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Herr über die ?Trüffelschweine?

Von Hans-Peter Siebenhaar
Der 47-jährige Stefan Lübbe führt eine gesundes Unternehmen. Die Verlagsgruppe Lübbe ist einer der großen konzernunabhängigen Verlage - gesegnet mit schwarzen Zahlen. 250 Mitarbeiter setzen in Bergisch Gladbach 90 Millionen Euro um.
BERGISCH GLADBACH. Es gibt Millionen Deutsche, die wissen genau, wie es ab heute aussieht, das Konklave zur Papstwahl. Wo sich auf dem Gelände des Vatikans welches Gebäude befindet, wie gewählt wird. Sie müssen sich nur eine Bombe und ermordete Kardinäle wegdenken aus ihren Erinnerungen. Die bilden das Szenario des Buches, auf dem ihr Wissen beruht: ?Illuminati? heißt es und stammt aus der Feder des im Moment weltweit bestverkauften Thriller-Autors Dan Brown.Der Mann, der den Deutschen ?Illuminati? brachte, residiert in einem Chefzimmer von der Größe eines kleinen Einfamilienhauses mit malerischem Blick auf den hauseigenen Park. Trotzdem ist patriarchalische Inszenierung nicht die Sache von Stefan Lübbe, sonst hätte es den 47-Jährigen sicher schon herausgezogen aus Bergisch Gladbach, dem beschaulichen Firmenstandort nahe Köln

Die besten Jobs von allen

.Vom übermächtigen Vater übernahm er den Chefsessel der Verlagsgruppe Lübbe. Eine Bronzebüste des Patriarchen hinter seinem Schreibtisch wacht noch heute über ihn. Vor zehn Jahren starb Gustav Lübbe, der die Verlagsgruppe 1953 mit der Übernahme des damals unbedeutenden Romanheft-Verlags Bastei gegründet hatte. Das Geschäft mit Traumwelten vom Schlage eines ?Jerry Cotton? erwies sich für den gelernten Schriftsetzer als lukrativ. Heute setzen 250 Mitarbeiter rund 90 Millionen Euro um, das Unternehmen ist einer der großen konzernunabhängigen Verlage ? gesegnet mit schwarzen Zahlen. ?Wir sind der größte Buchverlag in Nordrhein-Westfalen?, stellt Lübbe augenzwinkernd fest und fügt an: Aber nur, weil der Gütersloher Bertelsmann-Konzern seine Buchtochter Random House in München angesiedelt hat.Einfach war sein Weg an die Spitze des Hauses nicht: In einem schlagzeilenträchtigen Kleinkrieg eroberte sich der Bankkaufmann und Betriebswirt die Macht im Familienunternehmen. ?Der rote Teppich bei uns war mit vielen Minen durchsetzt?, erinnert sich der Buchmanager. Im Handstreich übernahm er vor drei Jahren den Verlag, setzte seinen Schwager Peter Roggen auf die Straße und hält heute 60 Prozent der Anteile. Seine Schwester Cornelia, zu der Stefan ein gespanntes Verhältnis hat, ist nur noch stille Teilhaberin. Die Auseinandersetzungen um die Verlagsgruppe haben dem Film- und Hörbuchfan den Spitznamen ?Rambo? eingebracht.?Stefan Lübbe ist durch eine sehr gute Schule gegangen. Es ist aber immer schwierig, wenn man die Nachfolge in einem Familienunternehmen antritt?, sagt Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels und Buchhändler in Gießen.Lesen Sie weiter auf Seite 2In rauem Klima fühlt sich Lübbe durchaus wohl. Die drei Jahre in der texanischen Provinzstadt Forth Worth haben ihn geprägt. Dort betrieb er mit einem Kompagnon einen Auto-Importhandel ? sein erstes eigenes Geschäft: ?In den USA habe ich gelernt, Probleme mit Optimismus anzugehen und schnell Entscheidungen zu treffen.?Der Mut zu Einschnitten hat seine Zeit an der Spitze von Lübbe bisher geprägt. Er hat das Unternehmen saniert, das kostete Nerven und Jobs. Lübbe verkaufte bereits vor Jahren die Promi-Postille ?Das Goldene Blatt? an den Zeitungsriesen WAZ, schloss die hauseigene Versandabteilung und baute 200 Stellen ab. ?Die Sanierung ist heute abgeschlossen. Wir stehen auf einem gesunden Fundament?, sagt er stolz.Das operative Geschäft überlässt er seinem Vertrauten Karlheinz Jungbeck. Der frühere Kirch-Manager, einst Geschäftsführer beim Vorläufer des TV-Senders Kabel 1, fungiert als Sprecher der Geschäftsführung und hat ein sicheres Gespür für Zahlen und Strategien. ?Er ist analytisch, weitsichtig und agiert taktisch?, sagt sein Chef über den bulligen Bayern. ?Von mir kommt viel kreativer Input für den Verlag?, sagt Lübbe, der sich als kreativer Chief Executive Officer sieht: ?Viele Autoren reden lieber mit einem Verleger als mit einem Geschäftsführer oder Controller.??Stefan Lübbe ist neugierig und aufgeschlossen. Wir brauchen Verleger, die aus solchen Familienunternehmen kommen?, weiß Börsenvereins-Chef Schormann.Längst lebt der Verlag nicht mehr von den renditestarken Groschenromanen. 60 Prozent des Umsatzes stammen aus Sachbüchern und Belletristik. Vor allem Bestseller-Autoren wie Ken Follett oder eben Dan Brown erweisen sich als Dukatenesel. Allein von Brown hat Lübbe 5,5 Millionen Bücher und CD aufgelegt.Der Technikfreak Lübbe, der nach eigener Aussage eines der größten Heimkinos in Nordrhein-Westfalen besitzt, denkt derzeit über eine engere Verknüpfung zwischen Film und Buch nach. ?Wir müssen Stoffe entwickeln, die sich verfilmen lassen?, sagt der Science-Fiction- und Fantasy?Fan. Und dabei sind ?die Lektoren meine Trüffelschweine?. Derzeit verhandelt er über die Verwertung von Herz-Schmerz-Romanen als Telenovela im Fernsehen. Die Gespräche befänden sich allerdings noch in der Anfangsphase.In seiner Freizeit sucht Lübbe am liebsten das Weite. Seine rheinländische Heimat nervt den polyglotten Verleger. ?Ich fahre ungern nach Köln.? Und Bergisch Gladbach? ?Die Fahrten von hier ins Zentrum sind ein reiner Hindernislauf.? An Ideen für private Trips fehlt es nicht, oft geht es in die USA. Schließlich ist Lübbe seit drei Jahren mit einer ehemaligen Reiseverkehrsfrau verheiratet: ?Sie hält mir den Rücken frei.?
Dieser Artikel ist erschienen am 18.04.2005