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Henning muss ran

Von Jens Koenen
Henning Kagermann, der SAP-Vorstandsvorsitzende, bleibt bis Mai 2009 auf der Kommandobrücke des des Walldorfer Softwareriesen. Sein Vertrag ist auch deswegen verlängert worden, weil derzeit keiner besser in der Lage ist, die Baustellen des Konzerns zu managen. Auf das Topmanagement des wohl erfolgreichsten Softwareunternehmens Deutschlands warten diverse Baustellen. Und derzeit gibt es eigentlich keinen, der sich besser als Bauleiter eignet als ?der Henning?.
Die Augen hinter der rahmenlosen Brille blinzeln, der Blick ist hellwach. ?Die neue Mittelstandssoftware ist für uns ein neues, ein zusätzliches Geschäftsfeld. Und wir werden hier erfolgreich sein.? - ?Wir? sagt Henning Kagermann an diesem noch jungen und kalten Januartag im Japan-Tower in Frankfurt. Und betont jenes Wörtchen besonders.Henning ? auf den Fluren des Softwareriesen gehört die Anrede mit dem Vornamen zum guten Ton ? will es noch einmal wissen. Bis zum Mai 2009 verlängerte der Aufsichtsrat am Donnerstag seinen Vertrag als Vorstandssprecher der SAP. Viel länger geht nicht, da nach den internen Statuten Vorstände ab einem Alter von 60 Jahren nur noch Verträge für rund ein Jahr erhalten. Kagermann erreicht diese Grenze in diesem Jahr.

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Mit ein paar schmalen Sätzen tat das Kontrollgremium die Entscheidung kund. ?Unter seiner Führung hat SAP bereits die Weltmarktführerschaft im Bereich Unternehmenssoftware deutlich ausgebaut und gleichzeitig wegweisende Innovationen in der Softwarebranche umgesetzt. Diesen Erfolgskurs gilt es fortzusetzen?, sagte SAP-Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner.Es soll wohl Routine demonstriert werden. Doch davon ist in Walldorf keine Spur. Auf das Topmanagement des wohl erfolgreichsten Softwareunternehmens Deutschlands warten diverse Baustellen. Und derzeit gibt es eigentlich keinen, der sich besser als Bauleiter eignet als ?der Henning?.SAP befindet sich in der bislang größten Umbruchphase. Seit 2003 basteln die Entwickler an einer neuen Software, die modularer und flexibler ist als das starre Monstrum R/3. Erst in ein bis zwei Jahren wird sich zeigen, ob der Weg richtig ist. Auch im Mittelstand könnte es besser laufen. Zwar kann SAP Erfolge vorweisen, doch viele kleinere Kunden wollen ein einfacheres Produkt. Ob die neue Software, die in den nächsten Wochen kommen soll, überzeugt? Auch das weiß man wohl frühestens in eineinhalb Jahren.Intern knirscht es. Die SAP-Spitze will den Konzern noch stärker für den globalen Wettbewerb rüsten. In der vor allem von amerikanischen Anbietern dominierten Softwarewelt heißt das: Marketing, Marketing, Marketing. Das wiederum passt vielen in der entwicklergetriebenen Firmenzentrale Walldorf nicht, es droht der Riss durch die Belegschaft.Zwar ist SAP gerade erst wieder zum beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland gekürt worden. Doch das Aufeinanderprallen der Kulturen beschäftigt Mitarbeiter und Management seit Monaten, war wohl auch mit ein Grund für die Wahl des ersten Betriebsrates der SAP im vergangenen Jahr.?Kagermann gilt als der Einzige, der das Unternehmen in dieser schwierigen Übergangsphase zusammenhalten kann, der die Brücke schlagen kann?, beschreibt ein Manager aus Walldorf die Situation.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kagermann strich manch bequemen LuxusZwar hat der nüchtern und analytisch denkende Kagermann als ein Verfechter der Globalisierung die Entwicklung mit vorangetrieben. Das hat SAP-Mitgründer Dietmar Hopp ? ein vehementer Kritiker eines Betriebsrates ? nicht besonders gefallen. Doch auch Hopp, heißt es aus seinem Umfeld, wisse, dass letztlich nur Kagermann derzeit der richtige Mann an der Spitze ist.Zudem wird Kagermann auch extern sehr geschätzt, etwa bei Analysten und Marktforschern. Anfang vergangenen Jahres führte das bekannte US-Anlegermagazin ?Barron?s? den Manager sogar in der Liste der 30 besten Konzernlenker auf, eine besondere Ehre, zumal Erzrivalen wie Oracle-Chef Larry Ellison mit keiner Silbe erwähnt wurden.Viele Lorbeeren also für einen Mann, der so gänzlich anders ist als seine Kollegen. In der Softwarebranche dominieren die bunten Typen, Manager wie Larry Ellison, der mit Kampfjet zum nächsten Termin eilt. Lautes Marketinggeschrei und harte Worte über die Rivalen sind an der Tagesordnung.Geradezu wohltuend ist dagegen Kagermann mit seiner ruhigen und zurückhaltenden Art. Dabei sollte der 59-Jährige nicht unterschätzt werden. ?Er achtet straff auf Effizienz, schaut lieber selbst noch mal nach?, berichten SAPler. Das zeigte sich 2002, als der Gewinn plötzlich bröckelte, der Umsatz schwächelte. Kagermann schnitt alte Zöpfe ab, strich so manchen bequemen Luxus wie das freie Essen für alle, auch die Familienangehörigen. Mit Erfolg: Die Profitabilität stieg rasant, heute liegt die operative Ergebnismarge von SAP bei stolzen 26 Prozent.Mit Ruhe, aber konsequent setzt er seine Ideen durch. Immer wieder und mit einer schier endlosen Geduld erläutert er seine Strategie, kontert Kritik und Skepsis mit einem freundlichen Lächeln und viel Know-how.Davon besitzt der asketisch wirkende Manager jede Menge, vor allem im Finanzwesen. Eigentlich aber wollte er Maler werden. Noch heute greift der Vater dreier Kinder zuweilen zum Pinsel. Der Reiz der Wissenschaft war am Ende größer: 1982 bewirbt er sich bei der SAP, knapp zwei Jahre nach seiner Habilitation in der theoretischen Physik.Die SAP hat damals knapp einhundert Mitarbeiter, keiner ahnte, was mal aus dem Unternehmen werden würde, auch Kagermann nicht. Der wusste ? wie er einmal freimütig einräumte ? zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal, was betriebswirtschaftliche Standardsoftware so genau ist.Das lernt der damals 35-Jährige, als er sich um die Software-Entwicklung für das Finanz- und Rechnungswesen kümmert. ?Ich war beeindruckt und begeistert?, sagt Kagermann. Er arbeitet sich quer durch alle Bereiche des schnell wachsenden Softwarekonzerns. Ganz nebenbei lehrt er als Dozent der Fachbereiche Physik und Wirtschaftsinformatik an den Universitäten Braunschweig und Mannheim.Schon früh entdecken die vier Firmengründer Hasso Plattner, Dietmar Hopp, Klaus Tschira und Hans-Werner Hector die Begabungen des jungen Mannes. Dass Kagermann, der lange Wanderungen liebt, den Umbau schaffen kann, daran zweifelt derzeit kaum jemand. Auch das Urteil der Experten vom Magazin ?Barron?s? ist eindeutig: Kagermann habe bewiesen, ?dass Europäer in diesem weitgehend amerikanischen Spiel mitmachen können?.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.02.2007