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Heiße Pokerpartie vor dem Ruhestand

Dirk Heilmann
Der amerikanische Nuklear-Veteran Bill Coley soll für die britische Regierung die atomare Zukunft sichern ? aber er kommt mit dem Verkauf von British Energy nicht voran. Deshalb muss er weiter auf ein ruhiges Leben als Rentner warten.
LONDON. Eigentlich war der Energiemanager Bill Coley vor fünf Jahren schon im Ruhestand. Er hatte sich ein Haus in North Carolina gekauft, in dem er mit seiner Frau den Lebensabend verbringen wollte: mehr Zeit für die beiden Kinder und die Enkel, einige Wohltätigkeitsaufgaben und schöne Stunden auf dem Golfplatz. Mit 60 zur Ruhe setzen, das hatte er nach einer 37-jährigen Karriere verdient.Doch dann kommt alles anders: Im März 2005 lässt er sich überreden, seinen Aufsichtsratsposten beim britischen Atomkraftwerksbetreiber British Energy gegen den Chefposten einzutauschen. Nun steht das schöne Haus in North Carolina leer, und Coley lebt mit seiner Gattin in einer Wohnung in London.

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Auf dieser Seite des großen Teichs halten die Anleger große Stücke auf ihn. Der ehemalige Präsident des US-Energieversorgers Duke Power übernahm die Führung von British Energy, kurz nachdem der Staat den Konzern mit einem Rettungspaket von fünf Milliarden Pfund (heute 6,3 Milliarden Euro) vor dem Kollaps bewahrte. Er machte aus einem hoffnungslosen Fall das Unternehmen, das eine Schlüsselrolle für die künftige Energieversorgung Großbritanniens einnimmt. Nicht wegen seiner acht recht alten Atomkraftwerke, die rund ein Sechstel des britischen Stroms produzieren, sondern wegen ihrer Standorte, auf denen die Regierung in den nächsten Jahren neue Kernkraftwerke gebaut sehen will.Darum hat auch der Ingenieur mit dem zurückweichenden Silberhaar und dem Südstaaten-Akzent nun eine Schlüsselaufgabe: Er soll den Konzern verkaufen, so dass auch die Regierung sich von ihrem gut 35-prozentigen Anteil trennen kann. Der oder die Käufer, potente Investoren aus dem Ausland bevorzugt, sollen dann neue Atomkraftwerke bauen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er muss sehen, wie er aus der Sackgasse herauskommt Leichter gesagt als getan: Seit Monaten schon schleppt sich der Verkaufsprozess, organisiert von der Investmentbank Rothschild, hin. Der französische Energieriese EdF ist interessiert, will aber nicht so viel bezahlen, wie British Energy sich vorstellt. Andere haben abgewinkt, auch RWE. Coleys Berater haben immer wieder Informationen über lebhaftes Kaufinteresse anderer Energiekonzerne gestreut. Doch am Montag mussten sie dann eingestehen, dass sie in Wirklichkeit mit leeren Händen dastehen. Es gibt nur einen ernsthaften Bieter, und der wird sich nicht über den Tisch ziehen lassen.Nun muss sich Coley überlegen, wie er aus der Situation herauskommt. Geht er mit dem Preis runter, meutern die Aktionäre. Mehrere Partnerschaften anstelle eines Käufers könnten eine Lösung sein, wie das Unternehmen andeutete. Das würde die Energiekonzerne erfreuen, die zögern, mehr als elf Milliarden Pfund für British Energy zu zahlen. Aber die Regierung würde dann ihren Anteil nicht zum erhofften Preis los. Coley steckt in der Sackgasse. Aus der muss er sich befreien. Vorher gibt es kein Zurück nach North Carolina.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.06.2008