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Herr seiner Zeit

Judith-Maria Gillies
Stefan Shaw wagte, wovon viele Büroarbeiter träumen. Er ließ eine vielversprechende Karriere sausen, um Arbeit und Leben ins Gleichgewicht zu bringen. Heute verbucht der Kulturwissenschaftler gleichermaßen Erfolge als Firmenchef, Familienvater und Freund. Report über einen Aussteiger mit Zehnstunden-Arbeitstag.
Die Morgensonne scheint durch das offene Flügeltürfenster des kleinen Balkons in die Küche. Früh ist es, gerade fünf nach sieben. Der vornehme Münchener Stadtteil Bogenhausen erwacht langsam an diesem Mittwochmorgen. Unten vorm Haus in der Oberföhringer Straße fährt der 188er-Bus vorbei, eine Frau im Trainingsanzug stöckelt nordic walkend an dem schmucken Altbau vorbei.Oben in der Küche des ersten Stocks steht ein Mann mit weinrotem Calvin-Klein-Poloshirt und beigefarbener Anzughose am Küchentisch und schneidet Äpfel. Neben ihm ein Mädchen mit Flechtezöpfen und ein kleiner Junge, sein Schmusetier vor die Brust gedrückt. Er zeigt aufgeregt auf einen Apfel: ?Ist das ein Wurmloch, Papi?? ?Nein ...? Und wieder der Kleine: ?... sonst wäre ja noch ein Loch drin, aus dem er wieder rausgekrochen ist!? ?Genau?, der Vater schmunzelt, ?wie bei der Raupe Nimmersatt. Und wenn er noch drin wäre, hätten wir jetzt einen Wurm-Apfel-Salat.? Die Kinder lachen.

Die besten Jobs von allen

Für dieses Kinderlachen, für solche Momente hat der schlanke Mann mit den braunen Augen und den kurz geschnittenen, dunklen Haaren viel aufgegeben: ein Leben auf den Vorstandsfluren der deutschen Industrie, ein Spitzengehalt, hohes Ansehen, kurz: eine vielversprechende Karriere bei der Top-Unternehmensberatung The Boston Consulting Group (BCG).Stefan Shaw, 39, aber ließ alles sausen, kündigte. ?Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass das, was ich da mache, nicht wirklich was mit mir zu tun hat?, sagt der geborene Münchener in dialektfreiem Hochdeutsch. Das Leben zwischen Konzernfluren und Fünf-Sterne-Hotelzimmern tauschte er ein gegen ein selbstbestimmtes Leben mit eigener Firma und mehr Zeit für sich, seine Frau Rose, die als Psychotherapeutin mit eigener Praxis im Haus arbeitet, und die beiden Kinder Hannah, 9, und Simon, 6.Trotzdem ist der 39-Jährige weit davon entfernt, dem Bild des klassischen Aussteigers zu entsprechen. Zehn-Stunden-Arbeitstage sind auch heute für ihn die Regel. Dafür bleibt jeden Tag Zeit für das Familienfrühstück, das gemeinsame Abendbrot und für das ? O-Ton ? ?Standardabendprogramm mit den Kindern?: Schlafanzug anziehen, Zähneputzen, ins Bett bringen, Geschichte vorlesen. ?Heute glaube ich, weitgehend Herr meiner Zeit zu sein. Die Geschäftstermine lege ich mir so, dass sie kompatibel sind mit meinem Leben drumherum.? Shaw ist einer, dem man gerne zuhört. Er spricht mit angenehmer Stimme, denkt schnell, redet überlegt, flüssig, druckreif. ?Wahnsinnig strukturiert? findet ihn seine Frau.So jemand wie er passt perfekt in die Welt der Strategieberatungen. Das fanden auch die Recruiter bei BCG. Als sich Shaw dort 1997 bewarb, brachte der promovierte Kulturwissenschaftler alles mit, was sie sich wünschten: keine 08/15-BWLer-Denke, eine Doktorarbeit über ?Unternehmensberatung im Kultursektor?, erste Berufserfahrung in der Wirtschaft bei RTL 2 und vor allem: ganz viel Ehrgeiz. ?Die Chancen, bei uns anzufangen?, stand damals in der Recruitingbroschüre, ?stehen 1:99.? Das stachelte den ambitionierten jungen Mann an. ?Ich wollte der eine sein.? Und als er das geschafft hatte, setzte der in Bad Ems aufgewachsene Bayer alles daran drinzubleiben.Auch das gelang ihm ? indem er alles gab, was von ihm verlangt wurde: Ideen, Engagement, Zeit. Er bereitete die Fusion der Industrieriesen Krupp und Thyssen mit vor, befasste sich gleichermaßen mit internationalen Wachstumsstrategien und der Restrukturierung von Händlernetzen. Wenn er heute davon erzählt, beschreibt er seinen einstigen Job als ?Arbeiten wie im Rausch? ? inklusive Pizza abends um elf, bevor weiter reingehauen wurde. Das übliche Programm junger Strategieberater.Doch Shaw ließ sich nicht einlullen, hinterfragte den Arbeitsrausch immer öfter. ?Ich wollte mehr als Folien schreiben?, sagt er. Die Arbeit erfüllte ihn nicht. Er versuchte, mehr Sinn in sein Leben zu bringen, brachte sich Lieblings-CDs von zu Hause mit, die er abends im Hotelzimmer hörte, eiste sich manchmal schon um sieben Uhr abends los, um ins Kino zu gehen. Dennoch blieb das schale Gefühl. Zudem fehlte ihm die Familie. ?In der Woche war Stefan von BCG völlig aufgesogen?, erinnert sich seine Frau. ?An den Wochenenden zu Hause wirkte er eher wie ein gern gesehener Gast.?Shaws innere Zerrissenheit wuchs und wuchs. Nach gut zwei Jahren fiel der Entschluss: kündigen. Dabei hätte ihm eine glänzende Karriere offengestanden. Georg Sticher, sein damaliger Chef und heute Leiter des Münchener BCG-Büros, überschlägt sich noch heute mit Lob, hebt die ?kreative, sympathisch querdenkerische Art? seines Ex-Schützlings hervor, lobt seine ?bereichernden Perspektiven?, seinen Teamgeist. ?So jemanden verliert man nur ungern.?Doch Shaw ließ sich nicht halten. Er wollte eine Arbeit, die ?nicht nur das obere Hirndrittel, die Kognition, anspricht, sondern die relevant ist für mich?, sagt er rückblickend. Er, der Bilderliebhaber seit Kindertagen, fand sie in der Kunstszene. Im Jahr 2000 kaufte er sich als Teilhaber bei der Münchener Galerie Storms ein und möbelte sie gründlich auf. Der Ex-Berater setzte voll auf Kundenorientierung, richtete Verweilzonen mit Kaffee-Ecken ein, sorgte für längere Öffnungszeiten, veranstaltete Rahmenprogramme und gewann auf diese Weise viele neue Kunden. Gleichzeitig baute er das Firmenkundengeschäft auf, mit dem er sich schließlich ein Jahr später selbstständig machte. Zehn-Stunden-Tage sind für ihn heute keine Ausnahme, in der Aufbauphase konnten es auch mal 13 Stunden sein. Egal, findet Shaw. Was für ihn zählt: ?In der Zeit, in der ich arbeite, bin ich bei mir.?Arbeit und das eigene Ich passen plötzlich zusammen. Schon als Kind wächst der Unternehmersohn mit abstrakter Kunst auf. Seine Eltern sind Sammler. Zum 14. Geburtstag schenken sie ihrem Sohn drei Grafiken des Künstlers Hajo Hangen. Die hängen heute im Treppenhaus seiner Wohnung. Weitere Werke sind im Lauf der Jahre dazugekommen: Ein rosarotes abstraktes Bild von Rupprecht Geiger hängt neben der Eingangstür, im Flur ein Bild mit schwarzer Asche auf weißer Leinwand von Guiseppe Spagnulo, im Wohnzimmer über dem gläsernen Esstisch mit den Korbfreischwingern ein verschwommenes Filmszenenfoto von Loretta Lux.Kunst, Familie, Arbeit: Shaw scheint die für ihn perfekte Lebenskollage gefunden zu haben. Nach dem Frühstück fährt er mit dem ungewaschenen schwarzen Volvo seine Kinder zur Schule in den benachbarten Stadtteil Oberföhring. Als er Hannah ihren Ranzen aus dem Kofferraum hebt, gibt sie ihm einen Abschiedskuss, dreht sich im Gehen noch mal um: ?Papi, wann kommst du heute?? Er: ?Um sieben. Wie immer.?Zwischen neun und 19 Uhr gehört Papi der Firma. Art matters heißt die, eine Agentur an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft. Shaw erarbeitet im Auftrag von Unternehmen gemeinsam mit Musikern, Malern oder Filmemachern maßgeschneiderte Workshops für Führungskräfte. Themen sind unter anderem: ?Im Team Unmögliches leisten?, ?Veränderungen wahrnehmen? oder ?Mythos Heureka: wie Innovationen entstehen?.Zudem vermittelt er Künstler, die für Firmen Kampagnenmotive, neue Unternehmenslogos oder ganze Bauprojekte entwickeln. Objekte und Bilder verschiedener Künstler hängen überall verteilt in der lichten Altbauetage seiner Agentur in der Stollbergstraße 11 von Münchens Altstadt. Über dem Schreibtisch des Firmenchefs im Dreierbüro baumelt ein füllhornförmiges, beleuchtetes Kunstwerk aus bunten Spiegelmosaiksteinen, gegenüber an der Wand hängt die querformatige Fotosimulation einer Stadtszene in Duisburg, auf dem Regal daneben steht eine etwa Leitz-Ordner-hohe filigrane Metallwippe. Kunst, wohin das Auge blickt.Die Geschäfte mit der Kunst laufen gut für art matters. In diesem Jahr macht die Agentur mit vier Mitarbeitern und im Schnitt 35 beschäftigten Künstlern rund 600 000 Euro Umsatz. Zusätzlich erwirtschaftet die im Juni gegründete Tochterfirma change matters aus dem Stand heraus etwa 200 000 Euro.Shaws Kundenliste ist lang. Neben seinem Ex-Arbeitgeber BCG, dem Auktionshaus Ebay oder dem Strass-Steinhersteller Swarovski zählen auch Topkonzerne wie die Deutsche Telekom, Siemens oder SAP zu seinen Auftraggebern. ?Er hat die Gabe, klar und unprätentiös über Kunst zu sprechen?, sagt Felix Schuler, ehemals Kollege bei BCG und heute Geschäftspartner. Er beauftragte Shaw für eine Recruitingkampagne, die von Malern erstellt werden sollte. Shaw ließ sich von den Unternehmensberatern briefen und übersetzte deren Ziele in die Sprache der Künstler. Das Ergebnis stellte beide Seiten zufrieden.Lob für die Zusammenarbeit kommt auch von Künstlerseite. ?Stefan weiß einerseits, wie Künstler ticken. Und andererseits bewegt er sich auf Augenhöhe mit den Unternehmen?, sagt Regisseur und Geschäftspartner Johannes Brunner. ?Für mich bedeutet das: Ich muss kein Terrain betreten, auf dem ich nicht so sicher bin.?Shaw sitzt im Besprechungsraum der Agentur. Im Augenwinkel sieht er eine Detail-Fotografie von der Kuppel der Münchener Allianz-Arena. Hinter ihm auf Augenhöhe klaffen zwei dicke Löcher in der weißen Wand ? ein Zeichen dafür, dass die ausgestellten Werke öfter mal umgehängt werden. Auf dem länglichen Besprechungstisch vor ihm steht eine gläserne Obstschale mit fünf Äpfeln und zwei Bananen ? dekoriert wie ein modernes Stillleben. Wenn der Agenturchef über Arbeit und Leben spricht, nippt er ab und zu an seinem Milchkaffee aus dem Kaffeepott mit der Aufschrift ?art matters?.?Heute kann ich mit Leuten, die nur arbeiten, nicht mehr gut umgehen. Ihnen ist häufig die Fähigkeit abhanden gekommen, Dinge außerhalb ihrer Arbeitswelt zu beobachten?, sagt er und wirkt dabei keine Spur arrogant, sondern nur nachdenklich. ?Das macht dann ein Gespräch mit ihnen schnell langweilig.?Shaw selbst sorgt heute in seinem Leben für genug Anregungen. An der Universität Marburg und an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg lehrt er nebenberuflich Kulturmanagement. Privat trifft er sich seit vier Jahren jeden Freitagmorgen mit einem Freund aus der Verlagsbranche zum gemeinsamen Frühstück zwischen viertel nach acht und viertel vor neun. Abends, wenn die Kinder im Bett sind, liest er gern (Raymond Carver, Philip Roth, Jonathan Franzen). Oder er schaut sich mit seiner Frau eine DVD aus ihrem Amazon-Film-Abo an ? europäische Kunstfilme, Dokumentationen, Hollywoodstreifen. Hin und wieder gehen die beiden aus ? meist gemütlich essen mit Freunden, gern zum Beispiel ins Haidhausener Restaurant ?Wiesengrund?.Die Zeit mit seinen Kindern genießt Shaw besonders. Jeden Donnerstagnachmittag und manchen Freitagnachmittag arbeitet er zudem von zu Hause aus. ?Den Kindern würde es natürlich noch besser gefallen, wenn ich dann mit ihnen Fußball spielen würde?, räumt er ein. ?Aber so ist es auch okay ? für sie und für mich.? Das väterliche Engagement kommt auch bei seinen Geschäftspartnern gut an ? sehr gut sogar. ?Wenn ich einem Kunden sagen würde, nein, ich kann jetzt nicht mit Ihnen telefonieren, weil ich ein anderes Projekt vorbereiten muss, fände er das ziemlich unangemessen?, so Shaw. ?Aber wenn ich sage, ich kann nicht lange mit Ihnen telefonieren, weil ich jetzt nach Hause muss, um meine Kinder ins Bett zu bringen, das sticht alles.?So viel Verständnis scheint den eher nüchternen, analytischen Shaw selbst zu überraschen. Denn trotz seines Karriereverzichts und des Bekenntnisses zur persönlichen Work-Life-Balance wirkt er keinesfalls wie ein weichgespülter Aussteiger-Papi. Beim Händeschütteln demonstriert er Dominanz, wenn er seine eigene Hand leicht nach oben dreht. Im Geschäfts-Meeting mit einem Unternehmensberater und einem Künstler lenkt er das Meeting effizient und sorgt nach anderthalb Stunden für ein greifbares Besprechungsergebnis. In der Mittagspause, auf dem Weg zu seinem Stamm-Veganer ?Zerwirk?, legt er mit ausladendem Gang ein beachtliches Schritttempo vor, den Oberkörper im Gehen zielgerichtet nach vorn gebeugt.Keine Frage: Stefan Shaw kennt seine Ziele, und er weiß, wie er sie erreicht. Beruflich scheint er angekommen zu sein. Selbst Urlaub und Arbeit empfindet er nicht mehr als Gegensatz. Auf den vergangenen beiden Geschäftsreisen nach San Francisco und Paris genoss es der 39-Jährige, sich zwischen dem Stadtbummel durch Buchläden und Jazzclubs für ein paar Stunden vom Café aus ins Firmennetzwerk einzuloggen. ?Dann ist Arbeiten eine Lust?, schwärmt er im selben Ton, in dem er von seinem Ferienhaus in der Nähe des Chiemsees erzählt. Hierhin verschlägt es ihn und seine Familie an so manchen Wochenenden, um vom Alltag abzuschalten. Ob er bei solchen Ausflügen dann auch seinen Laptop mitnimmt? Shaw schmunzelt und verschiebt den Bleistift vor sich auf seiner Schreibmappe. ?Ja?, sagt er nach kurzem Überlegen, ?aber länger als zwei Stunden läuft er am Wochenende nicht.?Stefan ShawNach dem Studium der Psychologie, Medienwissenschaft und Literaturwissenschaft sowie einer Promotion in Kulturwissenschaften arbeitet Stefan Shaw zunächst studienbegleitend als Programmplaner beim Privatsender RTL2, bevor er 1997 bei The Boston Consulting Group (BCG) als Strategieberater startet. Es folgen zweieinhalb Jahre Top-Projekte in den Konzernzentralen der deutschen Wirtschaft. ?Arbeiten wie im Rausch?, so der 39-Jährige. Trotz der Aufstiegsperspektive bei BCG kündigt er im Jahr 2000 und kauft sich bei der Münchener Galerie Storms ein, möbelt sie auf und macht sich mit dem von ihm aufgebauten Firmenkundengeschäft selbstständig. Seine 2001 gegründete Agentur art matters mit Sitz in der Münchener Altstadt vermittelt für diverse Firmenprojekte Künstler. Kunden von Siemens bis SAP bringen jährlich rund 600 000 Euro Umsatz ein, die Tochterfirma change matters erwirtschaftet noch mal rund 200 000 Euro.Tabuthema Work-Life-BalanceDas Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit beschäftigt auch Topmanager ? allerdings meist nur hinter vorgehaltener Hand. ?In den Führungsetagen ist Work-Life-Balance ein Tabuthema?, sagt Professor Ruth Stock-Homburg, Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaft, an der TU Darmstadt. Ihre Erfahrung: ?Kaum ein Manager wird im Beisein von Dritten offen zugeben, dass er in diesem Bereich Probleme hat?, so die Wissenschaftlerin. ?Wenn man allerdings vertraulich mit ihnen spricht, stellt sich heraus, dass kaum jemand keine Probleme hat.? Für eine Studie befragte Stock-Homburg mehr als 300 in- und ausländische Topmanager zu ihren Sichtweisen über Work-Life-Balance. Nach einer ersten Zwischenauswertung spricht die Mehrheit der Befragten dem Thema eine große Bedeutung zu ? Manager (45 Prozent) als auch andere Berufstätige (21 Prozent). Ein Drittel der Studienteilnehmer stuft den Begriff allerdings als reines Modethema ein.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.12.2007