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Gut, geil, Gallier

Die Fragen stellte Martin Roos
Während die deutsche Automobilindustrie nicht aus der Krise kommt, geht es französischen Autobauern gut wie selten zuvor. karriere sprach mit Renault-Deutschland-Chef Jacques Rivoal, 46, über die Geheimnisse des französischen Erfolgs, den guten alten, kultigen R4, den richtigen Riecher und Rugby.
Bonjour, Herr Rivoal. Für Franzosen gibt es doch eigentlich nur ein Auto: die Ente. Und die ist von Citroën.

Jacques Rivoal: Aber auch der R4 war sehr populär. Ente und R4 gehörten zu den Franzosen wie der Käfer zu den Deutschen. Eine große Liebe. Mittlerweile werden diese Kultwagen ja nicht mehr gebaut. Mein erstes Auto war tatsächlich eine Ente. Die hat viel Spaß gemacht


Und was fahren Sie heute?

Privat einen Renault Espace, ein Familienauto - ich habe drei Kinder. Und geschäftlich den Vel Satis, auch von Renault

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Fahrzeuge sagen immer etwas über den Besitzer aus. Was ist der Vel-Satis-Fahrer für ein Typ?

Das ist jemand, der ein Luxusauto fahren will. Vom Typus ist er eher unkonventionell, ein bisschen Freigeist. Und er ist jemand, der sich von der Oberklasse deutscher Fahrzeuge distanzieren möchte


Inwiefern unterscheidet sich das Image eines französischen Autos von dem eines deutschen?

Französische Autos verbindet man mit Kreativität, Komfort, Spaß und Design. Deutsche Autos stehen mehr für Technik, Technologie und Leistung


Schon während Ihres Studiums haben Sie bei Renault gearbeitet. Wo, dachten Sie, geht Ihre Karriere einmal hin?

Ich hatte mir damals keine großen Gedanken über Karriere gemacht. Ich wollte eigentlich im Personalbereich arbeiten. Deswegen habe ich mir damals Renault ausgesucht, weil ich dachte, dass mir ein so großes Unternehmen in diesem Bereich Möglichkeiten bieten könnte. Ich bin dann aber für den Vertrieb rekrutiert worden. Das war Zufall. Man meinte, ich sei mit meinem Profil dort besser aufgehoben


Und heute durch Zufall Deutschland-Chef?

Nein. Das war schon Arbeit. Ich durchlief verschiedene Stationen - vom Niederlassungs- und Regionalleiter zum Assistenten des Marketing Directors über den Posten des Finanzcontrollers bis zum Leiter des französischen Vertriebsnetzes und heute zum Vorstandschef Renault Nissan Deutschland


Wie unabhängig arbeitet der Renault-Chef eines europäischen Landes von der Pariser Zentrale?

Renault Nissan ist der viertgrößte Autohersteller der Welt. Wir haben natürlich eine internationale Strategie. Und alle Länder müssen ihre Politik im Rahmen dieser Strategie verankern. Dem Länderchef wird aber relativ freie Hand gelassen. Er hat die Verantwortung, im Rahmen der internationalen Strategie die Politik in seinem Land zu definieren. Er kennt die lokalen Besonderheiten und verantwortet die Maßnahmen und Aktionen, um Autos in seinem Land zu verkaufen. Mit der Zentrale in Paris stimmt er sich ab, aber das Ganze geschieht sehr positiv und konstruktiv - sagen wir mal "en famille". Wir haben einen guten und sehr menschlichen Kontakt. Wir telefonieren oft und treffen uns mindestens alle zwei Monate in Paris


Den französischen Autobauern geht es zurzeit ziemlich gut. Sie stellen massenweise Leute ein. Was machen die deutschen Hersteller falsch?

Konkurrenten kritisieren will ich nicht. Ich kann Ihnen aber sagen, was unsere Stärken sind: Stabilität in der Unternehmensführung, klare Strategien, wettbewerbsfähige Produktionskosten und Kreativität. Unsere Produkte sind erfolgreich, weil wir gewagt haben, auf bestimmte Trends zu setzen, zuletzt beispielsweise auf den Modus - ein Kleinwagen, aber mit viel Platz und viel Pfiff


Die Franzosen und ihr guter Riecher...

Ja, die Franzosen haben eine kreative Ader. Bei uns wird recht frei gearbeitet, hier sagt keiner: "Du bist nicht zuständig, also sei ruhig." Jeder darf seine Ideen mitteilen und tut es auch. So kommt es, dass wir heute oft Vorreiter sind. Zum Beispiel hat Renault mit dem Espace den europäischen Van und mit dem Scénic den Minivan erfunden. Unser Mut, diese Produkte zu entwerfen, wurde belohnt. Viele haben uns kopiert


Also alles nur eine Frage von Mut?

Zumindest gibt es bei uns Mut zum Risiko. So wurde zum Beispiel anfangs unsere Allianz mit Nissan von vielen als zu riskant bewertet. Diese Allianz einzugehen, brauchte schon Mut. Er hat sich aber ausgezahlt. Das liegt auch daran, dass Nissan und wir sehr respektvoll miteinander umgehen. Wir haben zwar zum Beispiel zehn Produktionsplattformen, die wir gemeinsam nutzen. Jeder von uns erhält sich aber seine Identität. Das ist wichtig


Krisenzeiten sind auch Aufbruchszeiten. Welche Chancen ergeben sich für Autohersteller heute in Deutschland?

Die deutsche Automobilbranche ist nach wie vor eine starke Industrie. Ich bin überzeugt, dass die deutschen Hersteller die heutigen Schwierigkeiten überwinden und wieder erfolgreich sein werden


Renault ist in Deutschland der ausländische Hersteller mit dem höchsten Anteil an Tageszulassungen. Warum ist Renault beliebter als die ausländische Konkurrenz?

Das liegt zum einen an unseren Produkten. Die kommen bei den Kunden offensichtlich gut an. Zum anderen an unserem Vertriebsnetz. Das ist in Deutschland sehr stark


Deutsche kaufen aber immer noch vorzugsweise deutsche Autos. Reiner Patriotismus?

Das spielt schon eine Rolle. Wie in allen Ländern, die eine starke Autoindustrie haben. Zum Beispiel Frankreich. In Deutschland machen die ausländischen Produzenten etwa ein Drittel des Marktes aus, in Frankreich sind es um die 40 Prozent


Trotz des Erfolgs von Renault weltweit verliert die deutsche Tochter dieses Jahr Marktanteile. Wieso?

Wir hatten 2003 einen Marktanteil von 6,3 Prozent. Dieses Jahr können wir zwischen fünf und sechs Prozent erreichen. Das haben wir so in etwa erwartet. 2004 ist für uns ein Übergangsjahr, in dem wir uns auf die Erneuerung der Kleinwagen-Modellpalette vorbereiten. Unser Ziel ist es, langfristig einen gesunden Sechs-Prozent-Marktanteil zu erzielen


Ihre Strategie für die kommenden Jahre?

Renault will international weiter wachsen. Im Jahr 2010 wollen wir weltweit vier Millionen Autos verkaufen, heute sind es 2,4 Millionen. Wir haben noch viel vor


Wie gehen Sie mit dem Druck um, der Pariser Zentrale stetig bessere Zahlen vorzulegen?

Der deutsche Markt ist auch für Renault zurzeit der schwierigste überhaupt. Da gibt es natürlich auch für mich Stress-Situationen. Aber das Ganze spielt sich in einem vertrauensvollen Umfeld ab. Unsere Zentrale in Paris und wir verstehen uns wirklich als ein Team, das am selben Strang zieht


Hilft Sport zum Stressabbau?

Ja. Ich spiele Rugby in einem internationalen Team. Einmal die Woche treffen wir uns in Düsseldorf. Ich bin der Quarterback. Wunderbar - ein Spiel wie das Leben, voller Strategie und ziemlich nah am Boden. Manchmal komme ich montags morgens zwar mit ein paar Blessuren ins Büro. Aber das macht nichts. Der Stress ist weg


Dieser Artikel ist erschienen am 06.01.2005