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Haifischfutter

Georg M. Oswald
"Ich werde ihn wohl bald zu meinem persönlichen Referenten machen, wenn das so weitergeht." Ich gehe mit Hartmann, einem alten Studienfreund, mittags ins Segafredo, auf ein Tramezini und einen Latte Macchiato. Er ist ein ganz harter Knochen, ...
"Ich werde ihn wohl bald zu meinem persönlichen Referenten machen, wenn das so weitergeht." Ich gehe mit Hartmann, einem alten Studienfreund, mittags ins Segafredo, auf ein Tramezini und einen Latte Macchiato. Er ist ein ganz harter Knochen, wie der Name schon sagt. Anwalt in einer dieser Kanzleien neuen Zuschnitts, die nicht mehr "Hurz, Deesekop, Weich und Kollegen" heißen, sondern einen geilen Firmennamen haben, von Markendesignern entworfen, in Hartmanns Fall "Aragon". Kein Mensch weiß, warum die Kanzlei so heißt, aber sie heißt so.

"Die Jungs von Aragon" sagt Hartmann manchmal, und man hat den Eindruck, er erzählt von einer intergalaktischen Einsatztruppe aus "Star Wars". Soll natürlich bedeuten, dass die ganz besonders gut sind und um Mitternacht lieber tot umfallen, als nicht noch eine Akte aufzuschlagen.

Die besten Jobs von allen


Gerade jetzt ist Hartmann wieder von den "Jungs von Aragon" begeistert, weil sich einer der Neuen so gut macht.

"Lichtenberg heißt der", sagt Hartmann. "Absolut hochklassig, der Mann."

"Ach."

"Ja, der ist wirklich belastbar. Ich könnte mir vorstellen, dass er das Zeug zu meinem persönlichen Referenten haben könnte."

"Das sagtest du schon."

Obwohl erst 38, ist Hartmann bereits ganz oben angekommen – Seniorpartner bei Aragon. Muskulös, braungebrannt, energiegeladen, und wenn er lächelt, zeigt er seine blitzend weißen Zähne.

Der Jahresumsatz, den er allein macht, meine sehr verehrten Damen und Herren Junganwälte, beträgt schon ein paar Millionen. Wow. Das letzte Mal, dass er eine Freundin hatte, war nach dem Abitur, und jetzt vögelt er seine Sekretärin. Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber.

Ach ja, und eins noch: Jedes Mal, wenn wir gemeinsam Mittagessen gehen – das Tramezini ist sein Mittagessen, und er verschlingt es in zehn Sekunden –, erzählt er mir von einem Neuen, den er zu seinem persönlichen Referenten machen will. Für seine persönlichen Referenten braucht er etwas länger als für seine Tramezini – drei bis sechs Monate. Dann wirft er sie raus. "Was für eine Flasche!" sagt er dann.

Aber jetzt ist er wieder begeistert. Lichtenberg.

"Wir haben ihn in eines dieser Kabäuschen gesperrt, du weißt schon: Drei Quadratmeter, Tisch, Regal, Telefon, Diktiergerät, Ficus Benjamini."

"Und?"

"Haufenweise Akten. Die Unfähigen halten das ungefähr eine Woche durch, dann klappen sie zusammen. Die braven Arbeiter wesentlich länger, aber nach kurzer Zeit kann man beobachten, wie sie grau werden, ihre Lippen zittrig. Nicht so bei Lichtenberg."

"Ein richtiges Arbeitstier, wie?"

"Im Zimmer links von ihm saß – bis gestern – von Lavigne. Arroganter Heini, war auch gegen Lichtenbergs Anstellung. Hat wohl den Braten gerochen. Im Zimmer rechts neben Lichtenberg sitzt Burger. Auch ‘ne Pfeife. Anhänglicher Mensch, der jedem seine sämtlichen Probleme offenbart, in der irrigen Annahme, sie so loszuwerden."

"Na schön, und weiter?"

"Burger hat Lichtenberg offenbar gesteckt, dass von Lavignes Examina relativ schwach sind, er aber gute Umsätze macht. Burgers Examina hingegen sind ausgezeichnet, aber er ist ein Nervenbündel. Sieht überall Probleme und zaudert, wo der ahnungslose von Lavigne längst handelt – auch, wenn er öfters das Falsche tut, was aber erst mal mehr Umsatz bringt.

Ich also gehe nach zwei Wochen mal spät abends zu Lichtenberg ins Zimmer, fragen, wie er sich eingelebt hat. Der Kerl sitzt da, kein bisschen mitgenommen, und erzählt mir so ganz beiläufig seine Einschätzung der Lage. ?Wissen Sie, Kollege Hartmann’, hat er verschlagen gesagt, ?ich glaube, Burger ist ein hervorragender Fachmann. Der kann tagelang über Details brüten, und kommt garantiert immer zu hervorragenden Ergebnissen, die das Renommee der Firma fördern. – Na ja, auch wenn der Umsatz darunter leidet. Von Lavigne andererseits ist zu bewundern, dass er ohne Furcht vor – bei seiner Arbeitsweise sicher häufigen – Fehlentscheidungen Umsatz macht.’"

Und was hat Hartmann getan? Verständig genickt und das Protektionsprogramm gestartet: in den folgenden Wochen von Lavignes einträglichste und Burgers schwierigste Fälle auf Lichtenberg übertragen. Umsatz und Ansehen des Kollegen Lichtenberg stiegen rasant. Kurz und gut, Burger schaffte es noch, sich als letztes Glied in der Kette eine Position zu sichern, die ihm wegen ihrer Minderwertigkeit niemand mehr wegnehmen wollte.

Aber von Lavigne erwischte es böse. Eines Vormittags brach er hinter seinem Schreibtisch zusammen, als ihm Hartmann einen Haftungsfall nachwies, der das Büro Hunderttausende kosten konnte. O-Ton Hartmann: "Ich habe meiner Sekretärin über den Gang zugebrüllt, sie soll eine Fristlose fertig machen. Abschuss. Die Kollegen haben gebrüllt vor Lachen."

Ich stelle mir vor, wie Lichtenbergs armlehnenloser Bürostuhl gegen einen mit Armlehnen ausgetauscht wird. Wie er sich, wieder allein im Zimmer, mit geschlossenen Augen, zurücklehnt, und selbstzufrieden dem Heulen der Hyänen in den Fluren und Nebenzimmern lauscht. Wie er sich sagt, dass er einer von denen ist, die für Schicksalsschläge sorgen, ohne selbst welche zu erleiden.

"Wir sprechen uns in einem halben Jahr wieder", sage ich beim Abschied zu Hartmann.

"Genau, in einem halben Jahr."
Dieser Artikel ist erschienen am 31.07.2001