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Heiler des verletzten Ingenieurstolzes

Von Katharina Slodczyk, Handelsblatt
Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ihm der Job langweilig wird: ?Etwas weiterzuentwickeln, das bereits funktioniert, das ist nicht sein Ding?, erzählt Katrin Horstmann über ihren langjährigen Kollegen Christoph Bellmer. Der hat als Chef von Toll Collect die Mauttechnik zum Laufen gebracht.
BERLIN. ?Er ist der Mann zum Lösen akuter Probleme, und wenn etwas gut läuft, dann braucht er die nächste Herausforderung.? In den vergangenen Monaten hat er gleich einige drängende Probleme gelöst: Denn Christoph Bellmer ist Chef der Mautbetreibergesellschaft Toll Collect.Mit ihm an der Spitze hat das Unternehmen die Technik endlich zum Laufen gebracht und inzwischen zwei Wochen lang den Realitätstest bestanden. Damit beschert Toll Collect dem Bundesverkehrsministerium die schon lang verplanten Mauteinnahmen, verhindert, dass weiter Spott und Häme über die Toll-Collect-Eigner Deutsche Telekom und Daimler-Chrysler ausgegossen werden, und heilt ? zumindest ein wenig ? den verletzten deutschen Ingenieurstolz.

Die besten Jobs von allen

Fast zehn Monate ist es her, dass Telekom-Vorstand Konrad Reiss dem Diplom-Ingenieur den damals heißesten Stuhl anbot, der in der deutschen Wirtschaft zu vergeben war ? Bellmer zögerte nicht lang und griff zu. Kein Abwägen, keine langen Debatten ? lediglich ein kurzes Beratungsgespräch mit seinem ehemaligen Chef: ?Er hatte nichts zu verlieren, er konnte nur gewinnen. Als er mich um Rat fragte, war meine Antwort daher eindeutig: Er solle den Job annehmen?, erzählt Hans-Dieter Koch von der Wagniskapitalgesellschaft Cipio Partners.Bellmer lernte er vor mehr als zehn Jahren beim IT-Dienstleister Compunet kennen. Da war der Chef von Toll Collect bereits die Allzweckwaffe für schwierige Fälle: ?Wir haben ihn auf große und wichtige Unternehmen angesetzt, und er hat sie als Kunden gewonnen?, sagt Koch. ?Er hat bislang jede schwierige Aufgabe gemeistert.?Bellmer hat Elektrotechnik und Datenverarbeitung studiert. Wenn es um die technische Seite von Projekten geht, macht ihm daher keiner etwas vor. Durch unterschiedliche Positionen bei Compunet lernte er auch die kaufmännische Seite kennen: Er war unter anderem im Vorstand des Unternehmens nach der Übernahme durch General Electric und später Geschäftsführer der Venture-Capital-Gesellschaft B-Business Partners.Es ist vor allem seine große Ruhe und Besonnenheit, die Kollegen und Vorgesetzte an ihm schätzen. Fragen beantwortet er meist knapp und nüchtern ? nach kurzem Nachdenken. Was denn seine erste Amtshandlung im neuen Job bei Toll Collect gewesen ist? ?Prioritäten setzen und Ordnung schaffen.? Was hatte Priorität? ?Allen zu erklären, wo wir bei dem Projekt stehen, was wir versprechen und was wir nicht halten können.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auffällig und kräftig sind höchstens die Farben von Bellmers Hemden und KrawattenSo hielt er auch nie hinterm Berg mit den genauen Zahlen der eingebauten LKW-Mautgeräte, auch wenn sie bei weitem nicht so hoch ausfielen, wie er und Verkehrsminister Manfred Stolpe es gerne gesehen hätten. Gerade das war für Toll Collect eine kleine Revolution, fuhr doch der erste Chef des Unternehmens eine völlig andere Strategie. Stets verkündete er, alles laufe nach Plan ? und ging über Probleme hinweg. Bellmer ist das Gegenteil davon, kein Marktschreier, kein Dampfplauderer. ?Er überlegt sehr lange, macht sich Gedanken und versucht immer mit Argumenten zu überzeugen?, beschreibt Horstmann.Auffällig und kräftig sind höchstens die Farben von Bellmers Hemden und Krawatten. Er bricht mit dem klassischen Grau-Blau, das Manager so gerne tragen, und wagt sich an Rosa und Flieder, kräftiges Grün und glänzende Champagnertöne ? extravagant und stilvoll, meist ausgesucht von seiner Frau, die in der Modebranche arbeitet.Vor eineinhalb Jahren wechselte Bellmer in den Vorstand von T-Systems, dem IT-Dienstleistungsgeschäft der Telekom. Dort betreute er beispielsweise einen Modellversuch mit der Gesundheitskarte ? ein weiteres problembehaftetes IT-Großprojekt in Deutschland. Reiss als Chef von T-Systems habe damals den Ausschlag für Bellmers Wechsel gegeben. ?Zwischen den beiden stimmte die Chemie von Anfang an?, erzählt Koch.Beide wirken nach außen hin sehr zurückhaltend und distanziert. Doch das sei nur der erste Eindruck: ?Wenn man Christoph Bellmer näher kennen lernt, ändert sich das Bild. Er kann unheimlich emotional sein?, sagt Horstmann. Und offenbar genau mit dieser Art motiviert er seine Mitarbeiter: ?Er gibt ihnen eine Ahnung davon, wie es ist, wenn er sich über gute Leistung freut. Und das will man dann erleben?, erzählt Horstmann. Bellmer könne positiven Druck erzeugen, beschreibt es Koch.Außenstehenden vermittelte der Chef von Toll Collect Mitte Dezember einen Eindruck davon, wie es ist, wenn er etwas Charme ins Spiel bringt. Das Unternehmen bekam die vorläufige Betriebserlaubnis für das Mautsystem und nahm damit die erste große Hürde: Bellmer flirtete an diesem Tag mit jeder Fernsehkamera ? egal ob sie gerade auf ihn gerichtet war oder nicht.Der Mann , der in seiner knappen Freizeit mit einem einmotorigen Doppeldecker durch die Luft kurvt, wirkte plötzlich gelöst und erleichtert. Doch er bremste sich auch schnell wieder: ?Wir sind am Start, nicht am Ziel?, sagte er. Dem Ziel nähere man sich erst in ein paar Wochen, wenn die ersten Rechnungen verschickt würden und weitere Tausende von Mautgeräten in die Lastwagen eingebaut würden.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.01.2005