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Haargenau

Martin Roos
Wer bei Braun Ingenieur werden will, muss zuerst einmal Spaß am Erfinden haben. Und an glatt rasierten Beinen. Und wenn ihn dann so richtig die Erfinderlust gepackt hat, darf er auch schon mal nach Barcelona ziehen. Zum Bügeln.
Ach ihr Frauenbeine! Schluss mit rupf und zupf und autsch. Möglichst schmerzfrei epilieren lautet die Devise - und dafür wollen Ralf Dorber und seine Truppe sorgen. Der zurückhaltende 35-Jährige, der so wirkt, als ob er niemandem ein Haar krümmen könnte, ist bei der Braun GmbH Chef der Entwicklungsgruppe Female Hair Removal - kosmetische Haarentfernung für Frauen. In der Kronberger Zentrale des hessischen Elektrokleingeräte-Produzenten denkt der Sachse vor allem an eines: Erfinden.

Seit 34 Jahren gehört Braun zum Gillette-Konzern mit Sitz in Boston, US-Bundesstaat Massachusetts. Die Amerikaner verdienen ihr Geld zudem mit Duracell-Batterien und Zahnpflegemitteln ("Oral B"). Weltweit marktführend sind sie im Bereich Nass- und Trockenrasierer, Rasierschaum und Lotion. Braun in Hessen macht mit seinen Haartrocknern, Kaffeemaschinen, Pürierstäben, Rasierern, Uhren und Zahnbürsten heute den drittgrößten Umsatz des US-Unternehmens. Die Kronberger werden zwar nie mehr verdienen als die Gillette-Klingenschleifer in Boston. Innerhalb der US-Company gelten sie jedoch als Technologiezentrum. 70 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften die Deutschen mit Produkten, die weniger als fünf Jahre auf dem Markt sind.

Die besten Jobs von allen


Daniel Düsentriebs Erben

"Nur mit Innovationen können wir auf dem Markt wirklich etwas bewegen", sagt Dorber. Jedes Jahr meldet Braun im Durchschnitt 500 neue Patente an. Ein paar davon gehen bereits auf Dorbers Kappe. Als er vor neun Jahren bei Braun als Ingenieur im Labor anfing, sollte er zunächst einmal ein Gerät entwickeln, "das Haar verformt" - so eine Art Dauerwellenfön. Erfunden ist das Ding bis heute nicht. Stattdessen kreierte Dorber damals innerhalb von wenigen Monaten aber etwas anderes: den "Supervolume", einen Fönaufsatz mit selbsttätig kreisenden Fingern, der das Haar trocknet und ihm gleichzeitig Volumen gibt. "Bei Braun konnte ich schon damals als Anfänger sofort das gesamte Produkt mitentwickeln und nicht nur einzelne Teile." In den zwei nachfolgenden Jahren bastelte er jeweils an neuen Versionen, die dann auch auf den Markt kamen - und nebenbei erfand er noch die Föndüse "Powerflower".

Nichts geht auf den Markt, ohne dass es nicht vorher ausgiebig geprüft wird. Damit die Entwickler nicht nur sehen, sondern auch spüren, was sie da ersonnen haben, müssen sie ihre Erfindungen zuallererst an sich selbst testen - egal ob es sich um Stylingbürsten, Lockenstäbe oder Damenrasierapparate handelt. Und dann sitzen sie da, die Ingenieure - bei Braun alles Männer - mit Engelslöckchen und glatten Beinen. Erst danach werden nicht nur Starfriseure zu den Tests gebeten, sondern auch eine Gruppe von Frauen aus dem Unternehmen. Sie alle bekommen das neue Gerät in die Hand gedrückt. Dorber nimmt manchmal auch die Qualitäten einer ganz besonderen Testerin in Anspruch: seine Ehefrau.

Mehr Coach als Diktator

Fast alle Plätze auf der Führungsebene - vom Leiter einer Entwicklungsgruppe bis zur Geschäftsführung - werden bei Braun von Leuten aus dem eigenen Unternehmen besetzt. Gruppenchef Dorber bevorzugt flache Hierarchien. "Ich will meinen Mitarbeitern möglichst viel Freiraum geben, damit sie Zeit haben, eigene Ideen weiterzuentwickeln." Er sieht sich deswegen auch eher als Coach "und nicht als Diktator" seines elf Mitarbeiter großen Teams. Die meisten davon sind Konstrukteure, die am Computer die zukünftigen Modelle erstellen. Sie alle sitzen zusammen in einem Großraumbüro, Dorber mittendrin. "Wir bevorzugen kurze Wege."

Zum Bügeln nach Barcelona

Vertrauen geschenkt bekommen und gleichzeitig Verantwortung übernehmen - das sollen die Braun-Tüftler. Auch dafür ist Dorber ein Beispiel: Vor vier Jahren schickte ihn das Unternehmen zu Braun nach Barcelona. Sein Auftrag: Entwicklung eines neuen Bügeleisens.

Damit das auch sprachlich funktionierte, bekam er am Anfang mehrere Wochen lang jeden Tag drei Stunden Einzelunterricht Spanisch bezahlt - auch das ein Grund für seinen Erfolg in Katalonien: Drei Jahre später konnte das neue Bügeleisen in Serienproduktion gehen, und Dorber verließ Spanien wieder gen Kronberg. "Ich habe mich nie auf irgendeine Stelle beworben. Braun hat mich immer gefragt, ob ich nicht mal was Neues machen will."

Erst der Spass und dann die Karriere

Wer bei Braun in der Entwicklung und Forschung anfängt, sollte vor allem erst mal Spaß haben, sich Modelle zu überlegen und an Dingen herumzubasteln - "und nicht direkt planen, wie man am besten die Karriereleiter hochklettert". Dass Dorber sich heute mehr mit Personalfragen und Projektbudgets als mit Erfinden beschäftigen muss, scheint er fast zu bedauern. "Schon als Kind habe ich immer am liebsten an irgendwas herumgebastelt."

Heute sitzt Dorber täglich mit seinen Konstrukteuren in Meetings, manchmal sind die Jungs von der Qualitätssicherung dabei, manchmal die Leute vom Design. "Sobald eine Idee für ein neues Produkt da ist, wird das Design in die Entwicklung einbezogen."

Nachwuchs mit Preisen locken

Ohne das für Braun typische Design - dieser Mischung aus Funktionalität und Ästhetik - geht fast nichts: "Natürlich sind gerade bei unserem Unternehmen die Vorstellungen der Designer für den Entwicklungsprozess sehr wichtig", sagt Dorber. Leicht ist es nicht, bei Braun Designer zu werden. Die Fluktuation ist sehr gering - selbst ein Praktikum ist fast nur auf Empfehlung zu bekommen. Den kreativen Nachwuchs ermittelt das Unternehmen meistens mit Hilfe des Braun-Design-Preises, der alle zwei Jahre ausgeschrieben wird. Auch Peter Schneider, der jetzige Chefdesigner, kam 1972 als Gewinner des Preises zu Braun.

Nur 22 Mitarbeiter hat die Design-Abteilung. Dieses Team sorgt nicht nur für die passende Form, sondern auch für das "Sounddesign": Im Akustik-Labor erhält die Zahnbürste ihr Summen, der Fön sein Sausen und das Epiliergerät sein Brummen. Alles ganz schmerzfrei.

1921 gründete der Ingenieur Max Braun in Frankfurt am Main eine Werkstatt für Apparatebau. Zwei Jahre später beginnt er mit der Produktion von Bauteilen für Radiogeräte und beliefert die Rundfunkindustrie.

1951, nach dem Tod des Gründers übernehmen, seine Söhne Artur und Erwin Braun die Unternehmensleitung.

Ende 1967 erwirbt The Gillette Company; Boston/USA, die Aktienmehrheit von Braun. Die Amerikaner sind vor allem erfolgreich mit dem Verkauf von Rasierklingen und -apparaten, Rasiermitteln und Trockenrasierern. Auch bei ausgewählten Körperpflegemitteln für Frauen sind sie führend.

1968 wird zum ersten Mal der "Braun-Preis für technisches Design" an junge Designer vergeben.

1981 wird der Hifi-Bereich in "Braun Electronic GmbH" ausgegliedert.

1988 läuft der 100-millionste Braun-Rasierer im Werk Walldürn vom Band.

1990 beendet das Unternehmen die Produktion von Hifi-Geräten endgültig. Braun steigt mit der übernahme der französischen Silk-épil ins Epilierergeschäft ein.

1991 wird das gesamte Hifi-Stereo-Geschäft aufgegeben. Es ist nicht mehr rentabel, die Konkurrenz ist zu groß.

1996 übernimmt Braun das US-Unternehmen ThermoScan, den führenden Hersteller von Infrarot-Thermometern.

1998 wird die Braun AG in eine GmbH umgewandelt.

Ein Jahr später wird der Vertrieb aller Gillette-Marken in einer gemeinsamen Gillette-Vertriebsorganisation zusammengefasst. Ziel: Ressourcen bündeln, Synergieeffekte nutzen. Unter der Firmierung "Gillette Gruppe Deutschland" (GGD) sollen alle Produkte des Gillette-Konzerns in Deutschland vertrieben und marketingmäßig betreut werden.

Seit Anfang 2001 ist die Umsetzung vollzogen - das Marketing ist in vier "Business Units" unterteilt: Oral Care, Grooming (Gillette-Produkte), Duracell-Batterien und Braun-Elektrokleingeräte.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2002