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Heinz Dürr holt seine Tochter

Von Martin-W. Buchenau
Eine der bekanntesten und markantesten Unternehmerfiguren Baden-Württembergs bereitet seinen endgültigen Rückzug aus der aktiven Wirtschaft vor. Heinz Dürr, Aufsichtsratschef und Mehrheitseigentümer der Dürr AG, hat seine Tochter Alexandra Dürr in den Aufsichtsrat des Weltmarktführers bei Lackiermaschinen geholt. ?Das ist ein Zeichen, dass die Familie zum Unternehmen steht?, sagte Dürr-Vorstandschef Ralf Dieter bei der Vorlage der Bilanz.
STUTTGART. Der 72 Jahre alte Senior hatte den Betrieb seines Vaters in drei Jahrzehnten zu einem gut verdienenden Weltmarktführer gemacht. Anschließend strebte der ehrgeizige und hoch gewachsene Manager nach größeren Dimensionen. Er wechselte 1980 zum angeschlagenen Elektrokonzern AEG, sanierte diesen zunächst, was aber den späteren Niedergang des Unternehmens nicht verhinderte. 1990 wechselte er auf Bitte des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zur Deutschen Bahn, die er bis 1997 als Vorstandschef führte. Dürr geht mit seiner freundlichen Art offen auf Menschen zu. Dahinter verbirgt sich jedoch ein ausgeprägter Machtmensch. Nur zwei Jahre dauerte seine Amtszeit als Aufsichtsratschef der Bahn. Er schied im Streit mit dem Bund und nach vielen Auseinandersetzungen mit Bahn-Chef Johannes Ludewig.Sein eigenes Unternehmen hatte er zwischenzeitlich in familienfremde Hände gegeben ? und auch da gab es Ärger. Das Familienunternehmen war nach einer fulminanten, aber letztlich missglückten Expansionsstrategie jüngst in arge Schieflage geraten. Es drohte sogar die Übernahme durch Hedge-Fonds, nachdem die Commerzbank im vergangenen Jahr ihre Forderungen verkaufte. Durch Notverkäufe rentabler Sparten konnte dies jedoch abgewendet werden. Zudem schoss die Familie Kapital nach und stockte ihre Anteile auf.

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Der neue Vorstandsvorsitzende Dieter sucht das Heil in der Konzentration auf das Kerngeschäft. Mit Erfolg: Dürr meldete gestern schwarze Zahlen trotz hoher Aufwendungen für die Sanierung. Die Berufung der Tochter könne man als ersten Schritt zur Regelung der Nachfolge sehen, sagte ein Unternehmenskenner.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dürr wählte mittlere Tochter mit BedachtWann und ob der 73-Jährige komplett aus dem Gremium ausscheiden wird, bleibt noch offen. Dürr wird aber sicherlich mit einem kompletten Rückzug noch warten, bis sich die Neuausrichtung als nachhaltig erwiesen hat.Dürr wählte seine mittlere Tochter wohl mit Bedacht: Die 43-Jährige ist wohl die beruflich erfolgreichste. Sie machte eine wissenschaftliche Karriere, verfügt über zwei Doktortitel in Medizin und Humangenetik. Sie hat die französische Staatsbürgerschaft angenommen und lebt in Paris. Dort leitet die Mutter zweier Töchter die Neurogenetische Klinik Hôpital de la Salpêtèrie.Alexandra Dürr ist damit die dritte Tochter eines namhaften Mittelständlers, die binnen kurzer Zeit in Baden-Württemberg die Verantwortung übernimmt. Am weitesten beim Generationenwechsel ging dabei Berthold Leibinger, 75, der seiner 45-jährigen Tochter Nicola im vergangenen November die komplette operative Führung des Laserspezialisten Trumpf übergab. Allerdings wird sie in der Geschäftsführung von Bruder und Ehemann unterstützt.Reinhold Würth, 70, Chef des gleichnamigen Schrauben-Weltkonzerns, räumte kurze Zeit später den Beiratsvorsitz für seine 44-jährige Tochter Bettina. Sie hat damit künftig die Fäden für die Strategie des Unternehmens mit 45 000 Beschäftigten in der Hand. Doch das operative Geschäft führt weiter der familienfremde Manager Robert Friedmann.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.03.2006