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Handelshochschule Leipzig

Liane Borghardt
Foto: Jörg Gläscher
An der Handelshochschule Leipzig (HHL) machen Studenten sich fit fürs Management - top betreut, international und in Rekordtempo. Unternehmensberater und Investmentbanker nehmen den Spitzennachwuchs nur zu gern unter Vertrag.
Zwei massige Staffelläufer ragen vor dem Hauptgebäude empor, und ein flachbrüstiges Turnerinnenpärchen verharrt kerzengrade in der Balance - Ideale der einstigen Deutschen Hochschule für Körperkultur, in Bronze gegossen. Zu DDR-Zeiten wurden hier Trainer für den Höchstleistungssport ausgebildet. Heute ist in dem 60er-Jahre Bau das Institut für Sportwissenschaft der Uni Leipzig untergebracht.

Nur einen Steinwurf weit entfernt erstreckt sich ein gelb gestrichenes Haus, erbaut um die Jahrhundertwende: die Handelshochschule Leipzig oder - so steht es in den zweisprachigen Hochglanzprospekten - The Leipzig Graduate School of Management.

Die besten Jobs von allen


Reinlich und unspektakulär sieht sie aus, die erste private Wirtschafts-Uni Ostdeutschlands, die es mit ihrem viersemestrigen Hauptstudium Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensführung immer wieder auf Spitzenplätze einschlägiger Rankings schafft.

In einem der Unterrichtsräume im Erdgeschoss herrscht Höchstkonzentration. Zwei Wochen hatten die diesjährigen Examenskandidaten Zeit, in Teams eine Fallstudie zu bearbeiten: "Bewertung eines B2B-Marktplatzes für Industriechemikalien". Die Präsentation geht in ihre Abschlussnoten ein.

Ein Dunkelhaariger mit Seitenscheitel steht vorne am Laptop und klickt sich durch makellose Powerpoint-Folien. "Was ist denn in den impliziten Kapitalkosten enthalten?", hakt Prüfer Bernhard Schwetzler nach. Sechs Kommilitonen blicken angestrengt auf ihre Schuhe, der Dunkelhaarige übernimmt souverän die Antwort. Schwetzler klopft mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte: "Danke. Und: Dürfte ich mir Ihre Folien für meine Vorlesung ausleihen?"

Anstrengende Studenten

"Das ist das Tolle hier", hebt der Professor für Finanzmanagement an, als die Diplomanden beschwingt Richtung Mensa abziehen. "Man arbeitet in einer Umgebung und mit Studenten, die einen fordern. Zum Beispiel muss ich die meisten Veranstaltungen auf Englisch halten: Der Anteil ausländischer Studenten beträgt an der HHL 40 Prozent." Das voll gepackte Studienprogramm trägt in Schwetzlers Augen ebenfalls zur "produktiven Arbeitsatmosphäre" bei. "Hier brummt es auch an den Wochenenden", schwärmt er.

Ein dreimonatiges Praktikum ist für HHLer nach dem ersten Semester Hauptstudium Pflicht, ein studienbegleitendes Praxisprojekt während des zweiten; beispielsweise erarbeiten sie Geschäftspläne für gründungswillige Naturwissenschaftler. Das dritte Semester verbringen die Studenten an einer Partnerhochschule im Ausland, im vierten schreiben sie ihre Diplomarbeit.

Das macht im Schnitt eine nationale Rekord-Studienzeit von 7,5 Semestern - ohne dass Abstriche bei den Inhalten gemacht werden, betonen die Dozenten. Allerdings ist diese Bestleistung nicht allein das Verdienst der Privat-Uni: Die meisten Studenten, die zum Hauptstudium an die HHL kommen, haben an einer staatlichen Hochschule in nur drei Semestern ein Spitzenvordiplom hingelegt.

Ich geb Gas, ich hab Spass

Mittagspause, Tablett- und Besteckhektik an der Essensausgabe. Zwischen Studenten im Sport-Outfit stehen vereinzelt HHLer für Fischtopf und Kartoffel-Eier-Auflauf an: Die Mensa der benachbarten Uni Leipzig können die vier HHL-Klassen à 40 Studenten mitnutzen. "Zum Einkaufen und Kochen habe ich keine Zeit, seit ich hier studiere", sagt Katrin Rothe. Die 22-Jährige hat ihr Vordiplom an der Freien Uni Berlin gemacht und sich dann sechs Monate Praktikum bei der Werbeagentur D'Arcy in New York "gegönnt, bevor es hier richtig losging". Ihr Kommilitone Fabian Grüther, 24, hat vier Semester in Jena und ein Jahr Studium an der University of Cambridge hinter sich. "Wenn man direkt an eine Privat-Uni geht, verpasst man das richtige Studentenleben", findet er.

Und wo bleibt hier der Spaß? "Nach Cambridge, wo fast nur in kleinen Lerngruppen gearbeitet wird, konnte ich mir nicht mehr vorstellen, zusammen mit 300 Leuten in einem Hörsaal zu sitzen", sagt Fabian. "An der HHL studiert man sehr gut betreut, die Vorlesungen und Seminare sind interaktiv - fachlich bin ich hier total fit geworden."

In der Cafeteria sitzen Nathalia Wills, 21, aus Kolumbien und ihre finnische Freundin Christina Mahrenholz, 22. Immer wieder kommt ein Studienkollege vorbei, um nachzuhören, wie's denn so geht. "Man hat hier keine Probleme, Leute kennen zu lernen. Ich glaube, auch ein bisschen, weil wir Frauen sind", sagt Nathalia und lacht. "Im Ernst, an der HHL gibt es nur 18 Prozent Studentinnen und nur eine Professorin."

Die Guten ins Töpfchen...

Wenn Austauschstudenten in Leipzig oder HHLer vor ihrem Semester in übersee eine Unterkunft suchen, dann hilft Frank Hoffmann. Die Kontakte zu den meisten der über 80 Partner-Unis hat er persönlich hergestellt. "Ich achte darauf, dass nicht mehr als zwei Studenten gleichzeitig dieselbe ausländische Hochschule besuchen." Für seinen Einsatz haben die Studenten Hoffmann kürzlich wieder mit Bestnoten belohnt. Lauter Einser prangen auf seinem Zeugnis, das er wie alle Mitarbeiter und Dozenten an seiner Tür aushängen muss.

Die öffentlichen Bewertungen sollen Qualität von Lehre und Betreuung garantieren. "Die Arbeitsbedingungen sind bei uns aber auch für das Lehrpersonal gut: Kollegen an staatlichen Hochschulen beklagen oft, dass der eine oder andere bloß aus Verlegenheit BWL studiert. Dem beugen wir vor, indem wir uns unsere Studenten selbst aussuchen", sagt Rektor Arnis Vilks.

Er preist das Prinzip der HHL, Leute erst zum Hauptstudium aufzunehmen. Darin unterscheidet sie sich von anderen Privathochschulen - etwa der WHU in Koblenz, der EBS in Oestrich-Winkel oder der Uni Witten-Herdecke. "Künftige Manager, die wir ausbilden wollen, zeichnen sich nicht nur durch ihre Studienleistungen aus. Elan und Begeisterungsfähigkeit müssen sie genauso mitbringen", sagt Vilks. Diese Eigenschaften ließen sich bei Bewerbern nach zwei Jahren Studium besser erkennen, besonders an außeruniversitären Aktivitäten. "Sie sind bereits reifere Persönlichkeiten als Abiturienten, und sie bewerben sich aus eigenem Entschluss bei uns."

Dass sich niemand einfach mal so für ein Studium an der Leipziger Privat-Uni entscheidet, dafür sorgen auch die Studiengebühren: 8.000 Mark pro Semester. An der Finanzierung soll aber niemand scheitern. Bis zu zehn Prozent der Studenten bekommen die Gebühren erlassen - vorausgesetzt, sie sind Bafög-Empfänger. Für alle anderen bietet die Sparkasse Leipzig zinsgünstige Darlehen; mit einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt von 92.000 Mark hat das Gros der bisherigen Absolventen das dicke Minus auf dem Konto schnell ausgeglichen.

Man kann nicht immer gewinnen

Probleme beim Jobeinstieg haben HHLer nicht - höchstens, sich den besten Arbeitsplatz auszusuchen. Im Schnitt haben die bisherigen Absolventen 11,5 Bewerbungen geschrieben und daraufhin 4,5 Angebote erhalten. "Unsere Großabnehmer sind Unternehmenberatungen und Investmentbanken", sagt Finanzprofessor Bernhard Schwetzler. 14 Prozent der Absolventen haben ein Unternehmen gegründet.

Einmal im Jahr kommen Teams von der Dresdner Bank sowie der Investmentbank JP Morgan und dem Beratungsunternehmen Booz, Allen & Hamilton - Sponsoren der HHL - vorbei und testen, wie fit die Studenten im europäischen Vergleich sind: auf dem Fußballfeld. Zum Turnier im Sommer sind elf Business Schools in Leipzig angetreten. Trotz Heimvorteil schieden alle HHL-Teams bereits in der Vorrunde aus. Man kann halt nicht immer gewinnen.

Wer Was Wo

Studienberatung
Kathrin Troks
Jahnallee 59, 04109 Leipzig
Tel.: 0341/9851691
E-Mail: troks@hhl.de

Zahl der aufgenommenen Studenten: etwa 40 pro Semester; Bewerbungen zuletzt 117

Betreuungsverhältnis Dozenten/Studenten: 1:4

Bewerbungsfrist zum SS 2002: 31. Januar

Zulassungsvoraussetzungen: Überdurchschnittliches BWL-Vordiplom, gute Kenntnisse in Englisch plus einer weiteren Fremdsprache, Graduate Management Admission Test (GMAT), drei Monate Praxiserfahrung

Aufnahmetest: Interview mit Dozenten und Unternehmensvertretern, mündliches Referat; nächste Termine: 23. November, 29. Januar, 28. Februar

Studiengebühren: 8.000 Mark pro Semester; Stipendien und Darlehen möglich

Abschluss: Dipl.-Kaufmann/Kauffrau und Möglichkeit zum binationalen Doppeldiplom; außerdem bietet die HHL ein 15-monatiges MBA-Studium sowie ein zweisemestriges Promotionsstudium mit dem Abschluss Dr. rer. oec.

Zoom

1898 wird die Handelshochschule Leipzig gegründet.

Wegen knapper Finanzen wird die Handelshochschule nach dem Zweiten Weltkrieg in die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät der Uni Leipzig eingegliedert.

Die DDR-Regierung beschließt 1953 die Gründung einer Spezialhochschule für Binnenhandel, Hotel- und Gastgewerbe. Zehn Jahre später wird diese Hochschule wieder Teil der Uni Leipzig, die zu diesem Zeitpunkt Karl-Marx-Universität heißt.

Nach einer Hochschulreform entsteht erneut eine eigenständige Institution: die Handelshochschule Leipzig mit wirtschafts- und naturwissenschaftlichem Lehrangebot.

Dem sächsischen Staatsministerium wird 1992 genehmigt, zusammen mit der Uni Leipzig sowie Vertretern von Staat und Wirtschaft eine neue Handelshochschule in privater Trägerschaft zu gründen.

1994 erhält die Handelshochschule Leipzig GmbH die staatliche Anerkennung.

1996 wird der Lehrbetrieb aufgenommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.10.2001