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Handeln, nicht reden

Was haben die Begriffe "Innovation" und "Eliten" gemeinsam? Zunächst einmal die Tatsache, dass beide neuerdings in aller Munde sind - es vergeht keine Festrede, keine Sonntagstalkrunde und kein Politikerinterview ohne ihre Beschwörung.
Was haben die Begriffe "Innovation" und "Eliten" gemeinsam? Zunächst einmal die Tatsache, dass beide neuerdings in aller Munde sind - es vergeht keine Festrede, keine Sonntagstalkrunde und kein Politikerinterview ohne ihre Beschwörung. Wie es der Innovation schon lange ergeht, so geschieht es der länger verpönten Elite nun auch - spätestens, seit der Kanzler persönlich ihre positive Bedeutung (wieder-)entdeckte und sie damit hochoffiziell vom Tabu befreite: Kein Buch, das aufrütteln und den Weg aus der Krise weisen will, kommt mehr ohne Innovation und Eliten aus.

Um Innovation zu fördern, werden so genannte Eliten in zahllosen Räten, Vereinen, Konventen oder Initiativen zusammengerufen - wo sie sich wiederum nachdrücklich für Innovation aussprechen. Wenn es um nichts Geringeres als die Zukunftsfähigkeit unseres Landes geht, scheint man sich gerade von der Kombination beider Schlagworte nämlich besonders viel zu versprechen. Sind es nicht die Eliten, von denen wir Innovationen erwarten dürfen? Aber wenn wir das so genau wissen und so viel davon hören: Wieso hört und liest man dann überall, dass wir immer noch und immer bewegungsloser in der Krise erstarren? Warum unternehmen wir nichts?

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Zum Beispiel können wir ja einfach mal abwarten, wie unsere Massenuniversitäten sich per Anweisung aus dem Bundesbildungsministerium über Nacht in Elitehochschulen verwandeln - und all die wachgeküssten Eliteforscher eine Innovation nach der anderen produzieren. Experten wie Peter Glotz, Hans-Olaf Henkel, Gesine Schwan und Dieter Lenzen haben an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, dass der notwendige Umbau der Universitäten auf diese Weise nicht gelingen kann: Neuheit alleine bedeutet nicht die Lösung eines Problems; Elite heißt, Vorbild zu sein - doch das wird man nicht, indem man auf sich selbst zeigt; und Innovationen entstehen noch lange keine, nur weil man sie einfach verkündet - fatalerweise hängen die beiden Begriffe also auch in diesem Sinne zusammen.

Meine Vermutung ist, dass es dem Elite- genauso wie dem Innovationsbegriff nichts nützt, sondern ihnen im Gegenteil eher schadet, wenn man wieder und wieder von ihnen spricht, an sie erinnert, sie einfordert oder in ihrem Namen verzweifelt mit dem Fuß aufstampft. In dieser Hinsicht gleichen die beiden hehren Worte möglicherweise den traditionellen Werten - und damit, um ein Wort des Soziologen Niklas Luhmann aufzugreifen, auch Luftballons, "deren Hüllen man aufbewahrt, um sie bei Gelegenheit aufzublasen, besonders bei Festlichkeiten".

Wir alle wissen, was mit Ballons passiert, die zu viel heiße Luft enthalten: Sie platzen. Wer Pflichtgefühl, Anstand oder Toleranz immer nur im Munde führt, anstatt sich selbst entsprechend zu verhalten, zerstört die Werte, deren Erhaltung ihm angeblich am Herzen liegt. Und mit den Eliten sowie mit der Innovation verhält es sich vielleicht ganz genauso: Wer Innovationen produzieren will, muss sich selbst den Kopf zerbrechen, und der muss vor allem selbst die Initiative ergreifen - nur Handeln hilft.

Zum Beispiel die Bildung, zum Beispiel die Universität. Wer kennt schon Jens Bemme? Er studiert an der Technischen Universität Dresden und hatte genug von dem "Immer-nur-dagegen!"-Geschrei. Jens Bemme, 26, gründete das "unternehmen selbst!beteiligen", mit dem er einfach einmal ausprobierte, was aus eigener Kraft unternommen werden kann. Geschlossene Bibliotheken sind ein Luxus, den sich unser Land eigentlich nicht mehr leisten kann: Bemme fing also an, freiwillige Studentenbeiträge auf dem Campus zu sammeln, um damit die Landesbibliothek in der Prüfungszeit auch am Wochenende zu öffnen - auch für die Studenten, die nichts gezahlt hatten. Selbstlos? Naiv? Verantwortungsvoll?

Oder: Unternehmerisch? Jens Bemme wurde beschimpft und verlacht, seinetwegen wurden Fahndungsplakate aufgehängt, es gründeten sich Aktionsbündnisse gegen ihn - schließlich müsse sich ja der Staat allein um die Bildung kümmern. Doch die Bibliothek sperrte auf am Sonntag, immer wieder, jetzt schon im vierten Semester in Folge, Tausende Besucher nahmen das Angebot an, und immer mehr Menschen beteiligen sich an Bemmes Unternehmen. Nun ist Jens Bemme gerade dabei, die erste Studentenstiftung Deutschlands zu gründen. Ein Student, der sich traut, am Tabu zu rütteln - zu wenig relevant, um zur Innovationselite zu zählen?

Drei Thesen. Erstens: Den wahren Eliten, wie ich sie nennen will, ist das Prinzip der Innovation nicht selbst genug, aber Mittel zum Zweck. Im Grunde handeln sie wie Unternehmer, egal ob in der Politik, in der Wirtschaft oder in der Bildung - denn unternehmen ist das Gegenteil von unterlassen. Zweitens: Die Innovationstechnik dieser Eliten besteht darin, Lücken zu suchen und zu finden, um Probleme zu lösen; sie zeigen Mut, sie tragen Risiko und sie übernehmen Verantwortung. Sie haben Freude an der Sache, und sie zeigen dabei sogar so einen altmodischen Wert wie Pflichtbewusstsein. Vor allem aber verkörpern sie das, was notwendigerweise zur wahren Innovation gehört: Kreativität - aber eben auch Fleiß, immer wieder Fleiß, sowie Selbstdisziplin. Und drittens: Diese Innovationseliten findet man im Hintergrund der Bühne. Es ist notwendig, sie aufzuspüren - nicht, um sie ins Scheinwerferlicht zu stellen, aber um sie zu unterstützen, wie und wo man nur kann.

Eberhard von Kuenheim, 75, war von 1970 bis 1993 Vorstandsvorsitzender von BMW, danach bis 1999 Aufsichtsratschef. Heute leitet er die nach ihm benannte BMW-Stiftung Eberhard von Kuenheim.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2004