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Hektik

"Fasse Dich kurz" ist angesagt. Was ist wirklich wichtig - und was müssen Sie nicht unbedingt fragen, berichten, erzählen, erbitten, sondern können es auf eine ruhigere Minute verschieben (oder sich ganz verkneifen)?
Hektik ist laut Wörterbuch "übersteigerte Betriebsamkeit, übertriebene, fieberhafte Geschäftigkeit" (Wahrig Deutsches Wörterbuch). Mit anderen Worten: Hektik ist der Versuch, möglichst schnell möglichst viele dringende Dinge zu erledigen. Dem großen Energieaufwand, den die Hektik erfordert, stehen jedoch geradezu jämmerliche Ergebnisse gegenüber: "Hektik vergeudet Zeit, verursacht Fehler, frustriert Kollegen und macht Stress." ( Ulrich Dehner: Die alltäglichen Spielchen im Büro, S. 196)Hektik im Berufsleben ist trotzdem weit verbreitet. Sie entsteht überall dort, wo großer Zeitdruck herrscht, wo immer alles schnell gehen muss und wo für die Erledigung von viel Arbeit nur verhältnismäßig wenige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Und die laufen dann Gefahr, angesichts der Arbeitsmengen in genau die fieberhafte Hektik auszubrechen, die ihnen in dieser Situation eindeutig mehr schadet als nützt.

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Mit Hektikern umgehen ist grundsätzlich nicht ganz leicht. Denn Hektiker leben in einer Art nervöser Grundspannung. Trifft dieses Gefühl auf akuten Zeitdruck, unvorhergesehene Probleme oder ärgerliche Fehler, können hochexplosive Mischungen entstehen. Zur Entladung kommt es garantiert spätestens dann, wenn ein hektischer Vorgesetzter, dem alles nicht schnell genug gehen kann, an einen Mitarbeiter gerät, der für Wunder etwas länger braucht. An einen Anfänger zum Beispiel, der noch nicht so schnell arbeiten kann. Oder an einen Energiesparer, der überhaupt nicht einsieht, warum er so schnell arbeiten sollte.Das wichtigste Wesensmerkmal des Hektikers ist sein Mangel an Geduld. Für Nebensächlichkeiten hat er grundsätzlich keine Zeit, auch wenn es sich um Dinge handelt, die für alle anderen keine Nebensächlichkeiten, sondern wichtige Informationen, entscheidende Details, notwendige Erklärungen oder drängende Fragen sind.Daraus folgt für alle, die mit einem Hektiker klarkommen müssen: Begraben Sie den Traum vom gütigen Vorgesetzten, der Arbeitsaufträge ausführlich erläutert, geduldig für Rückfragen zur Verfügung steht und nicht müde wird, Ihnen komplizierte Zusammenhänge auch ein zweites und drittes Mal zu erklären."Fasse Dich kurz" ist angesagt. Was ist wirklich wichtig - und was müssen Sie nicht unbedingt fragen, berichten, erzählen, erbitten, sondern können es auf eine ruhigere Minute verschieben (oder sich ganz verkneifen)? Je deutlicher der Chef Ihre Bemühungen um die Beschränkung auf das Wesentliche sieht und je konsequenter Sie das auch durchhalten, umso größer ist seine Bereitschaft, auch mal zuzuhören und nicht gleich hektisch wegzulaufen. (U. Dehner, S. 199)Es gibt allerdings früher oder später garantiert Themen oder Probleme, die auch beim besten Willen nicht im Telegrammstil zu bewältigen sind. In diesen Fällen bewährt es sich, einen offiziellen Besprechungstermin von mindestens einer halben Stunde Dauer zu erbitten. Es kann zwar sein, dass der Hektiker den dreimal verschiebt und ansonsten versucht, das Thema zwischen Tür und Angel erschöpfend abzuhandeln. Aber wenn Sie sich diesen Versuchen nur hartnäckig genug verweigern, kommen Sie garantiert irgendwann zum Zuge.Die eigene Hektik in den Griff bekommen. Mit einem Hektiker zusammenzuarbeiten, ist kein Spaß. Selbst einer zu sein, ist erst recht keiner. Die ständige Hetze, der Druck, den Sie ausüben, der Stress, den Sie verbreiten - das alles führt nicht nur zu unbefriedigenden Arbeitsergebnissen, sondern ist auch auf die Dauer Gift für Ihre Beziehungen zu Kollegen und Mitarbeitern. Und ganz nebenbei kann Hektik auch noch krank machen: Aufgrund der riesigen Energiemengen, die sie verschlingt, ist jahrelange Hektik einer der typischsten Burn-out-Auslöser.Hektisch ist man zwar oft in bester Absicht ("Ich will doch nur meine Arbeit schaffen!"), erreicht damit aber rein gar nichts, außer vielleicht Platz eins bei der Wahl des unbeliebtesten Mitarbeiters und den vorgezogenen Ruhestand wegen psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeit.Wer in seinem Berufsleben andere Ziele verfolgt, ist gut beraten, seine Hektik in den Griff zu bekommen, auch wenn das fast so schwer ist, wie mit dem Rauchen aufzuhören.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2004