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Haare-vom-Kopf-Fresser

Claudia Thöring
Viele junge Eltern unterschätzen die finanziellen Belastungen durch Kinder, weil sie falsch rechnen. Was Kinder kosten, was der Staat übernimmt.
?Es gibt viele Methoden, sich dauerhaft zu ruinieren. Eine davon ist die Gründung einer Familie", findet Hellmut Puschmann, Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Das Kinderhilfswerk schlägt in die gleiche Kerbe: ?In einem der reichsten Länder der Welt ist es das größte Armutsrisiko, ein Kind zu bekommen." - Natürlich: Nicht alle Familien in Deutschland gehen am Bettelstab. Doch wer Kinder hat, spürt es am Portemonnaie: Nachwuchs ist teuer.

Das war auch Nicole Gallé klar, als sie 1997 im achten Semester ihres Biologie- und Chemiestudiums schwanger wurde. Bis dahin war die damals 27-Jährige mit Bafög und Studentenjob gut über die Runden gekommen. Nun stand sie vor einem Riesenproblem: Ein Baby kurz vor dem Examen, das war weder zeitlich noch finanziell zu schaffen. In der achten Woche ging sie zur Schwangerschaftsberatung und bekam den Stempel ?Konfliktschwangerschaft". Ihr Glück. Nun hatte sie Anspruch auf Gelder der Stiftung ?Mutter und Kind": für Schwangerschaftskleidung, Babyausstattung, für den Umzug von der Studentenbude in eine größere Wohnung.

Die besten Jobs von allen


Kaum planbare Risiken

Nach der Geburt von Söhnchen Luca legte Nicole Gallé ihr Studium für zwei Jahre auf Eis. ?In dieser Zeit konnte ich mich dank staatlicher Hilfe ganz gut über Wasser halten." Neben 250 Mark Kinder- und 600 Mark Erziehungsgeld gab es vom Sozialamt noch 1.000 Mark im Monat.

Danach wurde es schwieriger, zumal sie sich kurz nach der Geburt vom Vater des Kindes getrennt hatte und von ihm kaum Geld eintrudelte. ?Das Erziehungsgeld lief aus und ich war auf die Unterstützung meiner Großeltern angewiesen. Immer wenn es eng wurde, mussten die einspringen." Ausgerechnet im Examen wurde es für die allein erziehende Mutter noch einmal kritisch: Luca wurde schwer krank, musste operiert werden. Wieder verzögerte sich die Abschlussprüfung um ein halbes Jahr. ?Statt schon als Referendarin Geld zu verdienen wie meine ehemaligen Kommilitonen, musste ich ein Darlehen und einen Job an der Uni aufnehmen, um über die Runden zu kommen."

Das Schlimmste hat Nicole Gallé hinter sich. Seit Februar ist sie Referendarin an einem Düsseldorfer Gymnasium. Ihr vierjähriger Sohn geht bis nachmittags in den Kindergarten.

Arbeiten und nichts verdienen

Anne Vetter hatte es da erheblich einfacher: Nach dem VWL-Studium fing die heute 34-Jährige bei Booz Allen Hamilton als Researcherin an. Ihr Mann Rüdiger startete als Marketing-Manager bei Henkel. Beide hatten schon mehrere Jahre gearbeitet und gut verdient, bevor Tochter Julia im Sommer 1997 geboren wurde und Anne im Job pausierte. Auf den Pfennig mussten sie auch dann nicht schauen: Das Einkommen des damals 34-jährigen Vaters reichte aus, um die Familie zu finanzieren. Anne stieg nach einem halben Jahr Erziehungsurlaub wieder in ihren Job als Researcherin ein, für 16 Stunden pro Woche. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes Jonas im Herbst 2000 blieb sie ein Jahr zu Hause.

Das Arbeiten macht Anne Vetter Spaß, zusätzliches Geld bringt es allerdings kaum ein. Allein der Kindergarten von Julia kostet 310 Euro im Monat, die Tagesmutter für Jonas 430 Euro. ?Die Betreuung von Kindern in Deutschland ist eine Katastrophe", schimpft Anne. ?Für Kinder bis drei bleibt praktisch nur der Gang zur teuren Tagesmutter. Und wenn die Kinder in die Schule kommen, sieht‘s genauso schlecht aus, denn Hortplätze gibt es viel zu wenig."

Einmal raus, immer raus

Doch es sind nicht allein die Betreuungskosten, die ein Loch ins Portemonnaie reißen und das Einkommen von Teilzeit berufstätigen Müttern oder Vätern fast komplett aufzehren. Stärker ins Geld gehen speziell für Hochschulabsolventen die so genannten Opportunitätskosten: Einkommensverluste durch Erziehungsurlaub, nicht erfolgte Beförderungen und fehlende oder niedrige Einzahlungen in die Rentenkasse.

?Kinder bedeuten immer einen Karriereknick und damit lebenslang weniger Geld. Der Verlust reicht weit über die eigentlichen Einkommenseinbußen während der Kinderpause hinaus", sagt Barbara Seel, Professorin am Institut für Haushalts- und Konsumökonomik der Uni Stuttgart und Autorin zahlreicher Studien zu Einkommensverlusten von Eltern.

Dieses Minus hat auch Anne Vetter zu spüren bekommen. ?Gehaltsanpassungen habe ich natürlich nicht mitgemacht während der Zeit, als ich zu Hause war. Und die Kollegen ohne Kinder haben die Karriereleiter wesentlich schneller erklommen. Dabei habe ich noch Glück, denn meine Firma ist sehr flexibel und fördert die Teilzeitarbeit von Müttern." Trotz der Kinderpause hat sie den Sprung auf die nächste Karrierestufe geschafft. Über ihre berufliche Zukunft macht sie sich dennoch keine Illusionen: ?Ich werde wahrscheinlich nie wieder Vollzeit einsteigen können. Bevor die Kinder Abitur haben, ist daran nicht zu denken. Die Familie kostet zu viel Zeit."

Wie hoch die durch Einkommensverluste und fehlende Karriereschritte bedingten Kosten insgesamt sind, ist individuell unterschiedlich. ?Aber auf den Gegenwert eines kleinen Einfamilienhauses kommt wohl jede Familie", schätzt Barbara Seel und verweist auf eine Modellrechnung: Ein durchschnittlich verdienendes Akademikerpaar bekommt mit Ende 20 das erste von zwei Kindern. Ein Elternteil bleibt sechs Jahre ganz zu Hause, danach vier Jahre halbtags. Die Opportunitätskosten betragen stolze 158.000 Euro. Die Renteneinbußen nicht einmal einbezogen.

375 Euro pro Monat

Während diese großen Summen den Preis für den Nachwuchs weitgehend unbeachtet ins Astronomische steigern, fallen in der elterlichen Wahrnehmung die Lebenshaltungskosten stärker ins Gewicht. ?Für ein Kind werden 15 Prozent des Nettoeinkommens ausgegeben. Und mit dem Einkommen steigen die Kosten für die Kinder", hat Barbara Seel errechnet. Das generell höhere Ausgabenniveau bei Gutverdienern wird auch bei den Kleinen beibehalten. 1998 gab ein Durchschnittsverdiener-Ehepaar rund 375 Euro im Monat für ein Kind aus.

Bei Familie Vetter gehen pro Monat neben den 110 Euro für die private Krankenversicherung der Kinder vor allem die Aktivitäten der Sprösslinge ins Geld. Die Spielgruppe von Jonas kostet 20 Euro, für Julia werden 70 Euro an den Turnverein, die Musikschule und den Malkurs überwiesen.

Nicole Gallé kann da nicht mithalten. ?Große Sprünge können Luca und ich nicht machen. Ich kann dem Jungen auch nicht all das Spielzeug kaufen, das seine Freunde haben. Eine Playmobil-Ritterburg für mehr als 100 Euro ist einfach nicht drin. Dafür verbringe ich so viel Zeit wie möglich mit ihm. Wir basteln und machen Gesellschaftsspiele."

Das meiste Geld im Monat gibt sie für die Wohnung aus. ?In meinem alten Einzimmer-Apartment hatten wir beide keinen Platz. Deshalb musste ich mir eine größere Wohnung suchen, und die kostet 450 Euro warm. Damit zahle ich fast doppelt so viel wie früher."

Teuer sind auch die Lebensmittel. ?Luca wird vollwertig ernährt, weil er auf bestimmte Sachen allergisch reagiert. Ich kaufe viele Bioprodukte. Unser Brot backe ich selber, weil Vollkornbrot im Laden zu teuer ist."

Bei der Kleidung versucht sie zu sparen. ?Meinen Sohn kleide ich fast ausschließlich auf dem Trödelmarkt ein. Nur die Schuhe kaufe ich neu, da achte ich auf Qualität. Leider ist unter 40 Euro fast nichts zu kriegen."

Nicole Gallé hat noch nie nachgerechnet, was ihr Sohn kostet. ?Das darf man nicht. Ein Kind kostet viel Nerven, viel Zeit und viel Geld. Kinder lassen sich nicht mit Geld aufrechnen. Was Luca mir gibt, ist unbezahlbar."
Dieser Artikel ist erschienen am 27.03.2002