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Hans Reischls junger Wilder

Von Christoph Schlautmann, Handelsblatt
Da könne er sich doch gleich ins Café setzen, sobald sein Nachfolger nominiert sei. So machte Rewe-Chef Hans Reischl noch vor einem Jahr klar, weshalb man in Köln an einer vorzeitigen Nachfolgeregelung keineswegs interessiert sei.
Am liebsten hätte der seit 27 Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende von Deutschlands zweitgrößtem Handelskonzern, dessen Vertrag zum Jahresende aus Altersgründen ausläuft, noch einmal zwei Jahre drangehängt. Doch der Aufsichtsrat machte ihm einen Strich durch die Rechnung ? und präsentierte vergangene Woche mit Ernst Dieter Berninghaus deutlich früher als erwartet einen Nachfolger.Im Café saß der Reischl gestern dennoch nicht. Humorvoll und angriffslustig wie eh und je präsentierte der 64-Jährige am Aschermittwoch die Konzernbilanz in der Kölner Domstraße ? gerade so, als sei in den vergangenen Wochen nichts geschehen. An seine neue Rolle wird sich der passionierte Golfspieler noch gewöhnen müssen, der aus dem verstaubten Genossenschaftsverbund einen multinationalen Handelskonzern gemacht hat.

Die besten Jobs von allen

Denn schon gestern galt das Medieninteresse kaum noch seinen gewohnten Erfolgsmeldungen. Im Mittelpunkt stand stattdessen einer, der offiziell nur wenig zu sagen hatte, und mit ihm die Frage: Was wird der 26 Jahre jüngere Berninghaus ab dem kommenden Januar im Konzern alles umkrempeln?Die fast schulterlangen Haare, die frische, hellblaue Krawatte und das jugendliche Auftreten des Fußballfans, der oft schon morgens um sechs durch den Kölner Stadtwald joggt, unterscheiden den promovierten Diplom-Kaufmann zwar schon äußerlich von der restlichen Rewe- Unternehmensleitung. Angesichts des nahezu geräuschlosen Führungswechsels in Köln erwarten Branchenbeobachter wie der Bad Homburger Unternehmensberater Volker Dölle aber kaum einen einschneidenden Richtungswechsel. ?Ich stehe für Kontinuität und Solidität?, sagt auch Berninghaus selbst.Der Vertrauensvorschuss, den der designierte Konzernherr besitzt, ist beachtlich. Sämtliche 16 Aufsichtsratsmitglieder gaben ihm bei der Endabstimmung ihr Votum. Ein überraschender Durchmarsch, denn noch drei Wochen zuvor war das Rennen um den Chefposten offen gewesen. Auch Berninghaus? Vorstandskollegen Hans Schmitz waren gute Chancen nachgesagt worden, Hans Reischl zu beerben. Externe Kandidaten gab es allerdings nicht. Am Ende punktete das jüngste Vorstandsmitglied mit seinen Erfolgen jenseits der deutschen Landesgrenzen. ?Das Auslandsgeschäft hat Berninghaus hervorragend im Griff?, urteilt der Bochumer Rewe-Händler Erich Lenk, der als Aufsichtsrat in Köln über die Geschicke des Konzerns mitbestimmt.Unter der Ägide des gebürtigen Kölners, der seit 1999 in der Geschäftsleitung und seit 2001 im Vorstand für die Internationalisierung der Rewe-Gruppe verantwortlich ist, haben sich die Filialableger in den inzwischen zwölf Ländern West-, Mittel- und Osteuropas zum wichtigsten Wachstumsträger entwickelt. Jeden vierten Euro setzt die Gruppe mittlerweile außerhalb ihres Heimatlandes um.Um das Geschäft in Italien, Österreich, Polen und Ungarn voranzutreiben, hatte Konzernchef Reischl 1999 den damals 33-jährigen Berninghaus von der Düsseldorfer Metro AG geholt. Der hatte dort bereits mehrere Führungsaufgaben absolviert ? unter anderem bei der von Erwin Conradi gelenkten Metro-Holding in der Schweiz.Reischls Personalabwerbung erwies sich als Glücksgriff. Berninghaus entwickelte das Österreich-Geschäft (?Billa?, ?Mercur?, ?Mondo?, ?Bipa?) zur Ertragsperle, verordnete der von Berlusconi erworbenen maroden Supermarktkette Standa in Italien ein hartes Sanierungsprogramm und fügte mit dem Kauf des Schweizer Lebensmittelhändlers Bon Appétit dem Konzernreich ein weiteres Land hinzu. Der Einstieg bei den Eidgenossen bescherte dem jungen Rewe-Vorstand auch einen persönlichen Sieg: Ausgerechnet sein ehemaliger Chef, der einstige Metro-Oberaufseher Erwin Conradi, musste für ihn den Sessel im Verwaltungsrat der Bon Appétit Group räumen.Viele Konzernmitarbeiter fürchten allerdings, der neue Chef könne künftig die Rewe-Regiebetriebe wie Minimal, HL oder Otto Mess vernachlässigen. In das Geschäft mit den konzerneigenen Filialen, das heute die Hälfte zum Ertrag des Gesamtkonzerns beiträgt, waren die Kölner 1974 mit der Teilübernahme der Bad Homburger Leibbrand eingestiegen.Selbst einen Hauch von Stallgeruch kann der künftige Rewe-Chef vorweisen. Schon Berninghaus? Großeltern betrieben im bergischen Ennepetal einen Rewe-Laden. Ein Aufsichtsrat sagt: ?Der weiß genau, wo die selbstständigen Händler der Schuh drückt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 26.02.2004