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Heile Welt am Berner Tropf

Von Oliver Stock
Der Beruf des Landwirts ist für junge Menschen nicht sonderlich attraktiv. Die Schweizerin Susanne Gerber will dennoch diesen Weg einschlagen und den elterlichen Hof übernehmen ? auch wenn Landwirte bald wohl weniger Geld vom Staat bekommen.
ZÜRICH. Wie sie da mit Ilona schmust, erfüllt sie alle Klischees: Susanne Gerber hat ein bisschen was von einer blonden ?Heidi?, wenn sie auf den hügeligen Wiesen des elterlichen Hofes bei Zürich ihr graues Lieblingskalb tätschelt, während der Großpapa das Holz stapelt: 19 Jahre, mittellanges Haar und manchmal vom Arbeiten leicht gerötete Wangen. Die Augen strahlen, wenn sie von ihren Plänen berichtet: Nächsten Monat beginnt die gelernte Köchin ihre zweite Ausbildung ? zur Landwirtin. Irgendwann will sie den Hof übernehmen. Der Vater freut sich: ?Er hat es schon den Kühen erzählt?, sagt die Tochter.Die Kühe und ihre Milch sind die Haupteinnahmequelle der Familie. Bis zu 85 Rappen erhalten die Gerbers pro Liter, knapp 55 Cent. Von den rund 60 000 bewirtschafteten Bauernhöfen in der Schweiz lebt etwa die Hälfte vom Milchverkauf ? und jeder Tropfen ist hochsubventioniert. Zählt man das Geld, das vom Staat an die Landwirte fließt, steht die Schweiz im OECD-Vergleich an vierter Stelle. 68 Prozent des Einkommens der eidgenössischen Bauern stammen aus dem Subventionstopf in Bern.

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Das lässt sich in der direkten Schweizer Demokratie nur durchhalten, weil eine Mehrheit der Wähler zu den Landwirten hält. Allerdings häufen sich die kritischen Stimmen: ?Der Schweizer Staat investiert mehr in seine Kühe als in seine Schüler?, sagt etwa Elisabeth Zölch. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin im Kanton Bern fordert, die Gewichte anders zu verteilen. Setzt sich ihre Meinung durch, wird Susanne Gerber in Zukunft nicht mehr so wirtschaften können wie schon ihr Großvater, der einst das Bauernhaus mit dem weit überragenden Holzdach gekauft hat.Großbauern waren die Gerbers nie. Mit ihren 21 Hektar Land, die sie bewirtschaften, führen sie für eidgenössische Verhältnisse einen mittelgroßen Betrieb ? eher ein paar Quadratmeter unter der Durchschnittsgröße. 300 Liter Milch fließen täglich in den Tank neben dem Stall, während Susannes Vater mit dem festgeschnallten Melkschemel seiner Arbeit nachgeht. Die Eier von 25 Hühnern verkauft die Familie direkt vom Hof, genauso wie die Kartoffeln. Früher haben sie auch den Dorfwirt vom Restaurant ?Löwen? nebenan beliefert. Doch der deckt sich inzwischen anderswo ein.Die fünfköpfige Familie hilft, wo sie kann. Einen Knecht oder eine Magd brauchen die Gerbers nicht. ?Wir fahren ja auch nicht einmal im Jahr nach Gran Canaria?, sagt die Nachwuchsbäuerin. Eine Woche Sportferien, drei bis vier Tage zum Klettern in die Berge ? das reicht im Jahr an Urlaub. Susanne war überhaupt erst einmal in ihrem Leben im Ausland, damals mit dem Jodlerclub des Vaters in Tschechien. Nach Norwegen würde sie gerne einmal fahren. Und sie hofft, dass während der Landwirtschaftslehre noch Zeit für solche Träume sein wird.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die eidgenössischen Bauern sind von den Plänen der Regierung alles andere als begeistert.Erst vor kurzem hat die Bauerntochter ihre dreijährige Kochlehre im ?Betagtenheim? ? zehn Kilometer vom Hof entfernt ? abgeschlossen. ?Die Kühe werden sich an anderes Futter gewöhnen müssen, wenn ich komme?, glaubt die frisch gebackene Köchin. Neun Jahre Schule oben im Dorf gleich neben der Kirche hatte Susanne hinter sich, als sie sich um ihre erste Lehrstelle bemühte. Sie hatte keine Probleme, etwas zu finden, obwohl die Schweizer Betriebe nicht mehr mit der gleichen Begeisterung ausbilden wie in den vergangenen Jahren. ?Ich habe auf dem Hof geholfen und weiß, was es heißt zu arbeiten?, sagt Susanne, und vielleicht hat ihr ein Satz wie dieser auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz geholfen. Umgerechnet 900 Euro verdiente sie im letzten Lehrjahr, den Wochenendzuschlag nicht mitgerechnet. Genug, um etwas zurückzulegen ? auch wenn zu Hause ein Viertel des Lohns als Kostgeld in der Familienkasse landete. Wenn sie von der Landwirtschaftslehre zurückkommt, wird der Hof noch genauso fest stehen, wie ihn der Urgroßvater einst gründete. Doch die Familienkasse könnte ein neues Leck aufweisen. Denn die Regierung in Bern verhandelt nicht nur mit der Welthandelsorganisation über eine Liberalisierung der Schweizer Landwirtschaft, sondern will darüber auch mit der Europäischen Union reden. Am Ende, so verspricht sie, wird ein größerer Absatzmarkt für die eidgenössischen Bauern stehen.Die sind allerdings alles andere als begeistert, weil sie um ihre Subventionen fürchten und die Preise bröckeln sehen. Zu Recht ? denn kommt die Liberalisierung, wäre es vorbei mit einigen Schweizer Absurditäten. Dazu gehört, dass auf einen Bund holländische Petersilie 700 Prozent Zoll erhoben werden. Landwirtschaftliche Produkte aus dem Ausland werden in der Schweiz immer dann mit hohen Zöllen belegt, wenn die heimischen Bauern sie gerade selbst produzieren. Das sichert den Landwirten zwar hohe Preise, führt aber dazu, dass beispielsweise Erdbeeren in der Schweiz ausgerechnet während der Erdbeerzeit am teuersten sind.Der Schweizer Bauernverbandspräsident Hansjörg Walter-Heim verteidigt diese Privilegien trotzdem und verweist auf den gesunkenen Lebensstandard der Bauern: Seit 1990 sei die Zahl der Landwirte, die auf einen Nebenerwerb angewiesen sind, um 35 Prozent gestiegen. ?Für 40 Prozent der Betriebe fehlt die Zukunftsperspektive?, rechnet Walter-Heim vor.Lässt sich Susanne Gerber durch solche düsteren Prognosen irritieren? Die künftige Bäuerin lacht und schüttelt den Kopf: ?Es geht nicht nur ums Geld?, sagt sie. Der Betrieb müsse laufen, darauf komme es an. ?Und der funktioniert, wenn der Chef weiß, was zu tun ist.? Und genau deshalb wird sie jetzt mit ihrer neuen Lehre beginnen.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.07.2006