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Hans Riegel: ?Ohne die Firma würde ich krank?

Von Peter Brors, Georg Weishaupt
Wie Haribo-Gründer Hans Riegel den größten Fruchtgummihersteller der Welt aufbaute, TV-Star Thomas Gottschalk anheuerte und sich mit der katholischen Kirche anlegte.
Hans Riegel, der Herr der Gummibärchen. Foto: dpa
HB BONN. Ostern 1949. Lebensmittel sind knapp und werden nur rationiert zugeteilt. In Bonn-Kessenich aber stehen die Schlote einer Lebensmittelfabrik schon wieder unter Volldampf. Da tauchen plötzlich diese Herren auf. Sie kommen von der Sparkasse. Und haben keine guten Absichten: ?Diese Zuckersäcke hier sind Eigentum der Sparkasse. Weshalb wir sie jetzt beschlagnahmen.? Schon klebt ein Kuckuck an jedem Sack.Hans Riegel ist geschockt und verärgert. Die Existenz des 23-jährigen Jungunternehmers steht auf dem Spiel. Klar, er hat seinen Kredit über 250 000 Mark noch nicht ganz, wie versprochen, zurückgezahlt, weil ihn einige Lieferanten versetzt haben. Aber bald werden seine Kunden die letzten Rechnungen für die Osterartikel begleichen. Dann bekommt auch die Sparkasse ihr Geld.

Die besten Jobs von allen

Die Kleinkariertheit der Banker ist für den rheinischen Unternehmer unbegreiflich. Er glaubt an die Zukunft seiner Firma Haribo und die des Landes. Aber dafür braucht es die richtigen Bedingungen, Bewegungsspielraum wenigstens. Mit vielen schönen Worten kann er die Banker davon abhalten, seinen wichtigsten Rohstoff zu kassieren. Der Zucker bleibt, wo er ist. Riegel zahlt alsbald seine Schulden zurück. Und beschließt: ?Nie wieder einen Kredit!?Die Anekdote stammt aus den Aufbaujahren nach dem Krieg. Das Land braucht jeden Unternehmer, der mit anpackt, produziert und Jobs schafft, Typen wie Hans Riegel. Rückblickend sagt er: ?Alles, was wir seit dem Vorfall mit der Sparkasse aufgebaut haben, ist selbst finanziert.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Unser Eigenkapital ist nicht normaaal?Alles ? dahinter verbirgt sich heute der größte Fruchtgummi- und Lakritzhersteller weltweit. Der 82-Jährige gebietet über ein Familienunternehmen mit 6 000 Mitarbeitern, er wacht über 18 Fabriken von Bonn bis Istanbul. Jung und Alt beglückt er mit mehr als 1 000 Produkten ? von den berühmten ?Goldbären? über Lakritz bis hin zu neuen Versuchungen wie ?Pico Balla?. Das Schlüsselerlebnis mit der Sparkasse hat sein Gutes ? bis heute: ?Unser Eigenkapital ist nicht normaaal?, sagt er und zieht das Wort rheinisch in die Länge. Die Eigenkapitalquote beziffert er auf 70 Prozent. ?Es gibt Leute, die sagen, Firmen ohne Schulden sind schlecht geführt. Das können die mir ruhig anhängen?, fügt er hinzu und lächelt schelmisch.Hans Riegel verkörpert die Erfolgsstory eines ungewöhnlichen Unternehmers, der sich nicht einsortieren lässt in Klischees. Schon mit seiner Erscheinung passt er in kein Manager-Schema. Er trägt gern Jeans zur Lederweste. Statt Krawatte bevorzugt er Lederbänder mit Schnallen, wie man sie aus Texas kennt.Der mittelgroße, leicht untersetzte Firmenchef hat etwas von einem freundlichen Großvater. Hinter seiner tropfenförmigen Brille blinzeln zwei liebevolle, aufmerksame Augen. Er spricht ruhig und stark gefärbt in bönnschem Dialekt. Seine Vorstellungen von korrekter Unternehmensführung und fruchtbarer Politik verpackt er nicht in Fachchinesisch, sondern er formuliert gerne direkt aus dem Bauch heraus. ?Manche Politiker meinen, wenn sie gewählt werden: Ich muss schnell ein paar Gesetze machen, sonst habe ich nichts geleistet?, sagt er. Und erzählt die Geschichte, warum er zwei dicke blaue Linien auf den Boden des Firmenhofes im Stammwerk malen ließ und er den Streifen zwischen diesen Linien dreimal täglich reinigen lassen muss. ?Wenn unsere Leute mittags aus der Fabrik zur Kantine zum Essen gehen, müssen sie den Weg zwischen den blauen Linien benutzen, andernfalls dürfen sie nicht zurück in die Produktion.? Das schreiben die neuen Hygieneauflagen vor. ?Unglaublich, oder??Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hans Riegel steht mit seinen 82 Jahren immer noch voll im Geschäft.Der Mann, der sich über die Regelungswut der Beamten aufregt, lässt sich ungern etwas vorschreiben, lebt lieber seinen ganz eigenen Stil ? auch im Büro. Das hat nicht die kühle, durchgestylte Atmosphäre von Klarheit und Macht, mit der sich heute viele Konzernchefs umgeben. Der Raum hat mehr den Charakter eines gutbürgerlichen Wohnzimmers, mit seinem beigefarbenen Teppichboden, den braun-blauen Brücken und in akkuraten Wellen gelegten Gardinen. Auf dem Schreibtisch steht ein Fläschchen Kölnisch Wasser neben einer kleinen Madonnenstatue, einem Porzellanhund und einer silbernen Kaffeekanne. Die Bilder mit Hasen- und Wolfmotiven und der ausgestopfte Fuchs auf der Ablage verraten die Jagdleidenschaft.Doch Hans Riegel ist kein gemütlicher älterer Herr, der nur in Erinnerungen schwelgt, der jetzt mit einem prall gefüllten Konto sein Lebenswerk aus der entspannten Position eines Aufsichtsratsvorsitzenden betrachtet und die Annehmlichkeiten eines Pensionärslebens genießt. Er steht mit seinen 82 Jahren immer noch voll im Geschäft und ist vielleicht der älteste Chef eines großen deutschen Familienunternehmens. Er sagt noch immer, wo es im Bonner Süßwarenreich langgeht. Hans Riegel ist Haribo. Haribo ist Hans Riegel.Klar, da gibt es noch seinen Bruder Paul, dem 50 Prozent der Anteile gehören. Aber der stand stets lieber im Hintergrund, kümmerte sich um Technik und Produktion. Bruder Hans indes, für Marketing, Verkauf und das Kaufmännische zuständig, war immer der Antreiber, der Ideengeber, der Mann mit dem Gespür für den Markt.Und er war sich nicht zu schade, selbst loszuziehen. Anfang der 50er-Jahre will er in Bremen testen, wie es um den Bekanntheitsgrad von Haribo bestellt ist. ?Da bin ich in die Fußgängerzone gegangen und habe einfach Leute angesprochen und gefragt: Hören Sie mal, kennen Sie Haribo? Da bekam ich Antworten wie: Nein ? ich bin auch nicht von hier.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die Anfangszeit nach dem Krieg läuft alles andere als glatt für die Brüder.Die Anfangszeit nach dem Krieg läuft alles andere als glatt für seinen Bruder und ihn. Vater Hans Riegel, der 1920 die Firma unter dem Kürzel HAns RIegel BOnn (HA-RI-BO) in einer Hinterhof-Waschküche gründete und mit seinem bis heute streng gehüteten Geheimrezept für Gummibärchen daraus eine veritable Fabrik machte, stirbt 1945. Zunächst kümmert sich seine Frau um das, was vom Unternehmen übrig geblieben ist. Gertrud Riegel wird in dieser Zeit zur ?Mutter Courage? des Betriebs, wie es der frühere Haribo-Prokurist Bruno Unkel der Riegel-Biografin Bettina Grosse de Cosnac erzählte.Tag für Tag fährt die Firmeninhaberin mit dem Fahrrad durch Bonn: zu ihrer noch stillgelegten Fabrik und den britischen Militärbehörden. Die müssen ihr die Genehmigung zur Wiedereröffnung des Betriebs erteilen. Sie muss Fragen beantworten, viele Fragen: Was, wie, wo, wann und vor allem für wen hat Haribo während des Kriegs produziert? 1946 kommen ihre Söhne aus der Gefangenschaft zurück. Die beiden springen sofort ein, helfen im Betrieb. Von einst 190 Mitarbeitern sind noch 30 da. Fenster und Dächer der Fabrik sind zerstört und Rohstoffe wie Gelatine und Zucker äußerst knapp. Der stammt noch dazu oft aus bombardierten Fabriken und ist ?regelrecht angebrannt. Wir mussten ihn erst filtern, bevor wir ihn verwenden konnten?, erinnert sich Riegel.Auch Kohle zum Heizen und Feuern der Fabrik ist rar. Als der damalige Kölner Kardinal Josef Frings verlauten lässt: ?Leute, wenn euch kalt ist, nehmt euch die Kohle von den Wagen?, streunen auch die Riegel-Brüder um die Güterzüge im Bonner Bahnhof und greifen kräftig zu.Zunächst bietet Haribo Produkte für die hungrigen Bergarbeiter im Ruhrgebiet an, die so genannten ?Nährkugeln?, auch Salmiak-Pastillen und Pektoral-Tabletten. Für Schulkinder erfindet Riegel eine Art Vorläufer des Müsliriegels: Stangen, die mit Fettglasur überzogen waren, gefüllt mit einer Vollkornmasse.Lesen Sie weiter auf Seite 5: "Das, was man als Erstes im Leben isst, daran gewöhnt man sich und gibt es später an seine Kinder weiter.?Trotz der schwierigen Startbedingungen nach dem Krieg schreibt sich Unternehmer Riegel an der Universität Bonn ein. Neben der Arbeit studiert er VWL. Und hängt auch noch eine Promotion dran. Thema: ?Die Entwicklung der Weltzuckerwirtschaft während und nach dem Zweiten Weltkrieg?.Als Doktor der Staatswissenschaften widmet sich Riegel wieder voll dem Betrieb. Höchstpersönlich fährt der Firmenchef mit einem Koffer durch die Lande, um Lakritz und Fruchtgummis an die Händler zu verkaufen. Ihn treibt sein unternehmerischer Elan an und das Bewusstsein, schnell seine heranwachsenden Kunden zu erreichen: die Kinder. ?Meine Philosophie war damals wie heute: Das, was man als Erstes im Leben isst, daran gewöhnt man sich und gibt es später an seine Kinder weiter.?Er profitiert auch davon, dass sich die Einstellung zu Kauprodukten in den 50er-Jahren ändert. Die US-Soldaten bringen den Kaugummi nach Deutschland. Da passen die weichen Fruchtgummis ins neue Lebensgefühl. Außerdem nutzt Riegel die neuartigen Cellophan-Verpackungen als Werbefläche ? der Start zum Aufbau der Marke. Früh konzentriert er sich auf den Slogan, mit dem Haribo noch heute wirbt: ?Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso?.Der Spruch ist uralt. Hans Riegel hat auch dazu eine Anekdote parat. So sei eines Tages ein Mann ins Büro seines Vaters gekommen und habe gesagt: ?Wenn Sie mir 50 Mark geben, sage ich Ihnen einen guten Werbespruch. Der Vater gab ihm das Geld. Der Mann sagte: ,Haribo macht Kinder froh? ? und ist wieder gegangen.? Später, in den 60er-Jahren, fügt Hans Riegel höchstselbst ?und Erwachsene ebenso? hinzu.Lesen Sie weiter auf Seite 6: In der Bonner Zentrale läuft nichts ohne den "Alten".Bald drängt Riegel ins Ausland. ?Wir wollten eine europäische Marke werden.? Zuerst baut er in Skandinavien eine Niederlassung auf. Danach folgt Holland. Heute ist Haribo überall in der EU vertreten. Und übernimmt so manchen Konkurrenten. Ende der sechziger Jahre greift Riegel bei der Solinger Firma Dr. Hillers AG zu, dann beim fränkischen Lebkuchen-Spezialisten Bären-Schmidt, 1986 bei Edmund Münster in Neuss (?Maoam?).In der Bonner Zentrale läuft nichts ohne ihn. ?Der Alte?, wie er dort heißt, führt auch heute noch ein straffes Regiment. ?Was er sagt, ist quasi Gesetz?, sagt ein langjähriger Branchenbeobachter. Nach wie vor überwacht er die Produktion gern selbst. Eine Woche dauert es, bis ein Goldbär in der Tüte landet. Zuerst wird die klebrige Flüssigkeit in Formen gegossen, wo sie einige Tage trocknen muss. Dann werden die Bärchen mit Öl besprüht, damit sie nicht zusammenkleben, schließlich kräftig geschüttelt und ? oft genug erst nach einer Kostprobe durch den Chef ? verpackt.Legendär ist auch seine so genannte ?Postbesprechung?. Eine Sekretärin öffnet die Post der Abteilungsleiter. Die holt Riegel dann einzeln ins Büro, um wichtige Punkte zu diskutieren. ?Wenn er sich nicht negativ äußert, gilt das als Lob?, beschreiben Mitarbeiter den Führungsstil, den die einen wohlwollend ?patriarchalisch?, die anderen aber ?autoritär? nennen.Er ist ein Chef der alten Schule. Von modernen Managementmethoden hält er wenig. Während viele Unternehmen Datenverarbeitung, Werbung, Druckerei und Kantine an fremde Dienstleister vergeben haben, bleibt bei Haribo alles im Haus. Auch die Zahlen hält er seit jeher streng unter Kontrolle. Noch nicht einmal die Produktionsmenge nennt er, geschweige denn Umsatz oder Gewinn. Die Branche schätzt den Jahreserlös auf fast zwei Milliarden Euro.Lesen Sie weiter auf Seite 7: Riegel löst großen Ärger aus, als er die Heilige Familie in Fruchtgummi gießt.Lange Zeit gibt es keine Marketingabteilung. Der Chef vertraut lieber auf seinen eigenen Geschmack ? und liegt meist richtig. Und woher weiß er, was seine wichtigsten Kunden, die Kinder, wollen? ?Ich schaue schon mal ,Sesamstraße? oder die ,Sendung mit der Maus?. Wenn jemand aus meinem jugendlichen Publikum ,affengeil? sagt, muss ich wissen, was das heißt?, sagt der Mann, der nur kurz verheiratet war und keine Kinder hat. So kommt er auf Produkte wie ?Saure Dinos?.Aber auch Riegel erlebt Flops. Großen Ärger löst er aus, als er die Heilige Familie in Fruchtgummi gießt. Die Bischofskonferenz läuft Sturm. ?Da habe ich religiösen Fanatismus am eigenen Leibe kennen gelernt. Einige Frauen haben mir gewünscht, dass ich mal in die Hölle komme?, sagt der Mann, der sich selbst als gläubiger Katholik bezeichnet. Er stellt die Produktion wieder ein.Als Katholik sorgt er im Laufe der Jahrzehnte wie ein guter Hirte für seine Mitarbeiter. 1953 baut er für seine Leute die erste Badminton-Halle in Deutschland, selbst wird er mehrmals Deutscher Meister. Früh spendiert er auch einen eigenen Kindergarten und veranstaltet Betriebsfeste, wo es bunt und fröhlich zugeht und Riegel, ganz in seinem Element, auch mal zum Saxofon greift.Doch er wäre kein echter Rheinländer, käme bei allem Geschäftssinn das private Vergnügen zu kurz. Riegel hat seit jeher eine Schwäche für schnelle Autos. ?Feuerschlitten mit 360 PS als Flugzeugersatz? titelt eine Boulevardzeitung, als sich Riegel 1967 einen Lamborghini für 55 000 Mark zulegt. Das Geschoss fährt er liebend gerne selbst, sein Chauffeur muss oft zitternd auf dem Beifahrersitz Platz nehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 8: Riegel fliegt seinen eigenen Hubschrauber immer noch selbst.Da besitzt Riegel schon diverse Mercedes, einen Cadillac und einen Ferrari. Und er leistet sich einen Hubschrauber. Sein aktuelles Modell ?Agusta A 109 Power? fliegt er auch heute noch selbst. Kurzum: Irgendwie entpuppt sich Hans Riegel ?als Inkarnation des Rheinischen Kapitalismus?, wie es Autorin Grosse de Cosnac formulierte, frei nach den Mottos ?Jeder ist seines Glückes Schmied? und ?Drink doch eine met?, was sich zusammengefasst in etwa so übersetzen lässt: Wer viel arbeitet, soll auch was davon haben.In Wachtberg-Pech, einem grünen Villenvorort von Bonn, unterhält Riegel ein weitläufiges Waldgrundstück mit eigenem Hubschrauberlandeplatz. Umrahmt von einem Wildfreigehege mit ungezählten Hirschen und Rehen. Getier, das er mit Kastanien füttert, die Kinder aus der Region sammeln und bei Riegel gegen Süßigkeiten eintauschen können: zum Wechselkurs von einem Kilo Gummibärchen für zehn Kilo Kastanien oder fünf Kilo Eicheln.Jahr für Jahr reiht sich der rheinische Nachwuchs im Oktober, an der einen Hand Mutter oder Vater, in der anderen eine Tüte oder einen Eimer voll Kastanien, vor dem Firmengelände auf. Allein in diesem Herbst kommen 16 000 Kinder, die 200 Tonnen Kastanien und 150 Tonnen Eicheln zu den drei Sammelstellen bringen. Für Haribo ist die seit fast 70 Jahren stattfindende Aktion bestes Marketing: Die Kinder bleiben der Marke treu, probieren neue Produkte und freuen sich über die süßen Geschenke, während der Unternehmenschef den Futtereinkauf ein paar Tage lang reduzieren kann.Lesen Sie weiter auf Seite 9: ?Für uns war das Gottschalk-Honorar am Anfang ein dicker Brocken?Überhaupt das Wild. Riegels Wohnsitz liegt in Österreich, auch aus steuerlichen Gründen. Dort, in Linz, besitzt der Mann mit österreichischem Pass ein Anwesen, ?das ich bei gutem Wetter mit dem Hubschrauber in zwei Stunden von Bonn aus schaffe?, wie er stolz erzählt. Da kann er seiner Leidenschaft frönen, der Jagd. In Österreich schießt er Gams- und Rotwild, in seinem Revier bei Boppard am Rhein Schwarzwild ? für ihn ist es aktive Erholung vom Job und den Sorgen, die er als Unternehmer mit sich herumschleppt, vor allem: Wie sichere ich die Haribo-Arbeitsplätze in Deutschland? Als Riegels Lehrbeispiel müssen dann die Lebkuchenherzen herhalten: Nach wie vor lässt er die Kirmestrophäen bei seiner Tochterfirma Bären-Schmidt nahe Würzburg backen. Aber dann werden sie ins Haribo-Werk Ungarn transportiert, wo der Stundenlohn um ein Vielfaches unter jenem in Deutschland liegt und die Mitarbeiter sie per Hand mit Zuckerguss-Sprüchen wie ?Du bist mein Schatz? verzieren. ?Das kann keine Maschine, sonst stimmt das Flair nicht?, findet der Chef. Danach kommen sie, fertig verpackt, zurück nach Würzburg. ?Nur so können wir die Jobs hier erhalten?, begründet er die Zwei-Länder-Aktion.Was war eigentlich seine unternehmerisch wichtigste Entscheidung? ?Den Goldbären ,Goldbär? zu nennen und ihn als Marke aufzubauen?, sagt Hans Riegel. Schon im Inflationsjahr 1922 als süßer Tanzbär mit barocken Formen erfunden, 1967, kurz vor den Zeiten der Studentenunruhen, mit dem eingetragenen Warenzeichen Nummer 829311 geadelt, ist er inzwischen eng mit Thomas Gottschalk verbunden. Der Showmaster und Riegel kommen 1990 zusammen. ?Für uns war das Gottschalk-Honorar am Anfang ein dicker Brocken?, blickt Riegel zurück. Doch schon im ersten Jahr der Zusammenarbeit habe Gottschalk für so viel PR-Wirbel gesorgt, dass sich das Engagement für Haribo rechnet. Auch dazu liefert Riegel die passende Story. Vor Jahren hat er eine Mutter mit Kind auf der Straße beobachtet. ?Die Mutter sagte: ,Schau mal, drüben geht der Mann, der die Gummibärchen macht.? Sagt das Kind: ,Ne, ne, Mutti, stimmt nicht. Die stellt doch der Gottschalk her.??In einem Werbespot treten Gottschalk und Riegel sogar gemeinsam auf. Der TV-Star stellt darin den Macher der Gummibären vor und drängt ihn, das Goldbären-Rezept zu verraten. Riegel antwortet: ?Tommy, du darfst alles essen, aber nicht alles wissen.? So wird der Bär zum Kultobjekt. Das rheinische Landesmuseum Koblenz widmet Haribo in diesem Sommer eine große Ausstellung. Zur Eröffnung moderiert Gottschalk im weißen Sommeranzug im Hof der Festung Ehrenbreitstein eine Modenschau der besonderen Art. Modedesign-Studenten haben sich Phantasiekleidung zum Thema Haribo ausgedacht. Da werden Goldbären-Tüten zum nabelfreien Top verarbeitet und Lakritzschnecken finden sich als schwarzes Abendkleid wieder.Lesen Sie weiter auf Seite 10: Vor Jahren hat Riegel in Österreich eine Stiftung gegründet, doch wer seine Nachfolge antreten wird, ist bislang unklar.Am Schluss bittet Gottschalk: ?Hans, bitte komm doch mal.? Riegel lässt sich nicht lange bitten, steigt auf die Bühne. Gottschalk steckt ihm einen Haarreif mit zwei Hasenohren auf den Kopf. ?Ich glaube, es gibt wenige Herren über 80, die so einen Quatsch mitmachen?, sagt der Showmaster unter dem Jubel des Publikums. Hans Riegel lächelt dazu wie ein Honigkuchenpferd.Und so könnte sie ewig weitergehen, die Geschichte von dem immer fröhlichen Gottschalk, der erfolgreichen Marke Haribo und dem ewigen Firmenchef Hans Riegel. Doch auch der muss irgendwann einen Nachfolger präsentieren. ?Ich bin gesund?, sagt Riegel. ?Ich war gerade bei der Vorsorge, alles im grünen Bereich.?Vor Jahren hat er in Österreich eine Stiftung gegründet, die seinen 50-Prozent-Anteil an Haribo hält. Aber wer wird ihn mal ablösen? Am liebsten würde Riegel die Frage überhören und von neuen Produktideen reden. Doch es hilft ja nichts. ?Mein Neffe, Hans-Jürgen Riegel, könnte das Unternehmen mal führen?, sagt er. ? Aber?, schiebt er hinterher, ?mir macht die Arbeit noch viel Spaß.?Der Sohn seines Bruders aus erster Ehe ist 51, hat BWL studiert, arbeitet erst beim Marmeladenkonzern Zentis, wechselt dann zu einer Bank, kommt zur Haribo-Tochter Maoam und leitet nun das Frankreichgeschäft. Aber wann der Tag X sein wird, weiß wohl niemand ? wahrscheinlich nicht mal Hans Riegel. Er sagt nur: ?Ohne die Firma würde ich krank.?Lesen Sie weiter auf Seite 11: Das Unternehmen Haribo im ÜberblickHerkunft: Hans Riegel wird 1923 als Sohn eines Bonner Fabrikanten geboren. Er besucht das Aloysius-Kolleg in Bad Godesberg. 1946 kehrt er aus französischer Kriegsgefangenschaft heim nach Bonn. Sein Vater ist gerade gestorben, seine Mutter verhandelt mit den britischen Besatzern über eine Wiederaufnahme des Betriebs.Karriere: Zusammen mit seinem Bruder Paul übernimmt er die Geschäftsführung. Während sich Paul (im Foto links) lieber im Hintergrund um die Technik und den eigenen Spezialmaschinenbau kümmert, vertritt Hans das Unternehmen nach außen. Er verantwortet die Bereiche Produktentwicklung und Werbung. Nebenbei studiert er an der Universität Bonn Volkswirtschaftslehre und hängt auch noch eine Promotion hinten dran. Früh entdeckt er die Werbung zum Aufbau der Marke Haribo. Er schaltet schon in den 60er-Jahren Spots im TV, etabliert den Slogan ?Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso? und engagiert Thomas Gottschalk als Werbeträger.Unternehmen: Ertragszahlen und Erlöszahlen hält Riegel bis heute streng unter Verschluss, genauso wie das Originalrezept für seine Gummibärchen. Nach Branchenschätzungen kommt Haribo auf einen Jahresumsatz von zwei Milliarden Euro, Tendenz steigend. Er beschäftigt 6 000 Mitarbeiter in 18 Fabriken. Die Firmenanteile gehören zu je 50 Prozent seinem Bruder und ihm. Sein Vermögen hat er in eine Familienstiftung mit Sitz in Österreich eingebracht. Wann der heute 82-Jährige, der die Firma noch immer leitet, einen Nachfolger ernennt, ist offen. In Frage kommt der Sohn seines Bruders, Hans-Jürgen Riegel.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.12.2005