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Gutmensch im Haifischbecken

Von Markus Hennes
Jürgen Großmann hat als Unternehmer eigentlich alles erreicht. Jetzt wechselt er mit 55 Jahren an die Spitze von RWE, einem der kompliziertesten Konzerne Deutschlands. Selbst das engste Umfeld hat der einstige Konzernkritiker mit seinem Wechsel nach Essen jetzt total überrascht. Großmann kennt RWE gut. Seit Jahren sitzt er im Wirtschaftsbeirat des Konzerns. Und bis vor vier Jahren war er auch ein wichtiger Kunde.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zählt Jürgen Großmann zu den beliebtesten Gastgebern. Ende Januar, beim jüngsten Treffen der Manager-Elite in dem Schweizer Bergdorf, ist der Stahlindustrielle bereits zum fünfzehnten Mal dabei. Und zum sechsten Mal lädt der 54 Jahre alte Inhaber der mittelständischen Industrieholding Georgsmarienhütte zum Buffet mit Meeresfrüchten ein.Unter den mehr als 60 Gästen, die Großmann traditionell im Salon Romeo und Julia des Nobelhotels Belvedere beköstigt, um in entspannter Atmosphäre zu reden, ist neben Vattenfall-Boss Lars Göran Josefsson und Haniel-Chef Eckhard Cordes noch ein wichtiger Manager: Harry Roels, Vorstandsvorsitzender von RWE. Während der stets charmante Gastgeber noch besser aufgelegt scheint als in den Vorjahren, wirkt der Niederländer reserviert. Denn Roels weiß, dass der Aufsichtsrat von RWE in einem Monat über seine berufliche Zukunft entscheiden wird. Er selbst hatte schon vor zwei Jahren öffentlich erklärt, für eine weitere Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Große Hoffnungen auf weitere fünf Jahre an der Spitze des Essener Energiekonzerns macht sich der 58-Jährige jedoch nicht. Denn RWE schickt seine Konzernvorstände neuerdings in dem Jahr in den Ruhestand, in dem sie das 60. Lebensjahr vollenden.

Die besten Jobs von allen

Seit gestern ist klar: Roels muss bereits im Februar 2008 gehen. Und Davos-Gastgeber Großmann löst ihn ab. Obwohl Roels in Finanzkreisen einen tadellosen Ruf genießt, wird sein Vertrag nicht verlängert. Denn im Aufsichtsrat von RWE hat Shareholder-Value nicht die höchste Priorität. Bei einigen kommunalen Aktionären und bei den Arbeitnehmern ist Roels in seiner vierjährigen Amtszeit wegen seines streng kapitalmarktorientierten Kurses angeeckt. Zudem kreiden Konzernaufseher dem Niederländer zwei Fehler an: Energiekonzerne sind hochpolitische Unternehmen, aber auf diesem Feld engagiert sich Roels kaum. Und er hat es nicht geschafft, RWE eine neue Identität zu geben. Seine innere Distanz war zu groß. Als Ende 2005 Strommasten im Münsterland umknicken, lässt sich Roels vor Ort nicht sehen.Sein Nachfolger Jürgen Großmann gilt als Spezialist für besonders schwierige Fälle. Vor einem Jahr wurde er schon als neuer Aufsichtsratschef von VW gehandelt, fast zur gleichen Zeit soll er den Stahlkonzern Salzgitter vor einer feindlichen Übernahme schützen. Selbst das engste Umfeld hat der einstige Konzernkritiker mit seinem Wechsel nach Essen jetzt total überrascht. ?Der Vorstandsvorsitz bei RWE ist einer der schwierigsten Jobs in der deutschen Industrie?, sagt ein langjähriger Weggefährte dem Handelsblatt. ?Aber Großmann suchte eine neue Herausforderung.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Großmann kennt RWE gutGroßmann kennt RWE gutErst vor wenigen Wochen hatte sich der Zwei-Meter-Hüne aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Nach mehr als 13 Jahren gab der Chef der Georgsmarienhütte Ende vergangenen Jahres die operative Leitung seiner Firmengruppe ab und übernahm den Vorsitz im Aufsichtsrat.Großmann kennt RWE gut. Seit Jahren sitzt er im Wirtschaftsbeirat des Konzerns. Und bis vor vier Jahren war er auch ein wichtiger Kunde. Dann wechselte die energieintensive Georgsmarienhütte nach mehr als 50 Jahren zum Konkurrenten EnBW, weil RWE vor weiteren Stromlieferungen auf einmal Bilanzen sehen wollte. 2003 aber hatte Großmann das Stahlwerk längst saniert.Bereits Ende 1992 hatte der ehemalige Stahlvorstand der Duisburger Klöckner-Werke seine Karriere als angestellter Manager beendet und sich als Unternehmer selbstständig gemacht. Für den symbolischen Preis von zwei Mark kauft der damals 40-Jährige seinem Arbeitgeber das marode Stahlwerk in der Nähe von Osnabrück ab und macht es in eigener Regie zu einer profitablen Edelschmiede. Rund um die Hütte baut Großmann in der Folgezeit eine Firmengruppe mit heute 43 Töchtern und 2,3 Milliarden Euro Umsatz auf. Wegen des kaum von Experten für möglich gehaltenen Erfolgs gilt Großmann fast als lebende Legende für Managermut und Führungskunst. Er verknüpft den wirtschaftlichen Erfolg eng mit denjenigen, die den Kern des Unternehmens ausmachen.?Je mehr Menschen mit Leib und Seele am Wohlergehen unseres Unternehmens interessiert sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit des gesunden Überlebens?, heißt sein Credo. Großmann zahlt die höchsten Löhne in der deutschen Stahlindustrie und beteiligt seine Mitarbeiter auch am wirtschaftlichen Erfolg. So bekam 2005 jeder Mitarbeiter ? vom Pförtner bis zum Geschäftsführer ? 4000 Euro Gewinnbeteiligung. Als Wohltäter sieht er sich gleichwohl nicht: ?Wir zahlen mehr als andere, weil wir keinen Durchschnitt, sondern Spitzenleistungen erwarten.? Spitzenleistungen strebt Genussmensch Großmann auch in der Gastronomie an. In Osnabrück pflegt er eine extravagante Passion: Er hat sich als kostspieliges Hobby das Luxusrestaurant ?La Vie? mit Sterne-Koch zugelegt.Zu Gast waren schon Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Vorgänger Gerhard Schröder (SPD), beide zählen den Unternehmer zu ihrem wirtschaftspolitischen Beraterkreis. In der achten Etage im Bundeskanzleramt ist Großmann oft zugegen, um über aktuelle wirtschaftspolitische Reformen zu diskutieren. Wie Schröder schätzt auch Merkel Großmanns ehrliche und direkte Art, über Stärken und Schwächen der Regierungsarbeit zu sprechen. Für RWE könnte das politische Netzwerk noch von großem Nutzen sein.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Jürgen GroßmannVita von Jürgen Großmann1952 wird er am 4. März in Mülheim an der Ruhr geboren. Er studiert Wirtschaftswissenschaften und Eisenhüttenkunde und promoviert in Hüttenwesen. Er wird später Assistent von Herbert Gienow, dem langjährigen Chef der Klöckner-Werke in Duisburg. Großmann steigt in den Folgejahren bis zum Stahlvorstand auf.1993 gibt er seinen Posten ab und kauft die vor dem Konkurs stehende Klöckner Edelstahl in Georgsmarienhütte. 1997 entsteht mit der Gründung der Georgsmarienhütte Holding der Vorläufer der Firmengruppe, zu der heute 43 Firmen mit 2,3 Milliarden Euro Gesamtumsatz gehören.2006 wechselt er von der Geschäftsführung der Georgsmarienhütte in den Aufsichtsrat.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2007