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Hart abrechnen

Chris Löwer | Isabelle Reiff
Wirtschaftsprüfer haben sehr gute Aufstiegschancen und kassieren üppige Gehälter - wenn nur das Berufsexamen nicht so schwer wäre.
Ralf Clemens befindet sich auf der Zielgeraden. Bloß ist die ziemlich lang: Die Prüfung wird er, wenn alles glatt läuft, erst Ende 2002 in der Tasche haben. Seine Samstage sind für das nächste Jahr ausgebucht - Alltag bei der Vorbereitung auf das Examen als Wirtschaftsprüfer. "Spontane Treffen mit Freunden sollte man sich während dieser Zeit aus dem Kopf schlagen."

Seit dem BWL-Diplom vor fünf Jahren an der Uni Düsseldorf arbeitet Clemens bei der Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein. Nebenher hat er immer gelernt: erst für den Abschluss als Steuerberater, den er im Februar 2001 ablegte. Nun für das Wirtschaftsprüfer-Examen.

Die besten Jobs von allen


Ein langer Weg, der Disziplin und Ausdauer erfordert, um ans Ziel zu gelangen. Und der schließlich zu einem Beruf führt, der das alte Image des Zahlenknechts und angestaubten Häkchenmachers längst abgelehnt habe, sagt Beate Werhahn, Leiterin des Personalmarketings bei KPMG in Köln. Die rund 10.000 Wirtschaftsprüfer in Deutschland seien stattdessen global agierende Fachleute mit interessanten Berufsbildern.

KPMG gehört zu den fünf großen, internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, den so genannten "Big Five" der Branche - neben Arthur Andersen, Deloitte & Touche, Ernst & Young sowie Pricewaterhouse Coopers, kurz PwC. Sie beherrschen auch in Deutschland den Markt.

"Big Five" sahnen ab

So teilen sich KPMG und PwC allein rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes im deutschen Prüfgeschäft, darunter vier Fünftel der 30 großen, im DAX vertretenen Aktiengesellschaften: etwa die KPMG-Kunden Allianz, Siemens und Henkel oder die von PwC betreute Deutsche Lufthansa.

Ab einem Umsatz von knapp zwei Millionen Euro, einer Bilanzsumme von gut drei Millionen Euro oder 50 Mitarbeitern müssen sich Unternehmen in Deutschland jährlich in die Bücher schauen lassen. Doch reichen die Aufgaben der 1.500 Prüfgesellschaften in Deutschland viel weiter. "Man sollte sich deshalb schon sehr früh über seine Berufsauffassung im Klaren sein", rät Wolfgang Wawrzinek von der Hamburger Kanzlei Susat & Partner: Kleinere und viele mittelständische Prüfungsunternehmen benötigten "eher ganzheitlich" ausgerichtete Mitarbeiter, sprich: Generalisten.

Die würden sich später "schwer tun, in eine Großgesellschaft zu wechseln". Denn die Big Five betreiben weit reichende Spezialisierung ihrer Mitarbeiter: Partner betreuen in der Regel bestimmte Branchen - und stehen somit an der Spitze von Expertenteams, etwa für Versicherungen, Banken oder Industrie-Unternehmen.

Eine andere Art der Spezialisierung betrifft die Art der Prüfung: von der Sonderbilanz anlässlich eines Unternehmensverkaufs bis zur Depotprüfung nach Kreditwesengesetz. Standardjobs überlassen die Big Five dagegen mehr und mehr anderen: Machten Jahresprüfungen 1977 noch etwa 70 Prozent ihres Umsatzes aus, sind es heute gerade noch 30 Prozent.

Expertenwissen benötigen ebenso die Mittelständler. In der Münchener Kanzlei Haarmann, Hemmelrath & Partner decken etwa 1.100 Mitarbeitern ein breites Dienstleistungs-Spektrum ab: von der Begleitung eines Unternehmensverkaufs über Unterschlagungsprüfungen bis hin zu Sanierungen.

Viel wissen und schweigen

Spezialisierung - das ist nicht zuletzt die Eintrittskarte zu den besonders spannenden Seiten des Berufs: Gerät die Deutsche Telekom wegen überbewertung von Grundstücken ins Kreuzfeuer der Kritik, durchforsten Prüfer die Bilanzen. Sie wussten auch vor den Analysten bescheid, als Daimler und Chrysler fusionierten. Denn Wirtschaftsprüfer sind für die Unternehmensbewertung zuständig, Englisch: Due Diligence. Also dafür, dass nicht die Katze im Sack gekauft wird.

Ralf Clemens hat die Fusion eines großen deutschen Mischkonzerns und Stromversorgers begleitet. Wer Clemens und Kollegen aber nach konkreten Aufträgen oder Mandanten fragt, erhält stets diese Antwort: "Nach dem Verschwiegenheitsprinzip darf ich dazu nichts sagen."

An der erforderlichen Diskretion liegt es wohl nicht, dass Absolventen das Fach eher meiden. Eher an seinem "unbeliebten Examen", sagt der Berliner Wirtschaftsprüfer Wolf Michael Farr. Brigitte Rothkegel-Hoffmeister, Referentin für Aus- und Fortbildung beim Institut der Wirtschaftsprüfer in Düsseldorf, IdW, rät angehenden Prüfern zur Pflege ihres theoretischen Uni-Wissens. Das sei ein "Kampf gegen das Vergessen".

Ralf Clemens ist in diese Schlacht gezogen - nicht im stillen Kämmerlein, sondern mit einem Vorbereitungskurs eines privaten Instituts. Das schlägt pro Jahr für Wochenendseminare mit etwa 5.000 Euro zu Buche, wird aber von seinem wie von vielen anderen Arbeitgebern bezuschusst. Hinzu kommen Prüfungskosten von rund 2.000 Euro.

Clemens empfiehlt, erst das Steuerberaterexamen abzulegen. Das ist nicht vorgeschrieben, wird aber von 90 Prozent der Anwärter so gemacht. "Es verlängert die Ausbildung zwar um ein bis zwei Jahre, aber man hat wenigstens einen Abschluss in der Tasche" -falls es auch nach dem dritten und letzten möglichen Versuch mit dem Wirtschaftsprüferexamen nicht klappt. Außerdem sparten Steuerberater "zwei harte Steuer-Klausuren". Es bleiben: zwei BWL-, zwei Prüfungswesen- und eine Jura-Klausur plus mündlicher Prüfung.

Die Durchfallquote wird auf bis zu 50 Prozent geschätzt. "Bei Kandidaten ohne Steuerberaterabschluss munkelt man gar von 90 Prozent", so Clemens. Fast alle von Junge Karriere befragten Unternehmen sagten, dass sie Mitarbeiter in größeren Prüferteams auch dann weiter beschäftigten, falls sie das Examen nicht schaffen. Die Aufstiegsmöglichkeiten seien jedoch begrenzt.

IAS schlägt HGB

Was Anfänger überrascht: Mit deutschem Handelsgesetzbuch (HGB) unterm Arm kommt man nicht weit. Viele Unternehmen bilanzieren bereits heute nach internationalen Rechnungslegungsvorschriften wie IAS: Die "International Accounting Standards" werden heute von großen Versicherern, etwa Allianz, Gerling und Münchner Rück benutzt - ab 2005 gilt der der IAS-Standard grundsätzlich in der EU. Der zweite internationale Standard sind die "Generally Accepted Accounting Principles". Nach GAAP müssen deutsche Unternehmen bilanzieren, die an US-Börsen gelistet sind, etwa Siemens. üblich ist GAAP auch bei deutschen Töchtern von US-Unternehmen.

Der Trend zur Internationalisierung zeigt sich auch in der Ausbildung: Von vielen Arbeitgebern gern gesehen werden internationale Zusatzqualifikationen wie Certified Public Accountant, CPA, und Chartered Financial Analyst, CFA. Während der erste zur Wirtschaftsprüfung nach US-Standard befähigt, beurkundet der zweite die Befähigung zum Anlageberater.

Markus Weddehage, 28, seit Juni als Prüfungsassistent bei KPMG, findet es spannend, wenn sich durch seine Arbeit herausstellt, dass ein Kreditrating verbessert werden muss. Oder wenn er aufzeigen kann, wie ein Unternehmen Millionen an Steuern sparen kann. Er pocht allerdings auf die Unabhängigkeit seines Auftrags: "Ich darf mir nicht die Zahlen liefern, die ich anschließend prüfe." So schreibt es dem 28-Jährigen etwa das "Selbstprüfverbot" in Paragraph 319 des deutschen Handelsgesetzbuchs vor.

Kritiker warnen vor dem Verlust der Unabhängigkeit der Wirtschaftsprüfer. Vier der Big Five haben eigene Consulting-Sparten. Die fünfte, Ernst & Young, musste ihre IT-Beratung unter dem Druck der US-Aufsichtsbehörde SEC an Cap Gemini verkaufen - verdient aber noch an prüfungsnaher Beratung und will sie weiter ausdehnen. Klienten erwarten, dass die Dienstleistungen miteinander verzahnt und erweitert werden, etwa auf Rechts- und Finanzberatung.

Endlich frei

Während einige Wirtschaftsprüfer im Laufe ihres Berufslebens direkt zu Mandanten wechseln, führt ein anderer Karriereweg in die Selbstständigkeit. Bei der Kölner Kanzlei LKO entscheiden sich rund 50 Prozent für eine eigene Kanzlei; bei PwC, Ernst & Young und KPMG zwischen 12 und 14 Prozent.

Die Berlinerin Annette Goldstein, 43, Geschäftsführerin von Goldstein Consulting, hat sich vor drei Jahren selbstständig gemacht und ihren sicheren Job als Wirtschaftsprüferin bei Ernst & Young aufgegeben. Nach 14 Jahren Treue, zahlreichen Aufträgen in Russland, USA, Kanada und einem Aufstieg zu einer der wenigen weiblichen Partner in der Männerdomäne. "Ich wollte mich von den hierarchischen Strukturen befreien und etwas Eigenes machen."

überrascht ist sie von den Erfahrungen mit Einsteigern, die sich bei ihr beworben haben. "Häufig treten unrealistische Vorstellungen über Gehalt und Arbeitszeiten zutage. Prüfassistenten müssen sich als Dienstleister verstehen - mit unregelmäßiger Arbeitszeit, überstunden, Wochenendarbeit."
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2001