Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Hart geprüft

Peter Nederstigt
Es gab schon bessere Zeiten für die Wirtschaftsprüfer: Die Honorare sinken, die Mandanten geizen mit Aufträgen, und Bilanzskandale wie die um Enron haben das Image versaut. Da kommt das Geschäft mit der Umstellung auf neue Bilanzrichtlinien ganz gelegen.
Mattias Schmelzer steht unter Zeitdruck. Sein Mandant, ein großer Energieversorger, muss bis zum Frühjahr eine Eröffnungsbilanz nach internationalen Bilanzrichtlinien aufstellen. Noch vor dem Weihnachtsurlaub sollen Schmelzer und seine Kollegen die Wertpapiere des Unternehmens neu bewerten. Arbeiten bis 20 Uhr und länger. "Im neuen Jahr geht es Schlag auf Schlag", sagt Schmelzer.

"Ich sehe in viele Geschäftsbereiche hinein - wo kann man das sonst?"
Mattias Schmelzer, 26, Prüfungsassistent bei kpmg
Der 26-Jährige ist Mitglied im Conversion-Team der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, einer der großen vier Wettbewerber auf dem internationalen Markt. Schmelzer hilft Unternehmen, ihre Jahresabschlüsse auf die neuen Richtlinien umzustellen. Die Uhr tickt: Ab 2005 müssen börsennotierte Unternehmen ihre Bilanzen nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) ausweisen. "Aber auch andere stellen schon um, weil sie an die Börse wollen, den Vergleich mit internationalen Wettbewerbern ermöglichen wollen und die Banken es erwarten", sagt Schmelzer.

Gigantische Veränderungen

Ein Riesengeschäft, das den Wirtschaftsprüfern gerade recht kommt. Mit ihrem Kerngeschäft, der Abschlussprüfung, verdienen sie kaum noch Geld, weil sie sich jahrelang bei den Honoraren unterboten haben, um an lukrative Beratungsaufträge zu kommen. Doch jetzt sparen ihre Mandanten, wo sie können. Gestandene Prüfer werden deshalb durch billigere Absolventen ersetzt. Gleichzeitig schaut die Bundesregierung den Bilanzwächtern immer mehr auf die Finger und will Prüfung und Beratung noch strikter trennen. "Wir befinden uns in einem gigantischen Veränderungsprozess", glaubt Bernd Rödl, Chef der sechstgrößten deutschen Prüfungsgesellschaft Rödl & Partner. "Aber gerade der bietet enorme Chancen für junge Leute.

Die besten Jobs von allen


Leute wie Mattias Schmelzer. Schon im Studium hat er sich auf internationale Rechnungslegung spezialisiert und anschließend den amerikanischen Prüfertitel "Certified Public Accountant" erworben. Seit einem Jahr arbeitet er bei KPMG und hat bislang bei drei Aufträgen mitgewirkt. "So ein Projekt kann drei Monate dauern, aber auch drei Jahre", sagt Schmelzer. In bis zu 30 Mitarbeiter großen Teams durchleuchten die Prüfer das Unternehmen, stellen Rechnungslegung und Computersysteme auf die neuen Bilanzierungsvorschriften um und schulen die Mitarbeiter des Mandanten. Der ganzheitliche Blick gefällt Schmelzer besonders: "Ich sehe in viele Geschäftsbereiche hinein - wo kann man das sonst?"

Mit allen Tricks

Das gilt auch für das Kerngeschäft, die Prüfung des Jahresabschlusses. "Man lernt, wie Wirtschaft funktioniert - in jeder Hinsicht", erzählt ein ehemaliger Prüfungsassistent und spielt auf die Tricks an, mit denen sich Mandanten manchmal schön- oder schlecht-rechnen, je nachdem, ob ein neuer Kredit oder die Steuer anstehen. Fast jeder in der Szene kennt Geschichten, wie sie der Ex-Wirtschaftsprüfer bei einem Glas Bier ausplaudert: Während der Inventur präsentieren die Angestellten dem Wirtschaftsprüfer ein volles Lager. Während der Chef den Prüfer danach zum Essen einlädt, räumen seine Mitarbeiter die Waren in ein anderes Lager, um einen höheren Warenbestand vorzutäuschen

"Das sind nicht bloß Anekdoten", weiß der Ex-Wirtschaftsprüfer. "Es kommt durchaus vor, dass in einem Lager die vorgegebenen Festplatten nur in den vorderen Kartons stecken und in den hinteren Gewichte." Oder das Unternehmen bewertet seine Lagerbestände schon zu Verkaufspreisen, obwohl sie noch gar nicht verkauft wurden. Oder es führt Forderungen auf, von denen es weiß, dass sie nicht mehr einzutreiben sind. Immer wieder stoßen die Prüfer auf solche Tricks, mit denen Unternehmen ihren Gewinn aufblähen. Aber weil sie an die Schweigepflicht gebunden sind, redet keiner offen darüber.

Wühlen in der Grauzone

Nicht immer steckt böse Absicht oder eine strafbare Handlung dahinter. "Das HGB bietet großen Spielraum durch Bilanzierungswahlrechte", sagt Bernd Rödl und nennt ein Beispiel für die Grauzone, in die Unternehmen und Prüfer geraten können: "Wann wird der Gewinn bei einem mehrjährigen Auftrag wie der Reparatur des Dachs im Münchener Olympiastadion realisiert: Erst wenn das letzte Teilstück des Daches fertig ist?" Die Unternehmen lösen solche Prob-leme, indem sie Abnahmeprotokolle über Teilaufträge vereinbaren. "Ins Kriminelle schlägt das Ganze um, wenn der Auftraggeber einen Vertragspartner dazu bringt, etwas zu tun, was nicht der Realität entspricht, also beispielsweise Abnahmeprotokolle zu unterzeichnen, obwohl der Auftrag noch gar nicht abgewickelt wurde."

"Der Wirtschaftsprüfer ist nicht der Bundesrechnungshof, sondern ein Dienstleister."
Bernd Rödl, Chef von Rödl & Partner
In solchen Fällen setzen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Spezialisten ein wie die Forensic-Truppe von KPMG in Deutschland: Rund 50 Wirtschaftsprüfer, IT-Spezialisten, ehemalige Polizeibeamte und Staatsanwälte heften sich an die Spur des Täters, nehmen die Bilanzen unter die Lupe, sichern den Inhalt von Festplatten und retten verräterische Dokumente vor dem Reißwolf. Meist bestellt der Aufsichtsrat das Sondereinsatzkommando.

Anonyme Hinweise

Zwei von drei Unternehmen wurden in den vergangenen drei Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität, hat KPMG in einer gerade veröffentlichten Studie ermittelt. Auch wenn solche Zahlen in das Bild passen, das spektakuläre Bilanzskandale wie die um Enron, Worldcom oder jüngst Parmalat gezeichnet haben - Forensic-Chef Dieter John ist überzeugt: "Wir sind kein Volk von Straftätern. Wirtschaftskriminalität ist die Tat Einzelner.

Falschbilanzierungen durch das Topmanagement kommen seltener vor, als Enron und Co. vermuten lassen. "Ein Vorstand gründet mit Freunden eine Zulieferfirma und lässt dort zum Schaden seines Arbeit-gebers zu überhöhten Preisen einkaufen. Ein Netzwerk von Mitarbeitern bilanziert nur einen Teil der Verkaufserlöse und lässt den Rest in die eigene Tasche gleiten. Ein anderer spekuliert unautorisiert mit Fir-mengeldern und verursacht einen Millionenschaden", beschreibt John typische Fälle. Eines haben sie trotzdem mit Enron gemeinsam: Fast immer kommen die Taten durch Hinweise von Mitarbeitern ans Licht.

Prüfer in der Klemme

Bei der regulären Abschlussprüfung haben die Wirtschaftsprüfer hingegen kaum eine Chance, Unregelmäßigkeiten aufzudecken. In Unternehmen wie DaimlerChrysler oder der Deutschen Bank fallen jährlich Millionen von Transaktionen an. Schon aus Zeitgründen nehmen die Prüfer deshalb nicht jeden einzelnen Beleg unter die Lupe, sondern analysieren, ob das Erfassungssystem funktioniert und wo seine Schwachstellen sind. "Da fällt es eben nur zufällig auf, ob in einer Rechnung aus 1.000 Euro eine Million werden", erklärt ein Insider. Und wenn die Prüfer etwas entdecken und monieren - wie bei der Parmalat-Tochter Soparfi -, nimmt es kaum jemand zur Kenntnis

Zusätzlich steckt der Prüfer in der Zwickmühle, dass er seinen Auftraggeber überprüfen muss. Angesichts tröpfelnder Aufträge und schlechter Bezahlung sind die Prüfer eher versucht, bei kleinen Verstößen mal ein Auge zuzudrücken. "Wenn du was entdeckt hast, wird die Prüfung wieder zeitaufwändiger. Und wenn du zu streng bist, kriegst du vielleicht den Auftrag nicht mehr", beschreibt der Assistent einer großen Prüfungsgesellschaft das Dilemma. Bernd Rödl drückt es eleganter aus: "Der Wirtschaftsprüfer ist nicht der Bundesrechnungshof, sondern ein Dienstleister.

Deshalb seien Wirtschaftsprüfer noch lange keine Versager, spottet ein Wirtschaftsprüfer, der unter dem Pseudonym Sebastian Hakelmacher im "Alternativen WP-Handbuch" die Arbeitswelt der Prüfer aufs Korn nimmt: "Nur selten versagen sie ihr Testat." 2002 beispielsweise genau ein einziges Mal.

Teures Haftungsrisiko

Die Bundesregierung nimmt's weniger locker. Seit den jüngsten Bilanzskandalen zieht sie die Daumenschrauben enger und verschärft die Überwachung. Schon jetzt müssen die Prüfer ihre Arbeitsmethode von Kollegen gegenchecken lassen und sich beim Verdacht auf Pflichtverstöße vor der Wirtschaftsprüferkammer verantworten. Künftig soll sich auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht einschalten können.

Gewissenhafte Arbeit liegt auch im Interesse der Prüfungsgesellschaften. Sollte ihnen bei der Abschlussprüfung unverschuldet ein Fehler unterlaufen sein, springt zwar eine Berufshaftpflichtversicherung für eventuelle Schäden ein, die dem Unternehmen oder den Aktionären entstehen. Doch deren Beiträge haben sich vervielfacht, ausgelöst durch Fälle wie den Flowtex-Skandal, bei dem KPMG 100 Millionen Mark an die Gläubiger gezahlt hat, um einem Verfahren zu entgehen. Bis zu drei Prozent vom Umsatz geht laut Brancheninformationen für die Absicherung gegen Schadensfälle drauf

Ob die neuen Bilanzrichtlinien den Job der Wirtschaftsprüfer risikoärmer machen, bleibt abzuwarten. Einmütig loben alle, dass deutsche Abschlüsse international besser vergleichbar werden. Doch Experten wie Bernd Rödl sagen voraus, dass die Arbeit in Zukunft komplizierter und der Schulungsaufwand deutlich zunehmen wird. Allein der Ordner mit den neuen Standards ist etwa fünf Mal so dick wie das HGB

Schon jetzt müssen angehende Wirtschaftsprüfer für ihr Examen rund 400 Seiten pro Monat durchackern. Auch gestandene Profis verbringen im Schnitt einen Tag pro Woche damit, sich über neue Vorschriften auf dem Laufenden zu halten. "In Zukunft wird Teamarbeit immer wichtiger, weil keiner mehr alles wissen kann", prognostiziert Rödl. Fest steht:Einfacher wird die Wirtschaftsprüfung nicht, und eine Gratwanderung bleibt sie wohl immer.

Nachschlag
Das Alternative WP-Handbuch. Sebastian Hakelmacher, IDW-Verlag Düsseldorf 2000, 19,90 Euro.
click > www.wpk.de click > www-idw.de
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2004