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Henri, übernehmen Sie!

Von Christoph Nesshöver, Handelsblatt
Er setzt morgens die Gucci-Brille auf die Nase, sie schlüpft in Gucci-Schuhe und ins Yves-Saint-Laurent-Kostüm. Der jugendliche Stammhalter trägt sportliches Schuhwerk von Converse. Dann geht die Familie einkaufen: Möbel bei Conforama, einen Computer bei der FNAC und noch einige Lichtschalter Marke Rexel.
DÜSSELDORF. Während der Senior für die Dame seines Herzens bei Boucheron nach Diamantenem fahndet, wirft Madame einen Blick ins Politik-Magazin ?Le Point?. Zum Dinner gönnt man sich eine Flasche Château Latour.So sah er lange aus, der perfekte Tag der Kunden der Familie Pinault. Von der Steckdose über Luxusschuhe bis zum Fernsehsender gab es alles bei Pinault Printemps Redoute. PPR und sein Gründer François Pinault, 69, schmückten sich gerne mit Luxus und Glamour ? tatsächlich war PPR ein Gemischtwarenladen.

Die besten Jobs von allen

Der hat Pinault senior zu einem der reichsten Männer Frankreichs gemacht. Aber nun bricht eine neue Zeit an bei PPR: Ab dem 21. März ist es nun an Sohn François-Henri, 42, das Sechs-Milliarden-Euro-Familienvermögen zu mehren. Pinault junior löst PPR-Chef Serge Weinberg ab, der den Konzern seit 1995 führt.PPR kehrt damit zur französischen Tradition zurück, dass börsennotierte Großkonzerne von ihren Gründerfamilien geführt werden. Beispiele sind der Bau- und Telefonriese Bouygues, die Mediengruppe Lagardère und der große Rivale von PPR, die Luxusgruppe Moët-Hennessy Louis Vuitton (LVMH) von Bernard Arnault.Als neuer PPR-Chef muss François-Henri Pinault allerdings beweisen, dass er mehr sein kann als nur der Strohmann seines berühmten Vaters. Der Markt gab dem Junior einen Misstrauensvorschuss mit auf den Weg: Die PPR-Aktie verlor am Dienstag über drei Prozent, nachdem der Konzern den Führungswechsel bekannt gegeben hatte. Immerhin: ?Der Moment für den Generationswechsel ist klug gewählt?, sagt der Analyst einer Großbank in Paris. Dank Weinberg scheint PPR das Gröbste hinter sich zu haben. Terrorangst, Luxuskrise und allgemeine Konsumflaute setzten dem Geschäft seit 2001 schwer zu. Weinberg definierte das Kerngeschäft neu und gab dem Konzern wieder eine klare Strategie: Luxus und Massengeschäft sollen die ?neue PPR? sein. Alles andere gehört weg ? und vieles davon hat Weinberg bereits verkauft, etwa das Konsumkreditgeschäft Finaref, den Elektrohersteller Rexel, den Büroartikler Guilbert und das Holzgeschäft Pinault Bois & Matériaux, die Keimzelle von PPR. Die Bereinigung des Portfolios brachte 7,5 Milliarden Euro.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schulabbrecher und Algerienkriegsveteran Weinberg hat dem neuen PPR-Chef François-Henri Pinault eine Atempause verschafft ? und die kann der auch gebrauchen. Bislang stand der selbst in Frankreich weitgehend unbekannte Junior, der die renommierte französische Wirtschaftsuni HEC absolvierte, stets im Schatten seines Vaters. Der schuf in 40 Jahren aus einem Sägewerk in der Bretagne einen Weltkonzern.Schulabbrecher und Algerienkriegsveteran Pinault senior gilt als hart und gewieft ? und er hat eines der wohl illustersten Adressbücher Frankreichs. Nicht nur Staatspräsident Jacques Chirac zählt zu seinen persönlichen Freunden, auch mit vielen anderen einflussreichen Unternehmern ist er per Du. Sohn Henri muss erst noch zeigen, ob er so clever und durchsetzungsfähig ist wie sein Vater. Der vertraute ihm zwar in 15 Jahren diverse Führungsposten im Konzern an ? der Sprung auf den Chefsessel eines Unternehmens mit 80 000 Mitarbeitern in 65 Ländern und einem Umsatz von 17,8 Milliarden Euro ist dennoch groß.Der Junior gelobte denn auch, weiter ?in exzessiver Weise? auf die Ratschläge seines Vaters zu hören. Der bleibt ?auf Lebenszeit?, wie er seinerzeit ankündigte, Chef der Holding Pinault Financière, die das Familienvermögen ? und damit indirekt auch den 42-prozentigen Anteil der Pinaults an PPR ? verwaltet.Seit zwei Jahren bemüht sich Pinault junior um ein eigenes Image. Nicht nur sei die neue Strategie von PPR ein Ergebnis ?reiflicher Überlegungen zwischen Serge Weinberg und mir?, wie er betonte. Auch ließ sich Pinault immer öfter sehen ? mal beim Bummeln durch die Gucci-Ableger an der Fifth Avenue in New York, mal zum Interview in seinem riesigen Büro, das er vom Vater übernahm, daheim in Paris.Dabei musste er allerdings oft über ein fragwürdiges Kapitel der Familiengeschichte sprechen. US-Staatsanwälte werfen Pinault senior vor, Hauptprofiteur der unrechtmäßigen Übernahme der Versicherung Executive Life durch die damalige Staatsbank Crédit Lyonnais gewesen zu sein. Frankreichs Regierung kaufte sich 2003 für 575 Millionen Dollar frei. Gegen die Pinaults wird nach wie vor ermittelt ? ihnen könnte eine Strafe in dreistelliger Millionenhöhe drohen.Bei PPR heißt die Baustelle des neuen Chefs Gucci. Für sieben Milliarden Euro übernahm PPR die italienische Edelmarke. Aber Spitzendesigner Tom Ford konnten die Pinaults nicht halten. Und zur Überraschung vieler machten sie den Ex-Unilever-Manager Robert Polet zum Gucci-Chef. Polet vertraut François-Henri Pinault: ?Wir haben eine klare Strategie und schreiten mit Lichtgeschwindigkeit voran.? Pinault junior habe ?eine natürliche Affinität zu Luxusgütern?.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.02.2005