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Hart, aber fair

Von E. Krummheuer
Margret Suckale steht vor ihrer größten Herausforderung: Die Personalchefin der Bahn muss im Streit mit den Lokführern eine Lösung finden, um den Streik abzuwenden. Da ist das gesamte diplomatische Geschick der Juristin gefordert.
Magret Suckale stehen als Personalchefin der Bahn schwere Verhandlungen bevor. Foto: ap
DÜSSELDORF. Ein Gruppenbild mit Dame: Drei Männer feiern mit leicht grimmigem Lächeln. Sie haben sich mühsam auf einen Tarifvertrag für die Eisenbahner geeinigt. Mittendrin Margret Suckale, wie nachträglich hineingeschoben zwischen die Gewerkschaftsbosse Norbert Hansen, Klaus-Dieter Hommel und ihren Vorgesetzten, Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.Der Blick der Personalchefin der Deutschen Bahn geht auf diesem, vor vier Wochen geschossenen Bild in die Ferne: eher nachdenklich als überschwänglich, distanziert statt triumphal. Als ahnte sie schon, dass der härteste Tarifkonflikt noch vor ihr steht ? der eskalierende Streit zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) und der Bahn.

Die besten Jobs von allen

Ein Konflikt, der auch ein Streit zweier älterer Herren ist: von GDL-Boss Manfred Schell, 64, und Mehdorn, 65. Beide zeigen bisher wenig Neigung zu einem konstruktiven Gedankenaustausch.Jetzt ist es an der eher unaufgeregten 51-Jährigen, daran mitzuwirken, den hochgeschaukelten Streit mit diplomatischem Geschick zu beenden und einen bundesweiten Streik zu vermeiden. Ihre zurückhaltende Art könnte ihr helfen: Bei ihren öffentlichen Auftritten wirkt die gebürtige Hamburgerin kühl, in ihrer Sachlichkeit fast schon spröde. Wo der Chef gerne mal lospoltert, gibt sich Margret Suckale emotionslos.Verbindlich im Ton, aber hart in der Sache, ist erkennbar ihre Devise in der Schlacht mit dem GDL-Chef, der einen Spartentarifvertrag für die Lokführer und Lohnerhöhungen bis zu 31 Prozent fordert. Erst gestern drohte sie der Gewerkschaft Schadensersatzforderungen an, falls diese gegen Arbeitsgerichtsurteile zum Streik aufrufen würde: ?Es ist hier kein Spiel mehr, was betrieben wird.?Und vorgestern machte sie deutlich, dass sie auch austeilen kann. ?Unverhältnismäßig, unverantwortlich, unsolidarisch? seien die Streikabsichten. Um dann aber versöhnlich zu reagieren, wenn die Gegenseite auch nur ein wenig Bereitschaft zum Einlenken signalisiert ? wie gestern, als Schell den Gedanken aufgriff, einen Schlichter einzuschalten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sie ist selten am Schreibtisch?Hart, aber fair? beschreiben Gewerkschafter ihren Verhandlungsstil. ?Unprätentiös, offen, dialogbereit? ? das sind Einschätzungen, die aus dem Bahn-Konzern kommen, wenn es um die Alltagsarbeit der Personalchefin geht. Die übt sie nur selten am Schreibtisch aus, heißt es in ihrer Umgebung. Den Arbeitsplatz im Bahn-Tower in Berlin könne man eigentlich untervermieten, hat sie selbst scherzhaft in einem Interview gesagt. Denn ihr Job führt sie immer wieder hinaus zu den Mitarbeitern. So bekam schon mancher Lokführer unerwartet Damenbesuch ? von der Personalchefin, die sich so auch einen tiefen Einblick in die Arbeitsbedingungen an der jetzt heiß umkämpften Front verschaffte.Eine gewisse Bahnaffinität hatte Suckale schon in jungen Jahren. Als Rucksacktouristin steigt sie gerne mit ihrer besten Freundin in den Liegewagen, um sich über Nacht ins geliebte Italien schaukeln zu lassen. Ansonsten aber ist sie im Bahn-Konzern wie fast alle der nachrückenden Führungskräfte eine Seiteneinsteigerin.Nach dem Jura-Studium in Hamburg und zwei Master-Studiengängen in den USA und der Schweiz oben drauf arbeitet sie über ein Jahrzehnt für den Konzern Mobil Oil, im Rechts- und Personalbereich, in Hamburg und im europäischen Ausland. Bei der Bahn ist sie ab 1997 gleich in einer wenig öffentlichkeitswirksamen Schlüsselstellung verantwortlich für die Abteilungen Zentrale Stäbe und Recht, bis Mehdorn sie im Jahr 2005 zur Arbeitsdirektorin im Vorstandsrang macht.Schon früh wirkt Suckale bei jener Aufgabe mit, die für den international wachsenden Bahn-Konzern ein zentrales Personalthema ist: den Spagat zwischen der traditionellen Eisenbahn in Deutschland, die sich mehr und mehr auf den Weg ins liberalisierte Schienen-Europa begibt, und den globalen Ambitionen der Logistiksparte Schenker, die weltweit zu den Topspielern zählt. Es gebe ein gemeinsames Band für alle Konzernmitarbeiter in aller Welt. Dieses sei, so zitiert sie eine Standardaussage ihres Chefs, das Bestreben, allen Kunden erstklassigen Service und innovative Dienstleistungsprodukte zu jeder Zeit überall anbieten zu können.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Fortschritte bei der BahnSehr bewusst ist sich Suckale, dass sie als Frau beruflich sehr weit gekommen ist. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung vom Frühjahr ist sie derzeit die Einzige im Vorstandsrang in den hundert größten deutschen Unternehmen.?Insgesamt ist der Frauenanteil in Spitzenpositionen noch zu gering, und es gibt auch noch wenig sichtbare Beispiele weiblicher Führung?, kommentierte sie dies bei einer Podiumsdiskussion. Sie verweist aber auf Fortschritte bei der Bahn. Da arbeiten unterhalb der Vorstandsriege immerhin schon 15 Prozent Frauen in Führungspositionen, bei einem Gesamtanteil von 20 Prozent weiblicher Beschäftigter.Chefinnen sollten ihren eigenen Führungsstil entwickeln, als ?beharrlich vorgelebtes Beispiel?, fordert sie. Sie ist aber fern von falsch verstandener Emanzipation: Es gehe nicht darum, männliche gegen weibliche Führungsstile auszuspielen, sondern sie in einen produktiven Wettbewerb treten zu lassen. Ihr Credo: ?Vielfalt statt Einheit?.Frauen könnten beruflich nur erfolgreich sein, wenn es eine Kultur gebe, in der weibliche Berufstätigkeit selbstverständlich ist, findet die Arbeitsdirektorin, die selbst verheiratet ist. Sie engagiert sich deshalb in der Impulsgruppe ?Allianz für die Familie? des Bundesfamilienministeriums und der Bertelsmann-Stiftung, in der sich Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik für eine familienfreundliche Arbeitswelt einsetzen.Firmen müssten sich auf moderne Lebensverhältnisse mit zwei berufstätigen Elternteilen einstellen, sagt sie. Einsatz und Leistungsbereitschaft könne man von Bahn-Mitarbeitern nur erwarten, ?wenn sie wissen, dass zu Hause alle gut versorgt sind?. Damit ist sie ganz nah bei ihren Kontrahenten: Denn welcher Gewerkschaftschef wollte da widersprechen?
Dieser Artikel ist erschienen am 08.08.2007