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Gute Karten

Michael Hotze
Foto: Getgo
Innerhalb von nur drei Monaten avancierte Getgo.de zu einem der bundesweit erfolgreichsten Internet-Anbieter von Veranstaltungskarten. Dabei begnügten sich die Hamburger anders als viele Startups mit sparsamen Investitionen und einem knapp bemessenen Werbebudget.
Von chromglänzendem Interieur, einst symbolisch für die New Economy, keine Spur: Die grau-grünen Polstermöbel im Besprechungszimmer des Hamburger Online-Ticket-Anbieters Getgo sind gebraucht - ein deutsches Großunternehmen hat sie kürzlich ausgemustert. Eigene Büros für die Chefs? Von wegen. Im Gegensatz zu so manchem jungen Technologie-Unternehmen, das das Geld seiner Investoren ins Nichts befördert hat, setzt man bei Getgo auf Sparsamkeit und behutsame Entwicklung.

"Bisher haben wir gerade einmal 2,5 Millionen Mark ausgegeben", erklärt Content-Chef Daniel Grözinger. Gemeinsam mit Björn Söder, Burkhardt Funk und Christoph Schäfer bildet er den Vorstand der Parklane Internet AG, so der im Handelsregister eingetragene Name von Getgo. Anfang 2000 hatten die vier Gründer ihre Jobs bei renommierten Unternehmensberatungen gekündigt und sich als Startup formiert. Ihre Idee: eine zentrale Internet-Plattform, die es Konsumenten ermöglicht, sich schnell und bequem Konzert- und sonstige Tickets aus einem umfassenden Veranstaltungskatalog zu besorgen.

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Während Wagniskapitalgeber schon damals immer häufiger davor zurückschreckten, auch nur eine müde Mark in junge Startups zu stecken, konnten die Getgo-Gründer mit ihrem Konzept überzeugen: Econa AG aus Berlin und Equinet Venture Partners aus Frankfurt fnvestierten einen DM-Betrag im "hohen einstelligen Millionenbereich", so Getgo-Finanzvorstand Söder.

Seither geht es kontinuierlich bergauf. Wichtigster Grund: Die vielen Kooperationen mit etablierten Shopping-, Suchmaschinen-, Musikanbieter- und Kalenderportalen verhelfen Getgo zu einer enormen Präsenz im Internet. Gemessen an den Besucherzahlen, die regelmäßig veröffentlicht werden, sei Getgo mit 750.000 Visits im Monat der am häufigsten frequentierte und damit vermutlich umsatzstärkste Online-Ticket-Anbieter, so Söder.

Zehn Prozent bleiben hängen

Vom Start Ende September bis einschließlich März 2001 gingen bei Getgo 33.000 Bestellungen im Wert von rund sechs Millionen Mark ein. "Im Schnitt ordert ein Kunde zwei Karten für jeweils rund 90 Mark", erklärt Björn Söder. Für 2001 erwartet er einen Ticket-Umsatz von 27 Millionen Mark.
Rund 2,7 Millionen Mark - die üblichen zehn Prozent Vorverkaufsgebühren ohne Mehrwertsteuer - würden davon bei Getgo verbleiben. "Wenn wir diese Marke erreichen, sind wir Anfang nächsten Jahres in der Gewinnzone", frohlockt der Finanzvorstand. Allerdings benötige man weiteres Wagniskapital. Die Gespräche stünden kurz vor dem Abschluss.

Im Gegensatz etwa zum Buchhandel sind die Ticket-Branche und das Internet hierzulande noch nicht so recht zusammengekommen. Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung (GFK) aus dem Jahr 2000 geben die Deutschen jährlich 10,8 Milliarden Mark für Sport- und Musikveranstaltungstickets aus: Der Anteil der Internet-Bestellungen liegt bei einem Prozent.

Die Veranstalter setzen nach wie vor auf den klassischen Kartenvertrieb und nutzen das Internet als ergänzende Verkaufsschiene. Außerdem konzentrierten sich die Online-Angebote der großen Zwischenhändler wie CTS-Eventim oder Qivive auf eigene Kartensortimente, erklärt Söder. "Da muss der Kunde erst einmal das Internet nach dem entsprechenden Anbieter durchforsten." Hier setzen Söder & Co. an: Sie fassen die Kartenkontingente verschiedener Veranstalter zusammen und ersparen den Ticket-Interessenten langes Suchen.

"Getgo hat sich in kurzer Zeit einen guten Namen gemacht", ist Heike Bayerl von der Unternehmensberatung Accenture überzeugt. "Das Startup orientiert sich am Vorbild Ticketmaster in den USA. Die machen am besten vor, wie es gut läuft", sagt die Projektleiterin für den Handel per Internet und Handy.

Zurzeit sind bei Getgo Tickets für 10.000 Events von 250 Veranstaltern erhältlich. Wer bestellt, zahlt neben den Vorverkaufsgebühren noch eine Pauschale von fünf Mark für Abwicklung und Versand. "Dafür müssen unsere Kunden nicht an der Vorverkaufsstelle anstehen und bekommen ihr Ticket per Post ins Haus", sagt Daniel Grözinger. Das findet Andreas Sucker, Sprecher des Verbands der Deutschen Konzertdirektionen, nicht grundsätzlich vorteilhaft: "Für viele Menschen ist schon der Kauf einer Konzertkarte in der Vorverkaufsstelle ein emotionales Ereignis."

Um sich von Mitbewerbern abzuheben, wollen die Hamburger ihren Service weiter ausbauen. Ein notwendiger Schritt. "Denn wo liegen die großen Unterschiede zu anderen Online-Kartenverkäufern wie auch Wannago, die im Mai 2000 von Skandinavien nach Deutschland kamen?", fragt Accenture-Projektleiterin Bayerl.

Bereits heute liefert Getgo Hintergrundinformationen zu den einzelnen Veranstaltungen, offeriert Hotelreservierungen und Mitfahrgelegenheiten oder gleich komplette Event-Reisen. "Das bieten prinzipiell zwar auch einige Mitbewerber an", gibt Daniel Grözinger zu, "aber nicht in dieser Vielfalt." Bei den Kunden kommt der Service an: Durchweg positiv bewerten sie das Getgo-Angebot auf der Homepage des Meinungsportals Dooyoo.

Schließlich hat der Online-Shop noch einen weiteren Trumpf im Ärmel. Verstärkt will Getgo neue Technologien wie den Handel via Handy nutzen: "Wir senden das Ticket dann als Code an das Mobiltelefon, und damit erhält der Kunde Zutritt zur gewünschten Veranstaltung", so Grözinger. Nach einer Forit-Studie zur Marktentwicklung des Mobile-Commerce wird bereits 2004 jedes vierte Ticket für Kulturveranstaltungen per Handy bestellt.

Tickets aufs Handy

Auch andere Anbieter sind auf dem Sprung: Auf der Cebit stellte Qivive zusammen mit E-Plus und Accenture eine Lösung vor, bei der der Kunde per Handy die Karten bestellt und über die monatliche Mobilfunkrechnung bezahlt.

Bisher ist Getgo besser im Rennen als erwartet. Für die Zukunft sieht es auch nicht schlecht aus: Auf 20 Prozent werde der Anteil des E-Ticketing am Gesamtmarkt bis 2005 steigen, schätzt das Marktforschungsinstitut Infratest Burke. Eine Größenordnung, die der Verband der Konzertdirektionen aber anzweifelt. "Für viele wird die papierlose Order per Handy auch in Zukunft nicht in Frage kommen", glaubt Sprecher Sucker: "Sie wollen ein Ticket zum Anfassen, das sie als Erinnerung behalten können."

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Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2001