchsetzungskraft ihrer Freundin überzeugt. Die Sparkasse hatte den beiden Jungunternehmerinnen zuvor mit der Begründung abgesagt, es sei schwer vorstellbar, dass genug Touristen bereit wären, in Acht-Bett-Zimmern zu übernachten

Von der Oberhausener Wirtschaftsförderung beauftragt, schienen die 50.000 Euro pro Kopf von der Sparkasse und das zur damaligen Zeit einzige EU-geförderte Nachhangdarlehen von 100.000 Euro seitens der Landesregierung aber kein Problem mehr zu sein. Es folgte eine schwierige Geburt von sechs Wochen Bau-, Streich-, Mal- und Putzarbeiten, unzähligen Einkäufen und bürokratischen Formularen, bis "das Baby", wie es die Hostel-Gründerinnen nennen, endlich getauft werden durfte - In Hostel Veritas

Was das Hostel sympathisch macht, ist nicht zuletzt die authentische Art der beiden Geschäftsführerinnen: "Wir können eben auch locker mal sagen: Ey Freundchen, wat hasse da gesacht? Sach dat nomal do. Dat gibbet dogarnich." Die Gäste sollen den Pott fühlen. "Den noch so großen Skeptiker durch kulturelle Ruhrgebiets-Highlights, Geheimtipps und einer gehörigen Portion Ruhrpott-Charme zu bekehren, ist für uns das Größte."

Zuckerbrot und Peitsche

Dazu gehört für die beiden Frauen auch, dass ihre acht Mitarbeiter regelmäßig einen Wissenstest zum Ruhrgebiet schreiben. Wer durchfällt, wird auf der Gehaltsskala zurückgestuft: "Das muss sein. Damit die Mitarbeiter begreifen, dass ausgiebige Gästeberatung für uns im Service mit inbegriffen ist", sagen die Ruhrgebiets-Patriotinnen

Service wird groß geschrieben im Hostel Veritas. Das fängt morgens mit Frühstück an: Im hellen, gemütlichen Wintergarten mit eher Hostel-untypischem Tennisclub-Ambiente gibt es für 4,90 Euro ein vielfältiges Buffet, das dem eines Sterne-Hotels in nichts nachsteht. Im Gegenteil: Von Muttis selbst gekochter Marmelade und "den allerbesten Brötchen der Welt" - wie die Hostel-Frauen hoch und heilig versprechen - könnte sich so manches Sterne-Hotel vielleicht noch was abgucken

Direkte Konkurrenz gibt es ohnehin nicht. "Die Jugendherbergen haben ohne Grund Angst vor uns. Wir haben eine ganz andere Zielgruppe als die, nämlich erwachsene Individualtouristen", erklärt Christina. Überhaupt verhielten sich Jugendherbergen zu Hostels wie Roncalli zu Flic Flac. "Wir Hostels sind alternativ und haben viel mit Kunst und Kultur am Hut.

In puncto Komfort muss sich das Hostel im Vergleich zur guten alten Jugendherberge nicht verstecken. "Schwer deluxe", findet ein Schüler die Zimmer, und seine beiden Kumpel scheinen ihm da zuzustimmen. Das 43-Betten-Hostel mit seinen fröhlich bemalten Fußball-, Strichmännchen- und Engelchen-Zimmern ist heute komplett mit zwei Schulklassen belegt. Gerade eingetroffen, springen sie aufgeregt zwischen den Zimmern umher, um sich das - nach individuellem Kunstgeschmack - beste auszusuchen.

"Das hier so viele Schüler sind, ist eher eine Ausnahme", erklärt Verena, "die bleiben nur einen Tag. Wir beherbergen normalerweise keine Schulklassen. Es rufen ständig welche an, aber unsere Antwort ist immer dieselbe: Landschaftspark Duisburg-Nord - schöne Jugendherberge - viel Spaß.

Die beiden Oberhausenerinnen sind mit dem Geschäft zufrieden: "2006 war schon bombig - wir hatten insgesamt bis zu 60 Prozent Auslastung. Aber 2007 wird nach unseren Rechnungen das WM-Jahr sogar noch toppen." Auch die nächsten Jahre versprechen einen Boom - vor allem wenn 2010 Tausende von Touristen das Revier besuchen, um die Region als europäische Kulturhauptstadt zu erleben. An den Erfolg der beiden Frauen glaubt inzwischen sogar der anfangs größte Skeptiker der Hostel-Gründung: Vor wenigen Monaten betrat der Bankangestellte von einst, der den Kreditantrag der beiden Existenzgründerinnen zuerst bewilligt hatte, um ihn dann wieder abzulehnen, das Hostel. Er hielt hier einen Vortrag über seine gründerfreundliche Bank

Cigdem Dolap Gute Noten vom Reviervolk
Nicht nur bei den Unternehmen, die bei ihren Investitionsentscheidungen inzwischen verstärkt auf "weiche Faktoren" wie Bildungs- und Kulturumfeld achten, kommen solche Initiativen gut an. Auch die Bewohner schätzen die schönen Seiten ihres neuen Reviers, wie eine Studie des Bochumer Instituts für angewandte Kommunikationsforschung belegt: Drei von vier Befragten fühlen sich in ihrer Heimat wohl, nur vier Prozent bemängeln noch die Lebensqualität. Berlin, Köln und München schnitten in der Umfrage schlechter ab. Punkten konnte der Pott bei den Einkaufsmöglichkeiten, den Grünflächen, der Gastronomie- und Freizeitszene und den günstigen Mieten. Lediglich die Arbeitslosigkeit von über 14 Prozent - eine Altlast aus den Bergbauzeiten - und die hohe Verschuldung einiger Kommunen verhageln dem Revier noch die Ergebnisse in anderen Städterankings. Doch bis sich das ändert, ist es wohl nur eine Frage der Zeit. Denn so dynamisch wie das Ruhrgebiet wandelt sich kaum eine andere Region. Und die Luft ist inzwischen so sauber, dass im Essener Grugapark seit sechs Jahren Kuren angeboten werden

Patrick Mönnighoff


RUHRPOTT-DUDEN: Mamma Lalla
Abplauzen: Auf dem Sofa rumhängen und sich den Bauch mit Chips und den Kopf mit Pils vollhauen. Typische Beschäftigung im Ruhrgebiet zur Regeneration nach Stress.
Auskoddern: Sich lebhaft und durchaus gefühlsbetont den Frust von der Seele reden, wobei das Publikum selten zu Wort kommt.
Bekakeln: In lockerer Runde Probleme diskutieren, die im Interesse aller ausgeräumt werden.
Erpelschluth: Kartoffelsalat. Typisches Festtagsgericht, mit dem Gäste billig, aber reichlich abgefüttert werden können.
Eschek: Menschen, die einem nicht sonderlich sympathisch sind.
Heiopei: Sprunghafte, wenig zuverlässige Person ("Den Heiopei kannze nonimma en Kellerschlüssel inne Hand geben").
Kamuffel: Jemand mit kurzzeitigen geistigen Aussetzern. Kein hoher Beleidigungsgrad, eher mit einer gewissen Liebenswürdigkeit gemeint.
Lalla: Musik. "Mamma Lalla" ist die Aufforderung, ein Radio einzuschalten oder ein Instrument anzustimmen. "Lalla-balla" heißt der Zustand, der eintritt, nachdem man sich durch Musik aufgeputscht hat.
Quaterkopp: Jemand, der gern und vor allem ausdauernd mit anderen Menschen über alles Mögliche redet.
Strulli: Mensch mit wenig Ausstrahlung. Erscheint dümmlich, aber nicht unsympathisch - ein recht netter Trottel eben.
Strunzen: angeben, sich großtun; stärker als "aufn Putz haun"; verächtlichere Abwertung als der Vorwurf "aufe Kacke haun"; Graf Strunz: Person, die die eigenen Fähigkeiten dauernd übertrieben zur Schau stellen will

Quelle: Werner Boschmann, Lexikon der Ruhrgebietssprache
Comedy dot Pott
Comedy-Shows auf allen Kanälen - die neue deutsche Spaßkultur boomt. Und wo kommen sie her, die Atze Schröders dieser Welt? Natürlich aus dem Pott. Zwischen Essen und Dortmund steht die Wiege der Stand-up-Comedians. Die Bühne, auf der Christian Hirdes an diesem Abend auftritt, ist gar keine. Eine unbestuhlte Zone an der Front des Theatersaals in den Flottmannhallen in Herne - mehr braucht der 31-Jährige nicht für die "Anmache" - so heißt sein neues Comedy-Programm. Auf das freie Fleckchen hat Hirdes Keyboard, Boxen und ein paar Utensilien gequetscht, viel Aktionsradius bleibt nicht. Die erste Zuschauerreihe beginnt direkt vor seinen Füßen.
Das Kleinkunst-Publikum an der Ruhr ist anspruchsvoll. Wie Hirdes, der Anti-Typ, da im feuerroten Shirt auf der Bühne steht - hängende Schultern, Schlenkerarme, Allerweltsgesicht -, springt noch kein Funke über. Erst als der Schlacks zum Kind mutiert, das an der Bude eine gemischte Tüte zu drei Mark bestellt und den jungen Mann hinter sich in den Wahnsinn treibt, wehen die ersten Lacher durch den Saal. Sketch für Sketch arbeitet sich der Mann in Rot in die Herzen des Publikums vor

Karriere von unten
Christian Hirdes ist einer von zahlreichen Nachwuchskomikern, die im Ruhrgebiet ihr Bühnenglück suchen. Comedy-Stars wie Atze Schröder, Dr. Stratmann oder Helge Schneider haben ihre Karrieren auf kleinen Bühnen im Pott begonnen und kamen genauso wenig wie Hirdes über Nacht zu Ruhm. Helge Schneider brauchte sieben Jahre für den Durchbruch. So lange schlug sich der Kabarettist als Verkäufer bei Neckermann, Bürogehilfe, Straßenfeger, Fließbandarbeiter und Landschaftsgärtner durch.
Christian Hirdes bringt es immerhin schon auf zehn Auftritte im Monat. Nicht eben viel, doch lässt sich "von den Einnahmen gut leben", sagt er. Seine Entwicklung vom Hobby-Comedian zum Vollzeit-Entertainer vollzog sich wie bei den meisten Kollegen schleichend. "Ich habe an regionalen Wettbewerben teilgenommen und bin bei kleinen Veranstaltungen aufgetreten. So kam ich an weitere Aufträge", sagt Hirdes.
Beziehungen sind alles in der Branche. "Wahllos Demo-Material zu verschicken, macht wenig Sinn", sagt Christian Strüder, der die Auftritte in den Flottmannhallen organisiert. Auch Vermittlungsagenturen wie die Arthaus-Produktion aus Bonn gehen vor Ort auf Talentsuche: "Wenn es einen guten Nachwuchskünstler gibt, sehen wir ihn uns erst einmal aus der Nähe an. Wir nehmen niemanden, den wir nicht live gesehen haben", sagt Markus Krause, einer der Agenturchefs.

Kleinkunst an jeder Ecke
Im Pott gibt es 15 Musik-, Landes- und Stadttheater, rund 30 sozio-kulturelle Zentren und eine Vielzahl an Auftrittsmöglichkeiten in Kneipen und Bars. Die Kleinkunst blüht an der Ruhr, verglichen mit dem Rest der Republik: Das gesamte Land Niedersachsen bringt es gerade mal auf zehn öffentlich finanzierte Theater, in Rheinland-Pfalz sind es fünf.
Kaum sonst irgendwo erhält der Comedy-Nachwuchs so vielfältige Startchancen wie zwischen Essen und Dortmund. Auf einigen Bühnen gehören Anfänger-Wettbewerbe sogar zum Standardprogramm. Neben den Flottmannhallen, wo regelmäßig Comedy-Contests stattfinden, bieten auch die Zeche Carl in Essen und das Cabaret Queue in Dortmund eigene Nachwuchsveranstaltungen an. Wer als Komiker Karriere machen will, kommt an derartigen Events nicht vorbei.
Noch vor zwei Jahren war auch Christian Hirdes mehr als skeptisch, ob ihm der Durchbruch gelingen würde. Er traute sich nicht einmal, zum Klassentreffen seines Abiturjahrgangs zu gehen. Zu groß war seine Angst, dass alle anderen von ihren tollen Jobs berichten würden, während er nicht einmal eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen konnte. Sein Lehramtsstudium hatte er schon längst abgeschrieben.

Tegtmeiers Erben
Heute muss sich Hirdes nicht mehr verstecken. Vor wenigen Wochen gewann er den Publikumspreis beim Nachwuchswettbewerb "Tegtmeiers Erben", eine unter jungen Künstlern begehrte Trophäe. Zu seinem anschließenden Auftritt in den Flottmannhallen kamen trotz Schneechaos 150 Leute, ohne dass viel Werbung gemacht wurde.
Ob Hirdes mal eine eigene Fernsehshow wie Atze Schröder bekommt - wer weiß? Veranstalter Strüder traut dem Bochumer viel zu: "Er hat sich kontinuierlich weiterentwickelt, und die Comedy, die er macht, dürfte auch außerhalb des Ruhrgebiets gut ankommen. Gut möglich, dass er bald Auftritte im ganzen Bundesgebiet hat."
Hirdes würde das schon reichen. "Dass mir irgendwann wilde Teenies in der Fußgängerzone hinterherlaufen, ist eh nicht so mein Ding." Ein anonymes Leben im Dschungel der Großstadt kann er sich allerdings jetzt schon abschminken. Nach seinem Auftritt in Herne kennen ihn wieder 150 Menschen mehr. Als er später die zu den Flottmannhallen gehörende Kneipe betritt, lächeln ihm ein paar Damen zu, zwei Männer zeigen auf ihn. Man erkennt Christian Hirdes, den Mann mit dem Allerweltsgesicht, mittlerweile auch ohne sein feuerrotes Bühnenshirt

Melanie Bergermann
Die Top-Comedy-Bühnen

Bahnhof Langendreer
Hier treten laufend Kabarett- und Comedygrößen auf. Auch der Nachwuchs kriegt eine Chance. Wallbaumweg 108, 44894 Bochum, 0234.6871610

Cabaret Queue
Bühne sowohl für lokale Anfänger als auch für bekannte Kabarettisten wie Lioba Albus oder Andrea Badey. Hermannstr. 74, 44263 Dortmund-Hörde, 0231.413146

Flottmannhallen
Regelmäßig finden Comedy-Wettbewerbe statt, zum Beispiel Tegtmeiers Erben oder Ruhr Pott Battle. Flottmannstr. 94, 44625 Herne, 02323.162951

Zeche Carl
Seit über 20 Jahren veranstaltet die Zeche Diskussionsabende und Kabarett. Jeden Monat stellen sich Newcomer beim "Comedy Carl" dem Publikum. Wilhelm-Nieswandt-Allee 100, 45326 Essen, 0201.8344410


Top-Arbeitgeber im Ruhrgebiet*

*gelistet nach der Anzahl der Mitarbeiter (Deutschland)

Tengelmann
Geschäftsfeld: Handel
Beschäftigte: 81 620
Kontakt: Wissollstr. 5-43, 45478 Mülheim an der Ruhr, www.tengelmann.de

RAG
Geschäftsfeld: Energie, Chemie, Immobilien
Beschäftigte: 81 297 (weltweit 103 960)
Kontakt: Rellinghauser Str. 1-11, 45128 Essen, www.rag.de

KarstadtQuelle
Geschäftsfeld: Handel
Beschäftigte: 65 000
Kontakt: Theodor-Althoff-Str. 2, 45133 Essen, www.karstadtquelle.com

RWE
Geschäftsfeld: Versorger
Beschäftigte: 43 579
Kontakt: Opernplatz 1, 45128 Essen, www.rwe.de

Thyssenkrupp Steel
Geschäftsfeld: Stahl
Beschäftigte: 34 750
Kontakt: Kaiser-Wilhelm-Str. 100, 47166 Duisburg, www.thyssenkrupp-steel.com

Thyssenkrupp Technologies
Geschäftsfeld: Maschinenbau
Beschäftigte: 13 812
Kontakt: Am Thyssenhaus 1, 45128 Essen, www.thyssenkrupp-tech.com

Franz Haniel
Geschäftsfeld: Handel, Rohstoffe
Beschäftigte: 12 336
Kontakt: Franz-Haniel-Platz 1, 47119 Duisburg, www.haniel.de

Thyssenkrupp Automotive
Geschäftsfeld: Automobilzulieferer
Beschäftigte: 12 041
Kontakt: Alleestr. 165, 44793 Bochum, www.thyssenkrupp-automotive.com

Hochtief
Geschäftsfeld: Bau
Beschäftigte: 9 423
Kontakt: Opernplatz 2, 45128 Essen, www.hochtief.de

Waz Mediengruppe
Geschäftsfeld: Medien
Beschäftigte: 8 000
Kontakt: Friedrichstr. 34-38, 45128 Essen, www.waz-mediengruppe.de

Gea group
Geschäftsfeld: Maschinenbau
Beschäftigte: 7 349
Kontakt: Dorstener Str. 484, 44809 Bochum, www.gea-ag.de

Adam Opel
Geschäftsfeld: Automobilbranche
Beschäftigte: 7 000 (Standort Bochum)
Kontakt: Dannenbaumstr. 35, 44803 Bochum, www.opel.de

Océ
Geschäftsfeld: Drucktechnik
Beschäftigte: 3 000
Kontakt: Solinger Str. 5-7, 45481 Mülheim an der Ruhr, www.oce.com

Klöckner
Geschäftsfeld: Handel, Werkstoffe
Beschäftigte: 1 805
Kontakt: Am Silberpalais 1, 47057 Duisburg, www.kloeckner.de

Studieren an der Ruhr
Staatliche Hochschulen

Universität Duisburg-Essen
33 557 Studenten
Stark in: Geisteswissenschaften, Biologie, Chemie Physik, Elektrotechnik
www.uni-duisburg-essen.de

Fernuni Hagen
33 094 Studenten
Stark in: Mathematik, Politik, Wirtschaft
www.fernuni-hagen.de

Ruhr-Universität Bochum
30 212 Studenten
Stark in: Naturwissenschaften, Informatik, Erziehungswissenschaften
www.ruhr-uni-bochum.de

Universität Dortmund
21 019 Studenten
Stark in: Naturwissenschaften, Technik, Pädagogik
www.uni-dortmund.de

Fachhochschule Dortmund
8 635 Studenten
Stark in: Wirtschaft, Kommunikationstechnik
www.fh-dortmund.de

Fachhochschule Gelsenkirchen
5 918 Studenten
Stark in: Wirtschaft, Maschinenbau, Informatik
www.fh-gelsenkirchen.de

Fachhochschule Bochum
4 630 Studenten
Stark in: Betriebswirtschaft, Maschinenbau, Mechatronik
www.fh-bochum.de

Folkwang Hochschule Essen
1 062 Studenten
Stark in: Musik, Kunst
www.folkwang-hochschule.de

Private und andere Hochschulen
Fachhochschule für Oekonomie & Management Essen
5 621 Studenten
Stark in: Wirtschaft
www.fom.de

Evangelische Fachhochschule Bochum
2 066 Studenten
Stark in: Heilpädagogik, Pflege, Sozialarbeit
www.efh-bochum.de

Technische Fachhochschule Bochum
1 305 Studenten
Stark in: Betriebswirtschaft, Maschinenbau
www.tfh-bochum.de

Private Universität Witten/Herdecke
1 117 Studenten
Stark in: Wirtschaft, Medizin, Zahnmedizin
www.uni-wh.de

International School of Management Dortmund
724 Studenten
Stark in: Wirtschaft
www.ism-dortmund.de

Quelle: Hochschulrektorenkonferenz
Dieser Artikel ist erschienen am 12.05.2006