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Guru der neuen Bürgerlichkeit

Von Uli Schulte Döinghaus, Handelsblatt
Paul Nolte macht als Forscher, Publizist und Debattenteilnehmer seit rund einem Jahr kaum nachlassende Furore. Anfang 2004 erschien sein Essaybuch ?Generation Reform? und hinterließ Wirkung.
Manchmal, wenn er an diesem Nachmittag Gedankengängen folgt, Gesprächsfäden spinnt oder auf eine Frage hört, richtet Paul Nolte rasch den Blick auf die Puppe ? und findet die Antwort.Vielleicht ist es ja so, dass er einen optischen Widerpart braucht, einen visuellen Gegenentwurf zu der ernsthaften Wucht seiner Thesen, die von Verantwortung handeln, von Werten, Tradition, Familie, Bürgerlichkeit, Konservatismus, Religion und Reform.

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In seinen Schriften ist es das Rumpelstilzchen, an dem er sich reibt, und dessen Illusion, aus Stroh Gold zu spinnen. Hier und heute, in der Universitätskantine, könnte die Schaufensterpuppe für seine Abrechnung mit der ?Generation Golf? herhalten, dem ?Ich-will-Spaß?-Hedonismus einer neuen Klassengesellschaft, der er mit freundlicher Ernsthaftigkeit begegnet und mit der beneidenswerten Begabung, stets so gut wie druckreif formulieren zu können.Das hat ihn zum willkommenen Gesprächspartner für Radio- und Fernsehmoderatoren gemacht. Fast rituell wird Nolte zu ?O-Tönen? ans Mikrofon gebeten, wann immer präsidiale Grundsatzreden oder ministeriale Armutsberichte zu befürchten sind.Wenn es um soziales Mittelfeld geht, um kulturelles und ökonomisches Oben und Unten, dann muss Geschichtsprofessor Nolte ran. Dann gilt es, mal wieder mit der ?fürsorglichen Vernachlässigung? durch den Sozialstaat abzurechnen, der die Unterschichten mit Transferzahlungen ruhig stellt und sich ansonsten wenig darum kümmert, dass eine Klassengesellschaft neuen Typs entsteht.Das elektronische Versenden via TV und Radio, das auf Moderatorenfragen sofortiges, einwandfreies und gleichzeitig knappes Antworten verlangt, sei ihm anfangs schwer gefallen, sagt Nolte. Er zieht der elektronischen Unmittelbarkeit das Schreiben vor, das mit Nachdenken einhergeht und mit Ringen und Feilen um Formulierungen, die zu seinen Denkgebäuden passen.Wohl nur in einer solchen Umgebung können dann Gedanken keimen, die in Fragen münden wie: ?Ist der Steuerstaat an seine Grenzen gekommen? Könnte die ,Gebührengesellschaft? den Trend seiner Reform in Zukunft markieren??Lesen Sie weiter auf Seite 2:Der nordrhein-westfälische Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers wollte ihn gar in seine Wahlkampfmannschaft holen. Viele sehen in Paul Nolte den Denker eines modernen Konservatismus, jenseits von gedanklichem Stillstand und technisch-ökonomischer Verführbarkeit.Unlängst wollte der nordrhein-westfälische Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers ihn gar in seine Wahlkampfmannschaft holen und als möglichen Minister in einem möglichen Kabinett designieren ? doch Nolte lehnte ab. Nolte, der ansonsten von uns Bürgern Verantwortung und Engagement in der Zivilgesellschaft erwartet, spitzt die Lippen ? aber er pfeift dann lieber doch nicht.Mit diesem Vorwurf fühle er sich in bester Gesellschaft zahlloser Journalisten, lächelt er süffisant, die stets zu kommentieren und selten zu handeln wüssten.Darüber kann er demnächst in Berlin nachdenken, wo er einen Ruf an die riesige Freie Universität angenommen hat. Aber noch lehrt er an der 800-Studenten-Privatuniversität ?International University Bremen?.Der Familienvater ? die Tochter ist 13, der Sohn ist zehn ? wirkt jugendlich, fast jungenhaft und fällt zwischen den Studenten auf dem Campus kaum auf: Mittelgroß ist er und schlank. Er trägt einen leger-korrekten beigen Rollkragenpullover, halblang ist der Fassonschnitt. In gelassen-straffer Haltung signalisiert er nachdenkliche Gesprächsbereitschaft, selbst über einer schnellen Erbsensuppe.Als Forscher, Publizist und Debattenteilnehmer macht er seit rund einem Jahr kaum nachlassende Furore. Anfang 2004 erschien sein Essaybuch ?Generation Reform? und hinterließ Wirkung. Seither gilt er als ?konservativer intellektueller Jungstar? (?Taz?) oder als Stimme des neuen Bürgertums ? aber immer als gern gesehener Gast, schon weil er so schön gruselig zuspitzen kann: ?Die gegenwärtige Krise,? schreibt er, ?ist eine der schwersten, die unser Land in seiner neueren Geschichte erlebt hat.?Nolte ist ein in der Wolle gefärbter Sozialhistoriker, der unsere Gegenwart und ihre möglichen Zukünfte immer auch durch die Brille eines Wissenschaftlers observiert, der an der Vergangenheit geschult ist. Jetzt denkt er daran, eine noch gründlichere Grundlegung zu schreiben.Vielleicht wird es eine Präzisierung seiner neuen Klassentheorie, welche die neuen Unterschichten und Deklassierten statt bloß ökonomisch auch (medien)kulturell einordnet, also zwischen der Fernsehrichterin Salesch und dem Astro Talk.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Harald Schmidt hat sein Buch gelesen.Wenn Harald Schmidt heute über ?Unterschichten-Fernsehen? lästern kann, dann deswegen, weil er Noltes ?Generation Reform? gelesen hat und dessen Kritik am ?sozial marginalisierenden Medienkonsum?.Wer Nolte in der ?International University? besuchen will, muss sich zunächst ins nördliche Bremen bemühen und anschließend durch ein ehemaliges Kasernengelände kämpfen, in dem Panzer-Waschhallen zu Physiklabors konvertiert wurden und Waffenkammern zu Studierstuben. Heute herrscht dort, wo sich einst Feldwebel die Seele aus dem Leib brüllten, eine eher leise Campusatmosphäre.Seit seinen Studententagen an der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität in Baltimore weiß Nolte solch arbeitsame Gelassenheit zu schätzen. Aber auch Praxisnähe und Bürokratieferne gepaart mit einer akademischen Aufbruchstimmung, wie sie in Deutschland zuletzt in den 60er-Jahren geherrscht habe, damals, als die Reformuniversitäten Konstanz, Bochum oder Bielefeld gegründet wurden. In Bielefeld habilitierte sich Nolte mit der ?Ordnung der deutschen Gesellschaft?.Sozialgeschichte ist für Nolte auch Alltagsgeschichte, die auf dem Laufband im Einkaufszentrum von Bremen-Vegesack stattfindet, einem sozialen Brennpunkt. Niemand gehe oder laufe auf diesem Laufband, sagt Nolte. Alle ließen sich bewegungslos transportieren und verharrten bloß.?Niemand hat es eilig.?Warum auch? Wer keine Arbeit hat, hat keine Eile. Sondern begnügt sich mit antriebsarmer Lethargie und belässt es bei Nichtstun: das Laufband als soziale Metapher.Lesen Sie weiter auf Seite 4:Schluß und Vita So etwas notiert der ?systematische Zettelwirtschafter? (Nolte) auf Papierfetzen oder in Kladden und bereitet es am Schreibtisch dann gedanklich und sprachlich auf.Kann also gut sein, dass uns die Vegesacksche Metapher in einem seiner nächsten Bücher wieder begegnet ? vielleicht als moderne Fassung der Geschichte vom ?Hans-guck-in-die-Luft?.
VitaPaul Nolte wurde 1963 in Geldern geboren und wuchs in einem rheinischen Pfarrhaus auf. Er studierte Geschichte an der Universität Bielefeld und an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (US-Staat Maryland).1998 und 99 war er Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. An die dortige ?Freie Universität? erhielt er kürzlich einen Ruf als Professor und Lehrstuhlinhaber.Paul Nolte, der auch als Essayist in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften hervorgetreten ist, lehrt seit 2001 als Professor für Geschichte an der International University Bremen. Er ist Vertrauensdozent der Konrad-Adenauer-Stiftung und mit der Historikerin Monika Wienfort verheiratet. Sie haben zwei Kinder, Nora und David.Einem breiten Publikum wurde Paul Nolte durch das Buch ?Generation Reform? bekannt, das in derzeit 6. Auflage im Verlag C.H. Beck erscheint.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.04.2005