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Hausaufgaben für die Hochschulen

Die Fragen stellten Liane Borghardt und Jörn Hüsgen
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn gibt den Unis fette Kröten zu schlucken: Gebühren-Verbot fürs Erststudium und strengeres Kostenmanagement. Gleichzeitig will sie bessere Studienbedingungen. Geht nicht, klagen Rektoren, Professoren und Minister der unionsgeführten Länder. Junge Karriere wollte wissen: Knickt die Ministerin ein?
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn gibt den Unis fette Kröten zu schlucken: Gebühren-Verbot fürs Erststudium und strengeres Kostenmanagement. Gleichzeitig will sie bessere Studienbedingungen. Geht nicht, klagen Rektoren, Professoren und Minister der unionsgeführten Länder. Junge Karriere wollte wissen: Knickt die Ministerin ein?

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Frau Ministerin, haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, Ihr Anglistik-Studium zu schmeißen?Edelgard Bulmahn: Nein, das kam überhaupt nicht in Frage. Ich habe mein Studium wirklich genossen.Können Sie verstehen, dass junge Leute ihr Studium abbrechen?Ich kann es nachvollziehen, halte es aber für falsch. Viele Leute beginnen ihr Studium, ohne zu wissen, was sie erwartet. Und sind enttäuscht, weil sie sich etwas völlig anderes vorgestellt haben. Da würde ich immer sagen: Wechselt, wenn nötig, rasch das Fach, aber gebt nicht einfach auf.Drei von vier Abbrechern bemängeln Betreuung und Studienstruktur, hat die jüngste Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) ergeben. Was sind Ihre Rezepte?Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Professoren sind, die ihren Studierenden das Fach mit Engagement nahe bringen. Und sie motivieren, wissenschaftlich zu arbeiten. Das verstehe ich unter guter Studienbetreuung.Aber die Realität sieht anders aus.Das liegt am geringen Stellenwert, den Lehre insgesamt bei uns hat. Es gibt bisher keinen Anreiz für Professoren, sich intensiv um ihre Studierenden zu kümmern. Ich hoffe, dass die leistungsbezogene Vergütung nach Lehrqualität, die wir jetzt durchgesetzt haben, Abhilfe schafft.Auch in puncto Studienstruktur stellt die HIS-Studie ein schlechtes Zeugnis aus. Welche Nachhilfe verordnen Sie?Bund und Länder können an dieser Stelle nicht eingreifen, weil es originäre Verantwortung der Fachbereiche ist, die Studienstruktur zu entwickeln. Und durch die Umstellung des Systems auf die internationalen Bachelor- und Masterstudiengänge bis 2010 sind die Hochschulen gezwungen, wettbewerbsfähige Strukturen zu schaffen.Für die Unis bedeutet das erhöhten personellen und finanziellen Aufwand. Wie verträgt sich das mit Ihrem Verbot von Gebühren fürs Erststudium?Es ist ja nicht so, dass die Universitäten kein Geld hätten. Die Finanzierung von Bildung und Forschung durch mein Ministerium ist in den letzten vier Jahren um ein Viertel gestiegen. Das kommt in erheblichem Umfang den Hochschulen zugute. Sowohl über eine stärkere Forschungsförderung, aber auch durch internationale Studiengänge, die wir mitfinanziert haben. Jetzt kommt es darauf an, dass wir die Rahmenbedingungen für die Hochschulen so gestalten, dass diese Mittel im besten Sinne eingesetzt werden.Also jammern die Hochschulen zu Unrecht über Geldmangel?Wir liegen bei den Ausgaben pro Studierendem an dritter Stelle aller OECD-Staaten. Die Mittel müssen aber auch optimal eingesetzt werden.Damit werfen Sie den Universtiäten Misswirtschaft vor.Natürlich nicht generell. Dazu ist die finanzielle und personelle Ausstattung der Unis und ihrer Fachbereiche viel zu unterschiedlich. Die Mittelzuweisung der Länder und die Besoldung der Dozenten muss sich aber stärker nach der Qualität der Lehre richten. So muss beispielsweise der finanziell honoriert werden, der Studierende in der Regelzeit zum Examen bringt.Die Befürworter von Studiengebühren sagen: mehr Geld für die Hochschulen, besseres Verhältnis zwischen Student und Hochschule. Ihre Gegenargumente?Es gibt keinerlei Garantie dafür, dass Studiengebühren wirklich mehr Geld für die Hochschulen bedeuten. Das ist auch der Grund, warum die Wissenschaftsminister gesagt haben: Keine Gebühren.Nicht in den unionsgeführten Ländern. Die planen zu klagen.Die Vereinbarung ist von allen Wissenschaftsministern getroffen worden. Mit genau der Begründung. Die Beispiele anderer Länder zeigen außerdem, dass dort das Einkommen der guten Universitäten nicht hauptsächlich auf Studiengebühren beruht, sondern auf Einnahmen aus Lizenzen, Patenterträgen und Immobilien. Nur bei den schlechteren Universitäten spielen Studiengebühren als Einnahmequelle eine größere Rolle. Ob die ein gutes Vorbild sind, wage ich zu bezweifeln.Aber Fakt ist, der "Kunde" Student studiert schneller.Ich sage ausdrücklich, ich bin nicht der Auffassung, dass man 20 oder 25 Semester kostenfrei studieren können darf. Ein Studienangebot sollte als kostbares Gut behandelt werden.Das scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben. Mit zwölf Semestern im Schnitt rangieren wir im OECD-Vergleich ganz unten. Finden Sie das in Ordnung?Kommt drauf an. Wenn man zum Beispiel während des Studiums ein Kind bekommt, ist das ein Grund für eine Studienverlängerung. Das gilt auch für einen Studienfachwechsel nach zwei Semestern. Das Hochschulrahmengesetz gibt den Ländern die Möglichkeit, von Langzeitstudierenden Studiengebühren zu verlangen. Das halte ich für akzeptabel.Das führt aber zu einem paradoxen Effekt: Bei Gebühren für Langzeitstudierende müssten die Hochschulen erpicht darauf sein, die Studierenden lange zu halten. Denn das bedeutet Einnahmen.Aber nur, wenn sie ihnen von den Finanzministern nicht wieder weggenommen werden. Wenn ich hingegen die Mittelzuweisung an die Zahl der erfolgreichen Regelzeitstudierenden knüpfe, dann ist das finanziell für die Hochschulen attraktiver.Fürs Zweitstudium dürfen die Hochschulen Gebühren erheben und schlagen oft kräftig zu. Beispiel: zwei Semester Wissensmanagement, berufsbegleitend, 15.000 Euro. Ist das im Sinne des lebenslangen Lernens?Wir haben ganz unterschiedliche Höhen für die Fortbildungen. Teilweise sind sie noch kostenfrei, andere verlangen Summen bis zu der Höhe, die Sie beschreiben. Durch Angebot und Nachfrage wird sich das aber von allein einpendeln.Zurück zu den Strukturproblemen: Wir haben zu wenig Studierende und gleichzeitig zu volle Hörsäle. Kriegen wir das Dilemma gelöst?Diese generelle Aussage gibt nicht die Wirklichkeit wieder. Wir haben Fächer wie Jura, BWL, wo es eine große Zahl Studierender pro Professor gibt. Wir haben aber auch andere Fächer, wo wir deutlich kleinere Zahlen haben.Gut, sprechen wir von BWL und Jura. Kriegen Sie die Massenvorlesungen kurzfristig klein?Wenn ich als Hochschule den Standpunkt vertrete, Jura oder BWL ist für uns ein wichtiges Fach, über das wir auch unser Profil definieren, dann muss ich diesen Fachbereich entsprechend personell aufstocken.Auf wessen Kosten?Die Hochschulen müssten dann teilweise andere Fachbereiche schließen. Nach Möglichkeit sollten sie sich untereinander abstimmen. Wir haben eine große Hochschuldichte in Deutschland, die genau dies ermöglicht. Gleichzeitig muss ein höheres Gewicht auf eine andere Studienorganisation gelegt werden. So führt beispielsweise in Jura alles auf die Schlussprüfung hin, alle rennen zum Repetitor. Das zeigt doch, dass eine Menge im Argen liegt.Also: Noch viel Hausarbeiten für die Hochschulen.Da gibt es schon noch eine Menge zu tun.Und Ihre Hausarbeiten für diese Legislaturperiode?Wir müssen die Studienbedingungen verbessern und die Internationalisierung der Hochschulen vorantreiben. Aber auch die Kooperation mit der außeruniversitären Forschung, weil das für den wissenschaftlichen Nachwuchs von großer Bedeutung ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.06.2003