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Gütlich geschieden

Claudia Obmann
Rausschmiss via E-Mail und vor versammelter Mannschaft - die deutsche Kündigungskultur ist katastrophal. Doch es geht auch anders: Unternehmen, die gute Mitarbeiter nicht für immer vergraulen wollen, setzen auf dicke Trostpflaster und sanfte Ausstiege auf Zeit.
Der Rauswurf kam zusammen mit der Einladung zur Betriebsfeier: "Ach übrigens", bemerkte der Chef einer kleinen Düsseldorfer PR-Agentur gegenüber einem seiner Angestellten, "diese Weihnachtsfeier wird Ihre letzte bei uns sein. Sie sind gekündigt." In einer mittelständischen Druckerei im Ruhrgebiet fanden jüngst die Mitarbeiter bei ihrer Rückkehr aus den Ferien Entlassungsschreiben mit freundlichen Grüßen der Personalabteilung in ihren Briefkästen.

Kündigung nach Gutsherrenart - das gibt's nur in Klitschen? Weit gefehlt. Ob katholische Kirche oder Karstadt, DaimlerChrysler oder die Gewerkschaft Verdi - rund 60 Prozent aller Arbeitsverhältnisse beendet der Chef, deutlich seltener der wechselwillige Mitarbeiter selbst. Und die Methoden der Großarbeitgeber sind nicht weniger haarsträubend: Da werden Kündigungen per offenem E-Mail-Verteiler verschickt; da verfrachten Sekretärinnen die persönlichen Utensilien in Kartons für den Kollegen auf Dienstreise; da erklären Vorgesetzte im Großraumbüro vor versammelter Mannschaft, dass diejenigen, die entlassen werden sollen, gleich einen Anruf bekommen.

Die besten Jobs von allen


Solch Dilettantismus erweist sich oft als Bumerang. "Je übler die Kündigung, desto eher wehrt sich der Entlassene, desto eher solidarisieren sich die Verbleibenden und desto mehr beeinträchtigt die angespannte Stimmung die Produktivität des Unternehmens", hat Laurenz Andrzejewski festgestellt. Der Managementberater ist Spezialist in Sachen Trennungskultur. Er plädiert für mehr Humanität am Ende eines Arbeitsverhältnisses - nicht zuletzt, weil sie sich in barer Münze auszahlt.

Teurer Tritt in den Hintern

Am Beispiel einer 400-Mann-Firma, die 40 Stellen streicht, rechnet er vor, wie teuer die Holzhammermethode Firmen zu stehen kommen kann. Verlorene Zeit durch Krisensitzungen des Managements und Verhandlungen mit den Gekündigten: 30.000 Euro pro Monat. Verstörte und demotivierte Kollegen, die täglich eine Stunde tuscheln: 13.000 Euro pro Monat. Absprung verunsicherter Leistungsträger, die sich einen anderen Job suchen: 60.000 Euro pro Ersatzmann. Eineinhalb Jahre juristische Streitigkeiten mit den Gefeuerten: 250.000 Euro.

Clevere Unternehmen haben inzwischen erkannt, dass es schlicht ökonomisch zweckmäßig ist, im Entlassungsfall fair vorzugehen. Unternehmen wie die Deutsche Bank, 3M oder das Telekom-Beratungshaus Detecon verabschieden sich von der Ex-und-hopp-Mentalität und sparen dabei nicht nur kurzfristig Geld. Sie gewinnen auch auf lange Sicht: Die sanfte Trennung ermöglicht ihnen, gute Kräfte, auf die sie zwangsweise verzichten müssen, zurückzuholen, wenn der Laden wieder brummt.

Watteweiche Wege

Susanne Eisert, Personalchefin der Taunus-Sparkasse, hat den soften Weg gewählt. Rund zwei Millionen Euro musste sie einsparen, was dem Wegfall von 60 Arbeitsplätzen entspricht. Die Personalerin stellte allen Bankmitarbeitern im Intranet ein Sparmenü zusammen - vom Sabbatical über unbezahlten Urlaub und Teilzeitofferten bis hin zur Existenzgründung mit Extra-Finanzspritze und Rückkehrgarantie bei Misserfolg.

Für diejenigen Banker, die allen Sparmaßnahmen ihrer Kollegen zum Trotz auf der Straße landeten, wurden auf Kosten des Hauses umfangreiche Outplacement-Pakete geschnürt. In diesen Seminaren und Einzelcoachings lernen die Teilnehmer, sich auf dem freien Arbeitsmarkt wieder zügig einzufädeln. Outplacement-Berater bringen ihnen bei, wie sie sich zukünftigen Arbeitgebern präsentieren, ihren Lebenslauf aufpeppen und an welchen Stärken und Schwächen sie feilen sollten. Die Kosten trägt der Ex-Arbeitgeber.

Rache ist süss

Um den Trennungsschmerz und die daraus entstehende Wut der Gekündigten so gering wie möglich zu halten, legt Psychologin Eisert großen Wert auf eine faire Verabschiedung. "Wir wollen unseren ehemaligen Kollegen noch in die Augen schauen können", begründet die Personalerin ihr humanes Trennungskonzept. Sie ist überzeugt, "dass man sich immer zweimal im Leben trifft".

Der Imageschaden indes, den Rambo-Rauswürfe verursachen, ist immens. Die Rache der Geschassten folgt auf dem Fuß: lancierte Skandalberichte in der Presse, ausgeplauderte Interna, mit denen gedemütigte Mitarbeiter ihren Ex-Arbeitgeber bei Kunden, Lieferanten und Branchenkollegen in Misskredit bringen. Je rüder die Entlassung, desto stärker der Rachedurst. "Stellen Sie sich vor, wenn die Gekündigten über ein Produkt schlecht reden - im Freundes- und Verwandtenkreis, bei den Nachbarn. Und was sie damit bei Marken des täglichen Gebrauchs wie Coca-Cola oder Nokia anrichten können", gibt Personalberater Eberhard von Rundstedt zu bedenken.

Vor allem die Sozialauswahl, der so viele junge, flexible und qualifizierte Berufstätige zum Opfer fallen wie nie zuvor, verlangt nach Fingerspitzengefühl. Denn gerade der Nachwuchs wird dringend gebraucht, sobald die Konjunktur wieder anspringt. So mancher Chef spekuliert insgeheim schon bei der Kündigung darauf, den arbeitslosen Kollegen später zurückzuholen.

Last in - first out

Hat der Vorgesetzte allerdings gestümpert, stehen die Chancen auf Rückkehr schlecht. Marco Keller etwa, Ex-Mitarbeiter der Essener Hochtief Projektentwicklung, würde um keinen Preis noch einmal bei seinem alten Arbeitgeber anheuern. Zu tief sitzt der Frust des Immobilienwirtes darüber, wie er abserviert worden ist: Trotz Beförderung, Gehaltszulage und Dienstwagen blieb der 27-Jährige bei der folgenden Kündigungswelle auf der Strecke. Ledig, keine Kinder - last in, first out. Der Kommentar "Sie sind ja noch jung, Sie finden schnell was Neues" war alles, was er von seinem Vorgesetzten auf den Weg bekam. Zu wenig, um loyal zu bleiben.

Thomas Wallwiener hegt keinen Groll gegen seinen Ex-Arbeitgeber. Im Gegenteil, der Finanzanalyst bei Bombardier Transportation in Berlin freut sich vielmehr über seinen gelungenen Wiedereinstieg beim kanadischen Konzern. Der musste zuletzt weltweit mehr als 6.000 Stellen abbauen. Auch Wallwiener traf es im vergangenen Frühjahr. Den Bankfachwirt ließen die Vorgesetzten allerdings nur ungern ziehen.

Generös entsprach die Firmenleitung seinem Wunsch, drei Monate länger bleiben zu dürfen, versüßt noch durch ein Outplacement-Arrangement. Der 26-Jährige nahm das Angebot an, führte erfolgreich Bewerbungsgespräche mit neuen Arbeitgebern. "Ich war auf dem Sprung zu neuen Ufern", erzählt der Youngster, "da rief mich meine Ex-Chefin an, sagte, sie hätte eine gute und eine schlechte Nachricht für mich." Und schmunzelnd fährt er fort: "Wegen einer Versetzung ist in meiner alten Abteilung ein Plätzchen frei geworden - ich konnte zurückkommen. Die schlechte Nachricht: Ich muss nun länger als drei Monate bleiben."
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2004