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Hart und schnell

Von Wolfgang Gillmann
Seinen silbernen Porsche bringt der frühere Rennfahrer Heinrich Weiss gelegentlich auf dem Nürburgring so richtig auf Touren. Doch so gerne er auch Tempo macht, in seinem Unternehmen, dem Anlagenbauer SMS Group, muss er sich derzeit in Geduld üben.
SMS-Chef Heinrich Weiss. Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. Doch so gerne Weiss auch Tempo macht, in seinem Unternehmen, dem Anlagenbauer SMS Group, muss er sich derzeit in Geduld üben. Vor seinem Ziel, den Anlagenbauer wieder zu einem reinen Familienunternehmen zu machen, stehen noch einige finanzielle und rechtliche Hürden im Weg.?Von meinem Vater habe ich 1971 ein reines Familienunternehmen erhalten, ich möchte es wieder als reines Familienunternehmen übergeben?, sagt der 63-Jährige, der den Konzern seit 31 Jahren führt. In dieser Zeit hat der Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik das 1871 von seinem Urgroßvater gegründete Unternehmen zum weltweit größten Anlagenbauer für Stahl- und Walzwerke mit knapp 10 000 Beschäftigten und einem Umsatz von 2,2 Milliarden Euro ausgebaut.

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Unabhängigkeit bedeutet Weiss viel. Dafür ist er bereit, die weitere Expansion der Gruppe hintanzustellen. ?Wir können unbürokratischer agieren, wenn wir ein reines Familienunternehmen sind?, betont er.Das Ende der Mehrheitsbeteiligung des MAN-Konzerns an der Holding SMS GmbH ist bereits vertraglich besiegelt, und die Familie hat die erste Rate bezahlt.Die zweite Tranche steht 2007 an. Keine Kleinigkeit: ?Für die erste Tranche hat die Familie ihre Ersparnisse verwandt?, sagt Weiss, ohne genaue Zahlen zu nennen.?Die Familie?, das sind insgesamt neun Personen. Weiss hält 50 Prozent, die Familien seiner beiden älteren Schwestern je 25 Prozent. Lediglich Heinrich Weiss ist aktiv im Management vertreten. ?Ich gehe davon aus, dass wir die Finanzierung schaffen?, sagt er. Wenn es nicht reicht, will Weiss Mittel aus dem Cash-flow des Unternehmens einsetzen oder notfalls sogar eine Anleihe aufnehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Weiss streitet mit SiemensDoch die Bezahlung der MAN-Anteile ist nicht die einzige finanzielle Sorge für den ?hervorragenden, knochenharten Unternehmer mit Prinzipien?, wie ihn Dieter Klingelnberg beschreibt, der frühere Präsident des Maschinenbau-Verbandes. Weiss streitet mit Siemens um den Kaufpreis für die Beteiligung von 28 Prozent, die der Münchener Konzern noch an der Obergesellschaft für den Hütten- und Walzwerkbereich, SMS Demag, hält.Denn Siemens will die Beteiligung verkaufen, um sich keine Wettbewerbsprobleme einzuhandeln wegen der geplanten Übernahme der österreichischen VA Tech, den härtesten Rivalen der SMS Gruppe im Walzwerkbau. Angeblich will Weiss 82 Millionen Euro für den Kauf des Paketes zahlen ? Siemens fordert das Dreifache. Entscheiden soll demnächst das Landgericht Düsseldorf. ?Ich habe Siemens mehrmals direkte Verhandlungen angeboten, aber sie scheinen nicht interessiert?, klagt der SMS-Chef.Entscheiden muss aber auch die Brüsseler Kommission, die aus Wettbewerbsgründen erhebliche Bedenken gegen Siemens angemeldet hatte. Weiss fürchtet, dass die Wettbewerbshüter ihre Meinung geändert haben und diese Woche, vermutlich am Mittwoch, dem Münchener Konzern die Übernahme der VA Tech ohne Auflagen genehmigen könnten. Der SMS-Chef fühlt sich behindert, so lange der Konkurrent Siemens mit zwei Vertretern im Aufsichtsrat der SMS Demag sitzt und besondere Auskunftsrechte besitzt.Ob er von der Führung der Gruppe zurücktreten wird, wenn er deren Unabhängigkeit erreicht hat, lässt Weiss offen. Stufenweise will er sich weiter zurückziehen, das Tagesgeschäft hat er bereits an seine Vorstände abgegeben. Die Berufswünsche seines derzeit 14-jährigen Sohns sind völlig offen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Aus der Politik seit langem zurückgezogenAus der Politik hat sich der sehr kommunikative Unternehmer, der als guter Redner gilt, seit langem zurückgezogen: 1982 trat er in die CDU ein, 1993 wieder aus. Begründung: ?Ich war mit dem wirtschaftspolitischen Kurs nicht einverstanden.? Dass der Grund die nicht eingehaltene Zusage eines Bundestagsmandats durch Helmut Kohl war, bestreitet Weiss.?Seine Konflikte mit Kohl kann ich verstehen?, sagt Michael Rogowski, der mit Weiss gemeinsam im Aufsichtsrat von Voith sitzt, und ihn seit 25 Jahren kennt. ?Weiss hat die richtigen Konsequenzen gezogen.?Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie war Weiss nur kurz, von 1991 bis 1992. Dann wurde er ?rausgemobbt?, wie es heißt. ?Es war eine unangenehme Konstellation?, sagt Weiss nur, der sich prinzipiell nicht über andere Personen äußert. ?Die Chemie mit dem Hauptgeschäftsführer stimmte nicht?, erläutert Rogowski. Jedenfalls kam das Verhältnis zu Helmut Kohl auf den Gefrierpunkt, wie Weiss es ausdrückt.Seitdem hat sich der in Berlin geborene, aber am Stammsitz des Unternehmens in Hilchenbach im Kreis Siegen aufgewachsene Weiss aus politischen Ämtern zurückgezogen, ist aber weiterhin Vorsitzender des Außenwirtschaftsbeirates und Vorstandsmitglied im Ost-Ausschuss und im Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. ?Das macht mehr Freude, weil man etwas zugunsten der Wirtschaft bewirken kann?, sagt Weiss. In der Politik steht ihm zu sehr der Konflikt und die Auseinandersetzung im Vordergrund.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Heinrich WeissVita von Heinrich Weiss1942 wird er in Berlin geboren, wächst aber am Stammsitz des Unternehmens in Hilchenbach im Kreis Siegen auf.1968 macht er seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur an der TH München.1973 übernimmt er nach dem Tod des Vaters als Vorsitzender die Geschäftsführung der SMS Group.1982 tritt Weiss in die CDU ein und wird Bundesvorsitzender des Wirtschaftsrats der CDU.1993 tritt er nach Differenzen mit Kanzler Kohl über die Wirtschaftspolitik wieder aus der CDU aus.1991 wird er Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, gibt den Posten aber 1992 schon wieder auf. Weiss ist verheiratet und hat einen Sohn.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.07.2005