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Herrscher über den Bondmarkt

Von Torsten Riecke
Bill Gross ist der unumstrittene Star am ansonsten grauen Rentenmarkt. Seit fast 20 Jahren leitet er den Pimco Total Return Fund, den größten Anleihefonds der Welt. Pimco ist das Maß aller Dinge im Anleihehandel.
NEW YORK. Pimco hat keine Außenpolitik. Ich aber?, schreibt Bill Gross in seinem jüngsten Investment-Ausblick. Eigentlich würde man vom Chef des größten Anleihehändlers der Welt an dieser Stelle Analysen und Empfehlungen für die Bondmärkte erwarten. Stattdessen beginnt der 61-jährige Manager seine monatliche Tour d?Horizon mit einer beißenden Kritik an der Irak-Politik der amerikanischen Regierung. Erst danach lässt er sich über die Zinsentwicklung unter dem neuen US-Notenbankchef Ben Bernanke aus.Dass Gross sich solche Eskapaden leisten kann, unterstreicht seinen wohl einzigartigen Status als ?König der Bondmärkte? ? so der Titel einer Biographie. Der hagere Marathonläufer mit dem schmalen, lang gezogenen Schnurrbart und der hohen Stirn dirigiert bei der Allianz-Tochter Pimco ein Vermögen von mehr als 500 Mrd. Dollar. Das ist mehr als die Schweiz in einem Jahr erwirtschaftet.

Die besten Jobs von allen

Sein Wort hat an den Anleihemärkten deshalb fast ebenso viel Gewicht wie das von Alan Greenspan, dem legendären Chef der US-Zentralbank. Wenn Gross morgens um sechs Uhr von seinem Kommandostand in Newport Beach/Kalifornien mit einem Mausklick Milliarden um den Globus verschiebt, bewegt er damit Märkte. Die Händler haben ?einen enormen Respekt? vor ihm, sagt Mark Spindel, Investment-Manager bei der Weltbank in Washington.Eine Kostprobe seiner Marktmacht bekam der US-Mischkonzern General Electric (GE) zu spüren. Weil Gross die kurzfristige Verschuldungspolitik des wertvollsten Unternehmens der Welt nicht gefiel, verkaufte er vor drei Jahren kurzerhand Schuldtitel der Finanztochter GE Capital im Wert von einer Mrd. Dollar. Der Warnschuss saß: Der Aktienkurs von GE sackte ab, und der Konzern schichtete seine Schulden in länger laufende Papiere um.Einigen ist Gross schon zu mächtig geworden. Kürzlich wurde Pimco von einem Investor verklagt, weil die Gesellschaft angeblich den billionenschweren Markt für US-Staatsanleihen manipuliert haben soll. Das amerikanische Finanzministerium leitete gar eine Untersuchung der Vorfälle ein. ?Wir hatten damit jedoch nichts zu tun, und die Sache hat sich inzwischen wohl erledigt?, sagt Gross.Wer den Großinvestor in der Pimco-Zentrale am Palmenstrand südlich von Los Angeles besucht, spürt zunächst kaum, dass hier einer der mächtigsten und reichsten Geldmanager der Welt residiert. Er wirkt zwar nicht so bodenständig wie die Anleger-Legende Warren Buffett, aber auch nicht so unnahbar wie der erfolgreiche Spekulant George Soros. Seine pinkfarbene Krawatte trägt Gross offen wie einen Schal um den Hals. Sein Händedruck ist zurückhaltend, fast weich, seine Stimme leise und ein wenig krächzend. Über seine milliardenschweren Anlageentscheidungen spricht er, als handele es sich um den Kauf einer Krawatte in einer der Designer-Boutiquen auf der anderen Straßenseite.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Herausforderung der Beste zu sein?Die Herausforderung ist, immer der Beste zu sein?, sagt Gross ? und offenbart damit, welch brennender Ehrgeiz ihn umtreibt. Nicht nur im Geschäft, für das der Familienvater schon mal um drei Uhr früh kurz aufsteht, um die Kurse in Asien zu prüfen. Auch im Sport ist Gross ein Dauerläufer. Einmal lief er sechs Marathon-Rennen in sechs Tagen. Entspannung findet der Pimco-Manager beim Yoga ? ?da kommen mir die besten Anlageideen?.In seiner Jugend war Basketball seine große Leidenschaft. Der Sohn eines Stahlverkäufers aus dem Mittleren Westen ging extra zur renommierten Duke University nach Durham/North Carolina, um dort neben dem Psychologiestudium eine Profikarriere zu starten. Doch dieser Traum erfüllte sich ebenso wenig wie der, als Jet-Pilot nach Vietnam zu fliegen.Auf dem Olymp der Finanzwelt hält sich Gross sich nun schon fast 20 Jahre. Im vergangenen Jahrzehnt erntete der von ihm direkt verwaltete Total Return Fonds eine Rendite von 7,63 Prozent und schlug damit 95 Prozent der Konkurrenz. Im Hinblick auf Größe und Erfolg ist Gross auf den Bondmärkten das Maß aller Dinge.Unfehlbar ist er jedoch nicht. So sagte er noch im Spätsommer voraus, dass die US-Notenbank die Leitzinsen nicht über die Marke von vier Prozent anheben werde. Der Meilenstein ist mittlerweile erreicht, und die nächste Erhöhung Mitte Dezember gilt als sicher. Der Pimco-Lenker hat seine Prognose inzwischen korrigiert. Als seine größten Verluste bezeichnet er die Investments in die beiden Unternehmen Enron und Worldcom, deren Pleiten Gross jeweils 100 Mill. Dollar gekostet haben.Doch Rückschläge beunruhigen den Manager ebenso wenig wie der Erfolgsdruck und der tägliche Umgang mit Milliardensummen. ?Es ist alles nur ein Spiel?, sagt er mit einem verschmitzten Poker-Grinsen. Die Analogie zum Spiel ist nicht zufällig. Verdiente Gross doch in den 60er-Jahren sein erstes Geld in den Casinos von Las Vegas. Nachdem er das Buch ?Beat the Dealer? des Mathematikers und späteren Hedge-Fonds-Managers Edward Thorp verschlungen hatte, reiste er mit 200 Dollar in das Spieler-Mekka. Beim ?Black Jack? machte Gross daraus innerhalb von vier Monaten 10 000 Dollar.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vom Coupon-Schneider zum Meister seines Fachs Sein jährliches Anfangsgehalt bei der Pacific Mutual Life Insurance war nicht viel höher. Schnell arbeitete sich das Anlagetalent jedoch vom Coupon-Schneider zum Meister seines Fachs nach oben und brachte später einen Hauch von Glamour in den sonst so grauen Rentenmarkt.Als die Allianz Pimco 1999 für 3,3 Mrd. Dollar übernahm, strich Gross für seine Anteile an dem Unternehmen stolze 230 Mill. Dollar ein. Darüber hinaus zahlte ihm die Allianz neben seinem üppigen Gehalt in den vergangenen fünf Jahren eine Halteprämie von jeweils 40 Mill. Dollar. Ein märchenhafter Vertrag, den der deutsche Versicherungskonzern gerade um zwei Jahre verlängert hat. ?Pimco ist der beste Manager von festverzinslichen Wertpapieren auf dem Markt, und es gibt viele Gründe, warum seine Manager für immer dabei bleiben sollten?, begründete Allianz-Vorstand Joachim Faber die Vertragsverlängerung.Faber nimmt es auch hin, dass sein Star-Investor aus Kalifornien nur einmal pro Jahr ins Flugzeug steigt, um seinen Chef in München zu besuchen. ?Ich reise eben nicht gern?, sagt Gross mit einem leichten Achselzucken. Der ?Bond-Guru? (Gross über Gross) spricht lieber vom firmeneigenen TV-Studio aus zu seinem Publikum rund um den Globus. So gehört der Pimco-Gründer zum kleinen Expertenkreis, der regelmäßig im US-Fernsehen die Zinsentscheidungen der Notenbank kommentiert.Wem das nicht reicht, der tippt einfach den Namen Bill Gross auf die populäre Musik-Webseite iTunes ein. Neben den neuesten Hits von Bruce Springsteen können sich die Fans des Bond-Königs jetzt auch dessen monatliche Anlagetipps auf ihren iPod herunterladen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Stiller Riese aus Kalifornien Als Bill Gross 1971 seinen ersten Job beim US-Versicherer Pacific Life antrat, startete er zunächst als Coupon-Schneider im Anleihehandel. Dort traf er James Muzzy und William Podlich. Zusammen überredeten die drei ihren damaligen Chef, ihnen die Verantwortung für einen Aktienfonds von fünf Mill. Dollar zu übertragen. Gross legte das Geld an, Muzzy betreute die Kunden, Podlich hielt den Laden zusammen.So entstand 1971 die Pacific Investment Management Company ? kurz Pimco. Heute ist Pimco mit Abstand der weltgrößte Händler von festverzinslichen Wertpapieren. ?Was unseren Erfolg ausmachte, war die Tatsache, dass jeder von uns etwas anderes beisteuerte?, sagte Muzzy rückblickend in einem Interview. Er habe vor wichtigen Anlageentscheidungen kein Auge zugetan. Gross dagegen sei sehr entscheidungsfreudig.1982 machte sich das Trio von Pacific Life selbstständig, zwölf Jahre später folgte die Notierung an der New Yorker Börse. Das Anlagevermögen war inzwischen auf 57 Mrd. Dollar gestiegen. Zwischenzeitlich hatte Gross den Total Return Fonds aufgelegt. Der größte Einzelfonds der Welt ist bis heute das Flaggschiff von Pimco.Als das Vermögen fast 200 Mrd. Dollar erreicht hatte, wurde der Allianz-Konzern auf Pimco aufmerksam. Die Münchener wollten in die lukrative Vermögensverwaltung in den USA einsteigen, Pimco suchte einen Partner, um in Europa voranzukommen. Das Geschäft kam aber erst zustande, nachdem sich beide Seiten geeinigt hatten, wer künftig das Sagen haben sollte. Der Kompromiss ist wohl einzigartig in der Finanzbranche: Die Allianz kaufte für 3,3 Mrd. Dollar 70 Prozent der Pimco-Anteile, lässt die Geldmanager seitdem jedoch weitgehend ungestört ihren Job machen.Die Partnerschaft hat sich für beide Seiten bezahlt gemacht. Pimco erwirtschaftet höhere Renditen als die meisten Konkurrenten. Und die Köpfe der US-Gesellschaft sind dabei geblieben, statt sich nach der Übernahme mit einem goldenen Handschlag zu verabschieden. In München hat Pimco mit dem 36-jährigen Scott Mather einen Statthalter, der die Investment-Philosophie seines Chefs in Kalifornien erfolgreich kopiert. In den vergangenen beiden Jahren lag sein Euro Bond Total Return Fonds vor der Konkurrenz.Gross erklärt den Erfolg von Pimco mit der besonderen Firmenkultur. Die Hierarchien sind extrem flach, der Umgang zwischen den Mitarbeitern ist locker und kooperativ. Gross selbst hat seinen Schreibtisch mitten im großen Handelssaal in der Firmenzentrale.Eine richtige Krise hat Pimco eigentlich erst einmal erlebt. 2004 verklagte der Generalstaatsanwalt von New Jersey die Gesellschaft wegen angeblicher Handelsmanipulationen. Doch Gross und seine Partner gingen in die Offensive und drängten auf eine Entscheidung vor Gericht. Der Staatsanwalt musste seine Vorwürfe später zurückziehen.torLesen Sie weiter auf Seite 5: Dem Meister in die Karten geschautDEM MEISTER IN DIE KARTEN GESCHAUTInflation Im Gegensatz zu vielen Notenbankern sieht Bill Gross keine Inflationsgefahren. Er rechnet damit, dass die Inflationsrate in Europa und den USA im kommenden Jahr wieder unter zwei Prozent sinken wird. In Amerika werde das Wirtschaftswachstum auf zwei Prozent zurückgehen. Trifft seine Prognose zu, könnten Staatsanleihen im nächsten Jahr ein Comeback erleben.ZinsenDer Pimco-Lenker geht davon aus, dass die US-Notenbank noch zwei Mal die Leitzinsen auf dann 4,5 Prozent anheben wird. Danach sei jedoch Schluss. Vielmehr könne es unter dem neuen Fed-Chef Ben Bernanke ?später in 2006? wieder zu Zinssenkungen kommen. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde die Leitzinsen nicht über 2,5 Prozent hinaus anheben.PortfolioAnleger sollten nach Meinung von Gross die hochverzinslichen Risikomärkte meiden, da die Weltkonjunktur im kommenden Jahr an Fahrt verlieren werde. ?Kurzfristige Staatsanleihen im Euro-Raum bergen ein gewisses Risiko, wenn die EZB jetzt die Zinszügel anziehen sollte?, warnt er. Besser sei eine Investition am kurzen Ende in Großbritannien oder den USA.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.11.2005