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Herr des Sammelsuriums

Eberhard Krummheuer
Züge, Maut- und Postverteilsysteme: Der neue Chef Hans-Jörg Grundmann muss die bunte Siemens-Sparte Mobility auf Rendite trimmen. Er hofft auf das US-Geschäft. Jetzt hat er seinen ersten öffentlichen Auftritt vor internationalen Journalisten absolviert.
Hans-Jörg Grundmann, Chef der Siemens-Sparte Mobility. Foto: pr
SACRAMENTO. Der Auftritt bringt ihn gleich mitten ins Thema. Zwischen halbfertigen Zug-Karossen im Siemens -Werk im kalifornischen Sacramento informiert sich Hans-Jörg Grundmann über hoch spezialisierte Energiespartechniken, die ihm noch nicht geläufig gewesen sein dürften. Denn er hat erst zum Jahresanfang den Chefposten der neuen Konzernsparte "Mobility" von Siemens übernommen.Einen ganzen Tag lässt er sich in der vergangenen Woche durch die Produktionsstätte führen, die Brückenkopf des Konzerns für den wachsenden Bahnmarkt Nordamerika ist. Grundmann lernt schnell. Nur 24 Stunden später beschreibt er überzeugend das System, mit dem Stadtbahnen beim Bremsen überschüssige Energie über spezielle Speicher zurück ins Gleichstromnetz speisen. Was in Europa und Asien schon länger im Einsatz ist, wird bald auch bei der "Rapid Transit" -Bahn in Sacramento erprobt. Und natürlich hofft Siemens auf möglichst viele Folgeaufträge in Nordamerika für andere Stadtbahnen.

Die besten Jobs von allen

Dass der gebürtige Mecklenburger, ein promovierter Physiker, in Kalifornien seine Sparte vorstellte, hat seinen Grund: Denn im boomenden US-Bundesstaat an der Pazifikküste drängen die Verkehrsprobleme auf der Straße und in der Luft nach alternativen und besseren Angeboten. Und mit seinem Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat der Staat, der mit 37 Millionen Einwohnern zu den produktivsten Volkswirtschaften der Welt gehört, einen konsequenten Fürsprecher für Energiesparen und Klimaschutz. Da sieht der neue Mobility-Chef reichlich Marktchancen: "Keiner unserer Wettbewerber kann so umfassende Antworten auf die Herausforderungen für die Mobilität geben wie wir", lobt er das eigene Haus. Wettbewerber sind der US-Konzern GE und die europäischen Rivalen Bombardier und Alstom.Der hoch aufragende, stets freundlich blickende Brillenträger, dessen flüssiges Englisch mehr als bei seinen in den USA arbeitenden Kollegen vom deutschen Akzent geprägt ist, weiß, wovon er spricht. "Mobility" ist bei Siemens mehr als die frühere Sparte "Transportation". Die verkaufte ausschließlich Verkehrstechnik. Doch der Strukturwandel im Konzern unter dem neuen Vorstandschef Peter Löscher schuf eine Division, in der eben auch logistische Systeme etwa für Paketverteilanlagen oder vollautomatische Briefsortiermaschinen, aber auch Gepäcksysteme auf Flughäfen oder Sicherheitstechnik gelandet sind. Grundmann, der Herr des Sammelsuriums.Aus diesem Bereich kommt Grundmann. Schon 2001 schrieb er als Leiter der "Postal Automation" der damaligen Siemens Dematic einen Beitrag für eine Handelsblatt-Beilage zum Thema Postdienstleistungen. Post und nun auch Bahn, "die ticken schon ähnlich", sagt er heute. Und er bekräftigt, dass seine Abteilung "Rolling Stock", also Züge und Lokomotiven, "das Größte und Spannendste" sei. Dass allein in Deutschland täglich 86 Millionen Briefe dank "hochautomatisierter" Verfahren ihren Weg finden, fasziniert ihn gleichwohl genauso stark. Ebenso wie die guten Geschäfte mit der Post.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Mein größter Kunde ist die US-Post, nicht die Deutsche Bahn.? Daran wird sich auch der Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, gewöhnen müssen: Bislang wurde er von der heimischen Bahnindustrie als bester Kunde hofiert. Nun sagt Grundmann über seine neu zugeschnittene Sparte: "Mein größter Kunde ist die US-Post, nicht die Deutsche Bahn."Gleichwohl muss er in den USA auch viel Bahntechnik verkaufen. Bei Stadtbahn-Systemen zeichnet sich wachsender Erfolg ab. Allerdings werden Leuchtturmprojekte wie etwa Hochgeschwindigkeitsstrecken mit dem ICE oder gar Transrapid in den USA zwar diskutiert, doch scheinen sie in weiter Ferne zu sein. Da kommt es Grundmann zugute, dass er im großen Autoland auch Straßenverkehr flexibler machen kann. Er hofft darauf, Verkehrslenkungs- oder Maut- und andere Bezahlsysteme zu verkaufen.Grundmann muss erfolgreich sein. Denn sein oberster Chef hat erst auf der Hauptversammlung klar gesagt, was er von der schwachen Rendite der bisherigen Transportation-Sparte hält. Die dort geäußerte "Ungeduld" teile er, sagt Grundmann frank und frei. Mitarbeiter, die ihn in seiner kurzen Zeit in Erlangen kennengelernt haben, schätzen seine offene Art. Er gilt als einer, der sagt, was er meint.Auch die Siemens -Affäre wird ihn noch beschäftigen, wurden doch laut Aussagen auf der Hauptversammlung bei Transportation "fragwürdige Zahlungen" in Höhe von 88 Millionen Euro bekanntgegeben.Bevor Grundmann in die Wirtschaft wechselte, hat er lange als Wissenschaftler in der DDR gearbeitet. Am meisten störte ihn damals die fehlende Reisefreiheit, die den Austausch mit anderen Wissenschaftlern erschwerte. Nach der Wende verlässt der Vater dreier erwachsener Kinder die Wissenschaft. Es sei kein harter Bruch gewesen, denn er habe weiter Entwicklungsarbeit betrieben, erinnert er sich. Auch der Wechsel in den Westen und die andere Denkweise seien ihm, der heute in Zirndorf/Oberpfalz lebt, leichtgemacht worden.Während er seine beruflichen Herausforderungen mit professioneller Nüchternheit beschreibt, gerät er ins Schwärmen, wenn er von seinem Hobby spricht. Zwar spielt er gerne Geige, doch seine wahre Leidenschaft ist die Mathematik. In alten Büchern verfolgt er die "Geschichte des verschütteten Wissens aus dem Vor-Computerzeitalter." Bis hin zu den Rechentricks der Chinesen: Das sei ein "total spannendes Thema".
Hans-Jörg Grundmann1955: Er wird am 22. Januar in Lübtheen/Mecklenburg-Vorpommern geboren. Er studiert später Physik an der Humboldt Universität in Berlin und promoviert.1981: Hans-Jörg Grundmann beginnt am Institut für Kosmosforschung, Berlin.1991: Grundmann wechselt zur AEG Postautomation in Konstanz und wird 1995 Entwicklungschef für Lese- und Kodiersysteme. Im Jahr 2001 wird er Sprecher der Geschäftsleitung von Siemens Dematic/Postautomatisierung.2005: Er kommt in den Bereichsvorstand von Industrial Solution and Services von Siemens.2008: Er wird Chef der Sparte Mobilität.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.02.2008