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Hauptsache haftfähig

Martin Roos
3M will eines der innovativsten Unternehmen der Welt werden. In dem neuen Eurolab in Neuss bauen die Amerikaner auf den Erfindergeist ihrer Mitarbeiter.
Eine Krawatte braucht er nicht, noch nicht einmal ein Hemd mit Kragen. Stefan Reimann ist Erfinder. Leuten wie ihm verdankt 3M, dass fast überall auf der Welt immer neue Produkte kleben, hängen und haften: Reflektoren an Verkehrszeichen und Allwetterjacken, Folien an Fenstern, ScotchBrite-Kleber an Schulheften, Verschlüsse an Patent-Höschenwindeln, Pflaster über Wunden oder auch elastische Binden an verstauchten Handgelenken - insgesamt über 50.000 Produkte.

Die 15-Prozent-Regel

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Eine Milliarde US-Dollar gibt das Unternehmen jährlich für Forschung und Entwicklung aus. "Ein nicht unerheblicher Teil der Produkte wird auf spezielle Anfrage unserer Kunden entwickelt", sagt der 36-jährige Reimann. "Zudem müssen wir die Folien, Verschlüsse und Kleber, die bereits auf dem Markt sind, immer wieder verbessern und Nachfolger entwickeln."

Oft entstehen die originellsten Produkte, wenn "einem von uns zufällig etwas vollkommen Neues eingefallen ist, ohne dafür beauftragt worden zu sein". 15 Prozent ihrer Arbeitszeit steht den Erfindern als Freiraum zum Nachdenken über noch nicht Erfundenes zur Verfügung.

Ob sie dann im Büro, beim Golf oder in der Badewanne nachdenken, ist egal. Die Idee beispielsweise zum erfolgreichsten aller Notizzettel hatte ein 3M-Mitarbeiter während einer Chorprobe: Weil Art Fry beim Singen andauernd die Papierschnipsel, die die jeweiligen Stellen im Liederbuch markierten, herausfielen, bestrich er die Zettel mit Kleber - der Post-it war geboren. 1980 kamen die gelben Notizzettel auf den Markt und sind heute in fast jedem Büro zu finden.

Nationenmix im Lab

"Man kann sich hier viele Freiheiten nehmen. Wenn ich etwas vorschlage und 3M gefällt es, darf ich das machen", sagt Reimann. Der Mann aus Kempen ist einer von weltweit 6.500 Wissenschaftlern des US-Konzerns. Der promovierte Maschinenbauer arbeitet im zentralen Entwicklungslabor des Neusser Eurolab und gehört zu einem Team von 30 Spezialisten für allgemeine Entwicklungstechnik. Das fünfgeschossige Gebäude mit lichtdurchflutetem Atrium, 100 Meter Länge und zehn Meter Breite ist das größte 3M-Labor in Europa - mit 350 Wissenschaftlern und Technikern aus 14 Nationen.

Der Erfindungswut der Forscher sind kaum Grenzen gesetzt, denn alle Labore des Unternehmens haben den einen Auftrag: 500 neue Produkte jährlich zu entwickeln und damit dem amerikanischen Beschichtungsspezialisten an die Spitze der innovativen Unternehmen der Welt zu verhelfen.

Welterfolg mit Schaumklebeband

Bereits heute macht der Konzern 30 Prozent seines Umsatzes mit Produkten, die es vor vier Jahren noch nicht gab; zum Beispiel ein besonders elastisches Schaumklebeband, das Schall und Vibrationen dämpft, Kühlschränke und Automobile abdichtet - dieses Klebeband hat Reimann letztes Jahr hauptverantwortlich mitentwickelt. "Die Entwicklung hat sechs Monate gedauert. Anschließend kam das Produkt direkt auf den Markt", sagt Reimann.

Die meiste Zeit arbeitet er an seinem Schreibtisch im Neusser Eurolab, wertet Ergebnisse aus, hält Rücksprache mit den jeweiligen Auftragebern und diskutiert über die Möglichkeiten der Herstellung mit den Kollegen in den Werken in Wales und in der Nähe von Paris - häufig per Webcam. Und während der Entwicklung einer neuen Technologie besucht Reimann persönlich die beiden Werke im Ausland.

Doppelschneckenextruder

Doch bevor seine Erfindungen über die großen Produktionsmaschinen laufen, muss er im Kleinen experimentieren. Und zwar im Eurolab-Technikum im 3M-Werk Hilden - eine knappe halbe Stunde über die Autobahn von Neuss entfernt. Da geht es dann an die containergroßen Knet- und Mischmaschinen, die so genannten Doppelschneckenextruder.

Ein Maschinenführer hilft ihm, Temperaturen und Laufgeschwindigkeiten einzustellen und auch zur rechten Zeit die richtigen Knöpfe zu drücken. "Es dauert oft Wochen, bis es zum Beispiel durch eine bestimmte Wahl von Rohstoff und Prozessparametern gelingt, genau den Kleber herzustellen, den wir wollen", sagt Reimann.

Das Eurolab ist ein Ableger des US-Technologie-Centers in St. Paul im Bundesstaat Minnesota, der 3M-Zentrale in den USA. "Die Marktstrategien werden in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Mutter global festgelegt", meint Reimann. Dass das 3M-Werk in Borken im Münsterland nun geschlossen werden soll, ist eine Konsequenz der St. Pauler Restrukturierungspläne. Bis April 2002 will der Konzern 5.000 Stellen streichen. Die Hälfte davon in den USA, den Rest außerhalb - vorwiegend in der Produktion.

Karriere nur über die USA

Auch die Forschung ist abhängig von den US-Entscheidungen. Reimann: "Es ist manchmal schwierig, den Amerikanern klar zu machen, dass Europäer andere Bedürfnisse haben als Amerikaner. Oft glauben die, dass alles, was bei denen läuft, dann auch weltweit gut ist." Wer bei 3M was werden will, kommt an St. Paul nicht vorbei. "Wer in Neuss als Spezialist in der Entwicklung Karriere macht, wird in der Regel zu einem mehrmonatigen Training nach St. Paul geschickt, um die verschiedenen Produktionsverfahren kennen zu lernen", sagt Reimann. Er selbst hat sein sechs Monate dauerndes Training in der US-Zentrale bereits absolviert.

Hohes Ansehen für Spezialisten

Dass er als Entwickler die gleichen Karrierechancen hat wie ein Manager und auch selbst Manager werden kann, garantiert das Dual Ladder System: "In der Spezialistenlaufbahn hat man bei 3M den gleichen Status wie Manager mit Personalverantwortung. Man wird genauso gut bezahlt und kann auch ins Management wechseln", sagt Reimann.

Er selbst will erst einmal Erfinder bleiben. An welchem Projekt er zurzeit herumtüftelt, darf er nicht verraten. Ein Klebeband, das auf nassen Oberflächen unter Wasser haftet, ist es nicht. Das hat zuletzt einer seiner Kollegen erfunden. Vielleicht ist es aber ein neuer Astronautenanzug - und damit ein Nachfolgemodell der 3M-Ausrüstung, die Neil Armstrong auf den Mond mitnahm.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.10.2001