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Heilige Balance

Von Markus Fasse
Die Diskussion über Managergehälter beschert Anselm Bilgri ein gutes Geschäft. Der ehemalige Mönch von Kloster Andechs am Ammersee berät die Wirtschaftselite in Ethikfragen.
Pater Anselm Bilgri vom Kloster Andechs. Foto: dpa
MÜNCHEN. Der Geschmack ist erlesen, die Auswahl gediegen. Große Ölbilder zieren die Wände, Designermöbel den Parkettfußboden. Nur ein Flachbildschirm steht auf dem eleganten Holzschreibtisch, kein Papier, keine unnötigen Blickfänger. Eine sakrale Atmosphäre erfüllt das Arbeitszimmer von Anselm Bilgri, auch wenn jeglicher Hinweis auf die kirchliche Vergangenheit des Hausherrn fehlt.Der ehemalige Benediktinermönch Bilgri ist heute Vielflieger und Vielredner. 80 Vorträge hat er in diesem Jahr schon hinter sich, er hält Seminare, schreibt Bücher. Ein Dutzend Mitarbeiter zählt sein Zentrum für Unternehmensberatung, gleich neben Münchens mondänem Königsplatz gelegen. Kein schlechter Start für ein Start-up in diesen Zeiten, ist Bilgri doch erst seit drei Jahren im Geschäft. Der Grund: Seine Botschaften haben Konjunktur.

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?Kirche und Wirtschaft haben den Kontakt zueinander verloren?, sagt der joviale Exmönch. 29 Jahre lebte er als Benediktinerbruder im Kloster Andechs, einem der bekanntesten Ausflugsziele in Bayern. Als Cellerar, wirtschaftlicher Leiter, vermarktete Bilgri dessen Produkte und Namen ? ein mittelständisches Unternehmen unter klösterlicher Führung mit 200 Angestellten.Doch die Wahl zum Abt blieb Bilgri verwehrt. Im Streit schied er im Jahr 2004 aus dem Kloster aus. Die anschließende Pleite der ?Kloster Andechs Gastronomie AG? endete in einem spektakulären Gerichtsprozess. Heute berät Bilgri Manager über ethisches Handeln im Kapitalismus.?Früher hatten Kirchenleute und Politiker eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft, heute sind es Manager?, sagt Bilgri und ist schon mitten im Thema. Schließlich hätten einige Führungskräfte an Bodenhaftung verloren, klagt der Exmönch. Wenn es um Namen geht, schweigt er allerdings sorgsam: alles schließlich potenzielle Kunden.Die Diskussion über Leistung, Erfolg, Mindestlohn und Managergehälter nage aber am Selbstverständnis der Wirtschaftseliten. Viele Führungskräfte schwömmen nun in einer ?Wertesuppe?, sagt Bilgri: getrieben, halt- und ziellos. ?Viele kommen zu uns und sagen: ,Jetzt haben wir zweimal umstrukturiert, und die Leute glauben uns nichts mehr. Das Vertrauen im Unternehmen ist weg.??Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bilgri ist Bayer durch und durchEs sind die Tugenden patriarchal geführter Familienunternehmen, die Bilgri seinen Klienten ans Herz legt. Kern ist ein Kanon aus Rechten und Pflichten. Seine Ratschläge zieht er aus den Weisheiten und Lehren Benedikts von Nursia, dem Begründer des abendländischen Mönchtums. Der hat schon vor 1 500 Jahren ein Wertegerüst für ein austariertes Leben zwischen Arbeit und Muße formuliert. Heute heißt das ?Work-Life-Balance?. Das Verhältnis zwischen Führenden und Geführten lag Benedikt besonders am Herzen, müsse es doch von Respekt, Fürsorge und Aufmerksamkeit erfüllt sein. ?Wer führen will, der muss hören?, gibt Bilgri seinen Kunden mit auf den Weg.Bilgri ist Bayer durch und durch. Er schätzt die barocke Lebensweise, pflegt den bisweilen harschen Dialekt Oberbayerns. Der Ex-Pfarrer verbreitet eine warme, väterliche Ausstrahlung. Er spricht gerne in diesen typischen klerikalen Bildern. So einem vertraut man sich an, wenn der innere Schiffbruch droht.Dabei hat es der Sohn eines Münchener Kantinenwirts seinen Mitmenschen nicht immer leicht gemacht. Der Vater schenkte ihm zum achtzehnten Geburtstag einen nagelneuen BMW ? in der Hoffnung, den Sohn für den Eintritt in die Gastronomie bewegen zu können. Der jugendliche Anselm nimmt das Auto, studiert aber zum Bedauern seiner Eltern trotzdem Theologie und Philosophie. ?Der Sohn als Pfarrer war für sie eine Enttäuschung?, erinnert sich Bilgri. 1975 entscheidet er sich für das Leben eines Benediktinermönchs.Im Kloster Andechs, dem bayerischen Nationalheiligtum auf den Hügeln am Ammersee, kommen seine Begabungen rasch ans Licht. Anders als die Amtskirche hat er wenig Berührungsängste mit den Gesetzen der Marktwirtschaft, als Cellerar bringt er die Gastronomie und das Lizenzgeschäft zum Blühen.Dass die meisten Andechs-Besucher den ?heiligen Berg der Bayern? als ganzjähriges Oktoberfest begreifen, nimmt er in Kauf. Stets hält der eloquente Pater Kontakt zu bayerischen Wirtschaftsgrößen. Das jährliche Skivergnügen in Österreich mit alten Münchener Freunden pflegt er auch zu Klosterzeiten.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Es ist schon etwas Bitteres geblieben??Es ist schon etwas Bitteres geblieben?, sagt Anselm Bilgri drei Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Kloster. Denn das strukturierte Leben in der Gemeinschaft hat auch Vorteile: Der Tagesablauf ist bestimmt, für die Grundbedürfnisse der Brüder ist stets gesorgt. Etwas schwer habe er sich getan mit dem Start in sein neues Leben, sagt Bilgri: Von der Wohnungssuche bis zum Abschluss einer Rentenversicherung ? alles war Neuland für ihn.Über die wahren Gründe des Bruches zwischen Bilgri und den Mitbrüdern herrscht bis heute Schweigen. ?Er hat sich von der Gemeinschaft entfremdet?, sagt ein Beteiligter nur.Die Wunden sind nach wie vor so frisch, dass weder das Kloster Andechs noch das Bistum München sich heute offiziell zum ?Fall Bilgri? äußern möchten.?Die Kirche verwaltet die Asche, sie sollte aber das Feuer entzünden?, sagt Bilgri und wirbt für einen Neuanfang in der katholischen Kirche.Doch sein dezentes Klopfen an den Pforten der Amtskirche verhallt bislang ungehört. Sein Antrag auf die Ausübung einer Teilzeit-Seelsorge liegt seit drei Jahren im Bistum München-Freising auf Eis.
Vita: Anselm Bilgri1953
Er wird als Sohn eines Wirts in Unterhaching geboren.
1975
Anselm Bilgri tritt in die Benediktinerabtei Sankt Bonifaz in München ein und studiert Philosophie und Theologie. 1980 wird er zum Priester geweiht.
1986
Nach einer Tätigkeit als Jugendseelsorger ist er bis 2004 Cellerar ? ?Finanzvorstand? ? der Abtei St. Bonifaz in München.
1994
Er wird Prior im Kloster Andechs am Ammersee, das der Abtei St. Bonifaz angeschlossen ist. Er führt die etwa 200 Mitarbeiter des Wirtschaftsbetriebes in Andechs. Bei der Wahl um die Nachfolge von Abt Odilo Lechner unterliegt Bilgri überraschend.
2004
Nach Differenzen mit dem neuen Abt legt Bilgri ein Sabbatjahr ein und gründet in München eine Unternehmensberatung.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.12.2007