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Gut gezockt

Von Martin-W. Buchenau
Holger Härter ist der Mann, der für Porsche jenseits der schnellen Sportwagen viel Geld verdient. Das werden heute wieder die Gewinnzahlen zeigen. Der kongeniale Partner von Konzernchef Wiedeking hat darüber hinaus maßgeblichen Einfluss auf die Strategie beim VW-Coup.
STUTTGART. Holger Härter fährt zügig mit seinem schwarzen Porsche in die Tiefgarage des Stuttgarter Hotels Le Meridien ein. Es ist zwei Minuten vor zehn. Nur kurz schaut der Mann mit dem Drei-Tage-Bart auf die Uhr. Kein Hauch von Hektik. Wenig später sitzt der Finanzchef oben auf dem Podium bei der Bilanzpressekonferenz des Sportwagenbauers Porsche.Es ist der 7. Dezember 2005, der erste große öffentliche Auftritt der Porsche-Führung, nachdem der vergleichsweise kleine Sportwagenbauer Porsche die Weltöffentlichkeit mit dem Einstieg bei Europas größtem Autokonzern Volkswagen überrascht hat. Wortreich verteidigt Vorstandschef Wendelin Wiedeking den Coup gegen den Vorwurf des Größenwahns. Finanzchef Härter bleibt im Hintergrund. Wohl jeder andere Finanzchef hätte bei dem knappen Timing vor der heiklen Veranstaltung zumindest einen Funken Nervosität gezeigt ? nicht aber der gebürtige Kreuznacher. Augenblicke der Hektik scheinen an dem 51-Jährigen abzuperlen. Er wirkt deshalb manchmal etwas entrückt und distanziert. Aber er analysiert, bewertet und agiert immer erst nach reiflicher Überlegung.

Die besten Jobs von allen

Welche Bedeutung Härter für die gesamte VW-Operation hat, lässt sich zu diesem Zeitpunkt allenfalls erahnen. Zwei Jahre später wird klar, dass jeder Schritt von Anfang an minutiös und von langer Hand geplant war.Am heutigen Montag tagt der Aufsichtsrat von Porsche ? und leitet eine neue Ära ein. Er segnet den Jahresabschluss ab und reicht ihn gleich an das Registergericht weiter: Die Eintragung von Porsche als Aktiengesellschaft nach europäischem Recht kann erfolgen. Von nun an wird Volkswagen nur noch eine Beteiligung unter dem Dach der Porsche-Holding sein. Und keiner wäre überrascht, wenn nach dem kürzlichen Fall des VW-Gesetzes mit der Stimmrechtsbeschränkung auf 20 Prozent auch noch der Aufsichtsrat den Vorstand offiziell ermächtigt, die Beteiligung an VW zu einem ihm genehmen Zeitpunkt auf über 50 Prozent aufzustocken. Dann wäre einer der größten Überraschungscoups in der deutschen Wirtschaft endgültig perfekt.Wendelin Wiedeking hat den Eigentümerfamilien des Sportwagenbauers Piëch und Porsche den Einstieg bei VW schmackhaft gemacht. Bei VW-Aufsichtsratschef und Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch musste er nicht allzu viel Überzeugungsarbeit leisten. Auch gelang es, Wolfgang Porsche und damit die Porsche-Familie zu überzeugen, die Milliarden der Familie bei VW anzulegen. Aber dass Wiedekings Plan später mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks aufging, liegt vor allem an seinem kongenialen Finanzchef.?Härter ist das, was man einen exzellenten Strategen nennt?, sagt ein Manager aus der Frankfurter Investmentbankerszene. Wiedekings Welt ist die Technik und die Produktion. Härters Welt sind die Zahlen. Das Duo ergänzt sich perfekt. ?Da mischt sich keiner in die Welt des anderen ein?, sagt ein Mitarbeiter. Wiedeking habe in Geldsachen nahezu grenzenloses Vertrauen in Härter. Und der kennt seine Rolle. ?Der bräuchte das ganze Blech nicht, um Geld zu verdienen?, scherzt Wiedeking bisweilen über das Finanz-Genie.Genau das hat Härter in den vergangenen Jahren bewiesen. Früher stürzte ein schwacher Dollar Porsche mit seinem hohen US-Absatz unweigerlich in die Krise. Härter schafft es heute, mit Währungsabsicherung sogar Geld zu verdienen. Derivate, Hedging, Optionen: das ist die Welt des Holger Härter, und sie macht ihn geheimnisvoll.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Grandioser Aufstieg für HärterEs war klar, dass der Wert der VW-Aktie nach dem Porsche-Einstieg steigen würde. Aber durch geniales Timing von komplexen Optionsgeschäften auf Cash-Basis verdiente Härter Hunderte Millionen Euro zusätzlich. Wie viel genau seine ?Zockerei? gebracht hat, wird sich heute Nachmittag zeigen, wenn er den Bilanzgewinn bekanntgibt.Wiedeking eiste Härter 1996 beim Bodenbelaghersteller DLW in Bietigheim los, Wiedekings Wohnort. Für Härter war das ein grandioser Aufstieg. Für Wiedeking wohl seine wichtigste und beste Personalentscheidung. Sein Meisterstück lieferte Härter ab, als Porsche in diesem Jahr beim Überschreiten der 30 Prozent den freien VW-Aktionären ein Übernahmeangebot machen musste. Binnen kurzer Zeit musste Porsche sich 35 Milliarden Euro leihen, um im Ernstfall die freien Aktionäre abfinden zu können. Kein Problem für Härter, denn ?er ist in der Finanzwelt exzellent verdrahtet?, sagt ein Weggefährte.Gebraucht hat er das Geld jedoch nicht. Das Übernahmeangebot von Porsche war für freie VW-Aktionäre absichtlich so unattraktiv, dass keiner seine Aktien verkaufen wollte. Aber Porsche ging es ja nur darum, dass der Autokonzern nach einem gescheiterten Übernahmeangebot bei der Finanzaufsicht erst wieder seine Beteiligung anzeigen muss, wenn sie die 50-Prozent-Grenze übertrifft. Seither kann Porsche in aller Ruhe selbst bestimmen, wann es seine Beteiligung aufstockt ? ein Schachzug ganz nach Härters Geschmack.Der Finanzchef gilt im Konzern inzwischen als einziger Manager neben Wiedeking als unantastbar. Beide arbeiten Tür an Tür im roten Backsteinbau des Werks 1 in Zuffenhausen, jenem ehrwürdigen Gebäude, in dem Stammvater Ferdinand Porsche schon sein Büro hatte. Gilt Wiedeking bisweilen auch als aufbrausend, so hat Härter in der Zentrale noch nie einer der Mitarbeiter ausflippen sehen. Angestellte beschreiben ihn als freundlich und zuvorkommend, als ?eigentlich ganz normalen Typ?. Skandale sind von dem verheirateten Vater einer Tochter nicht bekannt.Er mag klassische Musik und wurde auch schon in Bayreuth bei den Festspielen seines Lieblingskomponisten Wagner gesehen. Härter ist auch ein Fan von Franz Kafka, dem schreibenden Versicherungsbeamten. Wie in einem Albtraum bewegen sich dessen Protagonisten, anonymen Mächten ausgeliefert, durch ein Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse. Den vollen Durchblick bei der Finanzierung des VW-Deals jedenfalls hat nur der oberste Porsche-Buchhalter Holger Härter. Das macht ihn für Wiedeking, Porsche und die Eigentümer unverzichtbar.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.11.2007