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Heilsam wie Barfußlaufen

Von Inge Hufschlag
Ein Schweizer produziert Schuhe, die fit machen sollen. Der Kennedy-Clan läuft damit rum, Diven wie Glenn Close und Cher haben ihre hohen Stöckelabsätze dagegen getauscht, Partykönig Gerd Käfer steht drauf und Autor Martin Walser behauptete, dies wäre ?die beste Erfindung seit der des Rades?. Das freut den Schweizer Ingenieur Karl Müller. Denn er ist Erfinder der Masai Barefoot Technology, kurz MBT. Eine Million Mal hat er in diesem Jahr seine Schuhe mit der besonderen Sohle verkauft.
HB DÜSSELDORF. Das freut den Schweizer Ingenieur Karl Müller. Denn er ist Erfinder der Masai Barefoot Technology, kurz MBT. Eine Million Mal hat er in diesem Jahr seine Schuhe mit der besonderen Sohle verkauft, ein Absatz, mit dem er nach eigenen Angaben gut leben kann. Zur Schuhmesse GDS, die gestern in Düsseldorf begann, reist er mit 14 neuen Schuhmodellen an, die das Gefühl von Barfußlaufen auf weichem Boden vermitteln sollen.Ein Manko der Treter war anfangs das Design. Das sah arg orthopädisch aus, und so waren auch die Vertriebskanäle. Inzwischen schustert das Designerstudio Storz für MBT, das auch schon für Porsche und Audi gearbeitet hat. So verschlankt, passen MBT-Modelle auch in Sport- und Lifestyle-Geschäfte. 1 000 Fachhändler bedienen bisher die Barfuss-Laufkundschaft.

Die besten Jobs von allen

Wo seines Vaters Firma stand, in Roggwil in der Schweiz, residiert heute der 53-jährige Sohn mit seiner Swiss Masai AG. Die kommt mit weniger als 20 Leuten aus. Produziert wird in Korea und China. Der Außendienst läuft allerdings über einige hundert Instruktoren ? die Technik ist erklärungsbedürftig. ?Ich verstehe absolut nichts von Marketing?, behauptet Müller, ein Typ ?großer Junge? mit offenem Hemdkragen und ebensolchem Wesen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eigentlich sollte er in die Fußstapfen seines Vaters treten Eigentlich sollte er in die Fußstapfen seines Vaters treten und dessen Maschinenfabrik übernehmen. ?Doch als mein Vater starb, brach für mich eine Welt zusammen, ich floh bis nach Südkorea.?Das Land suchte damals Ingenieure. Müller studierte in Seoul Chinesisch und Koreanisch, bis wegen politischer Unruhen die Universitäten geschlossen wurden. Der Student blieb, fand einen Job bei einer Firma, die Ozonanlagen für Schwimmbäder aus St. Gallen nach Südkorea exportierte.Doch das Land brauchte nicht nur Ingenieure, sondern auch Köche. Auch die kamen aus der Schweiz und brauchten Zutaten wie Käse und Konfitüre. Der kreative Wuschelkopf Müller griff zum Telefon und steuerte bald nicht nur die Generalvertretung für Hero-Marmelade, sondern importierte Kochtöpfe, Stickmaschinen, Skiwachs. ?Zum Schluss waren es an die 50 Generalvertretungen.? Wie er das alles geschafft hat? Müller grinst: ?Ich hatte auch noch Sportgeschäfte und vier Restaurants in Seoul. Es war wie eine Sucht.?Doch dann schaffte die Arbeit ihn. Der Rücken schmerzte und der Magen produzierte ein Geschwür. Zur Entspannung lief Müller abends barfuß über die Reisfelder. Danach war?s besser. Doch mit der Härte des Alltags und seiner Bodenbeläge kamen die Schmerzen zurück und dem Ingenieur die Idee, das Gefühl des Einsinkens ins weiche Reisfeld in Sohlen einzubauen.Müller begann zu tüfteln: ?Schuhe werden ja eigentlich nach dem Prinzip Stützen/Führen gefertigt.? Das MBT-Prinzip basiert dagegen auf einer Art Biomechanik. Die vermittelt zuerst das Gefühl, nach hinten überzukippen. Das sei so gewollt, argumentiert Müller: ?Die Muskeln werden gezwungen, natürliche Ausgleichsbewegungen auszuführen, Knie und Hüftgelenke entlastet.? Müller wippt vergnügt auf seiner Erfindung. Fitnessexperten haben Übungen entwickelt, die sie ?Massai-Walking? nennen.Seine Swiss Masai AG baut in Afrika, in Massai-Dörfern, Wasserlöcher mit Handpumpen. Robert F. Kennedy junior hat die Patenschaft übernommen. Müller: ?Shareholder-Value ist für uns kein Thema.? Lieber unterstützt er Menschen in ihrer aufrechten Haltung.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.09.2005