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Gustav Humbert ? allein unter Franzosen

Von M. Buchenau und M. Eberle
Noch vor wenigen Monaten war es nahezu undenkbar, dass ein Deutscher an die Spitze des multinationalen Luftfahrtkonzerns Airbus rückt. Denn die Franzosen sehen das Unternehen noch heute als französisch an. Doch nun ist es eingetreten - Gustav Humbert, bisher Airbus-Technik-Chef, ist nun Airbus-Chef.
TOULOUSE. Es ist der 27. April 2005, Punkt 10.29 Uhr: Gustav Humbert klatscht in die Hände. Der Airbus-Technik-Chef freut sich wie ein kleines Kind. Gerade ist das weltgrößte Passagierflugzeug, der Airbus A380, zum ersten Mal in Toulouse vom Boden abgehoben. Am strahlend blauen Himmel über dem Südwesten Frankreichs zieht die neue Maschine ihre Kreise ? und das ohne jedes Problem. Humbert ist erleichtert. Die Weltpresse ist immerhin vollständig vor Ort. Die kleinste Panne schon hätte zu einem Marketing-Desaster werden können.Der ohnehin zurückhaltende 55-Jährige, der mit Studienrat-Brille und penibel zurechtgestutztem Kinnbart auch als Physiklehrer durchgehen könnte, wirkt nach dem Abheben aber noch einen Tick entspannter als seine Kollegen. Auf die Frage, ob er künftig Chef von Airbus als Nachfolger des zum EADS-Konzernboss beförderten Noël Forgeard werden könnte, antwortet er lächelnd im Stile von Franz Beckenbauer: ?Schau?n wir mal, ich gehöre sicher zu denen, die in Frage kommen, aber das entscheiden die Anteilseigner.? ?Trauen Sie sich den Job denn zu?? ?Ja?.

Die besten Jobs von allen

So deutlich und klar hatte sich der Airbus-Manager zuvor nie geäußert. Seit dem Wochenende ist es amtlich: Humbert ist neuer Airbus-Chef. Noch vor wenigen Monaten schien das undenkbar. Ein Deutscher an der Spitze des multinationalen Luftfahrtkonzerns, den die Franzosen noch heute für französisch halten?Humbert hat sich in einem bizarren Machtpoker durchgesetzt, tatkräftig unterstützt vom deutschen EADS-Anteilseigner Daimler-Chrysler. Das eigentlich Überraschende an der Personalie Humbert aber ist, dass er es scheinbar ganz ohne Ellenbogen an die Spitze des inzwischen weltgrößten Zivilflugzeugbauers geschafft hat. Während der bisherige Airbus-Lenker Forgeard, gerne auch über die Presse, alle Spitzenämter bei EADS und seiner erfolgreichsten Tochter Airbus für sich beanspruchte, machte Humbert weiter in aller Ruhe seinen Job. Das Personalgeschacher überließ er den Kollegen.Im Schatten des machtbewussten Forgeard hat Humbert seine Rolle als Chief Operating Officer, also als Nummer zwei bei Airbus, ?stets unauffällig, aber durchaus souverän ausgefüllt?, wie es Branchenkenner formulieren. Das entspricht ganz seinem Naturell: Der 1950 in Celle geborene Manager, der in Hannover Maschinenbau und Produktionstechnik studiert hat, galt schon während seiner Hamburger Airbus-Zeit als zurückhaltend und beherrscht, aber auch als kompetent und talentiert.Lesen Sie weiter auf Seite 2Seit 1980 arbeitet Humbert im Flugzeugbau, zunächst bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), später bei Airbus Deutschland. Als Humberts größte und schwierigste Leistung zu Hamburger Zeiten werten Branchenkenner, dass er die deutsche Airbus-Sparte in den 90er-Jahren mit dem umstrittenen Sparprogramm Dolores wieder fit und konkurrenzfähig macht. Obwohl in dieser Zeit Hunderte von Beschäftigten ihre Arbeitsplätze verlieren, genießt der promovierte Maschinenbau-Ingenieur unverändert hohes Ansehen in der Hamburger Belegschaft. Er sei ?ein Pragmatiker par excellence? mit viel Durchsetzungskraft, ohne im Vordergrund stehen zu wollen, schreibt der deutsche Luftfahrtexperte und langjährige Airbus-Kenner Karl Morgenstern über Humbert.Mit dem Erfolg des Dolores-Programms wächst Humberts Einfluss im Konzern schnell: Er wird 1998 Vorstand bei der Airbus-Mutter Daimler-Chrysler Aerospace (Dasa) und übernimmt den Geschäftsbereich Verkehrsflugzeuge. Seine guten Sprachkenntnisse helfen ihm, sich später auch in Toulouse rasch Respekt zu verschaffen.Humbert und seine Frau haben keine Kinder. In seiner freien Zeit studiert er gerne Land und Leute. So hat er sich in Frankreich inzwischen auch ausgezeichnete Kenntnisse über die nationale Küche zugelegt. Jetzt aber hat Humbert viel Arbeit vor sich. Forgeard hat die gesamte Organisation auf das Mega-Projekt A380 ausgerichtet. Im Erstflug des Großflugzeuges hat sich deshalb vor allem Forgeard sonnen können. Die A380, es ist der letzte Baustein für den Aufstieg des Franzosen nach ganz oben gewesen.Humbert muss jetzt schauen, wie er die Verzögerungen des Projekts in den Griff bekommt. Alle zeitlichen Puffer sind bereits aufgebraucht. Geht noch mehr schief, droht teurer Ärger mit den Erstkunden, ganz abgesehen vom drohenden Prestigeverlust. Dazu kommt der Konkurrenzkampf mit Boeing. Die Amerikaner haben ihren neuen Langstreckenjet 787 direkt gegen den A350 platziert.Für all das, also auch für die von Forgeard geerbten Probleme, muss künftig Humbert seinen Kopf hinhalten. Nicht einfach bei einem Chef, der auch künftig Forgeard heißt. Und in einer Firma, die weiter von Forgeards Zöglingen dominiert wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.06.2005