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Grünes Verkaufsgenie

Von Jens Koenen
Da dürften in Walldorf am Dienstag einige tief durchgeatmet haben. Shai Agassi, einst Technologie-Vorstand und Kronprinz von SAP-Chef Henning Kagermann, will in Elektroautos machen. Seit dem überraschenden Abschied des 39-Jährigen im März dieses Jahres war über die Pläne des IT-Managers spekuliert worden.
Shai Agassi will nun Elektroautos flott machen. Foto: dpa
FRANKFURT. Eines der in Walldorf gehandelten Szenarien: Agassi startet eine eigene Software-Firma und macht SAP Konkurrenz. Ein anderes, nicht minder gefürchtet: Der Rivale Oracle könnte Agassi für sich gewinnen. Doch alles das scheint jetzt passé zu sein. Zumindest vorerst: Ob Agassis Pläne von Dauer sein werden, das weiß derzeit keiner. Die Skepsis ist groß. Der gebürtige Israeli will sich die Batterien von Elektroautos vornehmen. Sie seien der Engpass, analysiert der IT-Manager zielsicher und richtig. Sie sind zu schwer, ihre Leistung ist begrenzt, die daraus resultierende geringe Reichweite macht den Elektroautos in der Tat das Leben schwer.Das will Agassi ändern. Statt immobiler Batterien will er die Autos mit Akkus ausstatten, die mit wenigen Handgriffen ausgetauscht werden können. Nach etwa 100 Kilometern, so die Vision des 39-Jährigen, könne der Autofahrer dann an eine Servicestation fahren und dort die entladene Batterie gegen eine geladene tauschen. Eine sicherlich nicht gerade technologisch berauschende Idee, aber immerhin eine mit einer gewissen Logik, so scheint es.

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Und Agassi wäre nicht Agassi, wenn er nicht mit voller Kraft für den Erfolg kämpfen würde. Runde 200 Millionen Dollar hat er bereits an Mitteln für seinen neuen Fonds eingesammelt. Der soll das Projekt anschieben, etwa die Batterien kaufen, besitzen und ?betreiben?. Zu den Investoren gehören Risikokapitalgeber wie Israel Corp. oder VantagePoint.Sie alle dürften vor allem auf eines setzen: das geniale Verkaufstalent Agassi. Schon zu SAP-Zeiten überzeugten seine Auftritte, sein Typus makellos, smart, sein Lächeln stets perfekt getimet. Ausgiebig erklärt er immer wieder seinen Zuhörern mit leiser Stimme die von ihm erdachte Strategie: Software wie ein Legokasten aus einzelnen Bausteinen zusammenbauen, auf einer soliden und ausgefeilten Technologie-Plattform.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Agassi ist mehr als ein VerkaufstalentMan nahm sie ihm damals ab, die Vision. Schließlich ist Agassi nicht nur Verkaufstalent, er ist technikverliebt dazu. Schon mit sieben Jahren programmiert Agassi seine ersten Software-Anwendungen. Nach dem College-Abschluss 1990 gründet er mit Quick-Soft seine erste eigene Firma für den Vertrieb von Software. Mit im Boot ist schon damals sein Vater Reuven, ein Ex-Colonel der israelischen Armee und Telekommanager.1992 wird Toptier geboren, jene Firma, die später SAP kauft. 1993 folgt Top Manage, das im März 2002 ebenfalls bei SAP landet. Es ist vor allem die Internettechnologie von Agassi, die SAP gut gebrauchen kann. Sie hilft den Walldorfern um die Jahrtausendwende aus einer Klemme, schließlich will das neue SAP-Kernprodukt noch nicht so, wie es soll. ?Er hat uns in der Internetblase geholfen, im ruhigen Fahrwasser zu bleiben?, dankte SAP-Mitgründer Hasso Plattner seinem Ziehsohn bei seinem Abschied ausdrücklich.Doch ob das für sein neues Vorhaben ausreicht? Experten sind skeptisch. ?Das klingt alles schön und gut. Und man mag ja in der Software-Industrie viele Ideen haben. Doch hier stößt man schnell auf harte Fakten?, warnt Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Es sind banale Dinge, die die Vision in seinen Augen eine Vision bleiben lassen. ?Die Batterien müssen geladen vorgehalten werden. Sie wiegen zwischen 50 und 100 Kilogramm und können nur mit Hilfsmitteln getauscht werden. Das ist nicht realistisch?, sagt Dudenhöffer.Agassi dagegen verweist auf bereits laufende Gespräche mit großen Autoherstellern. Er weiß: Ohne deren Bekenntnis wird keiner in die Tauschstationen investieren. Doch die Autobauer dürften erst mal warten, bis die Infrastruktur für den Batterietausch steht, ein Teufelskreis. ?Das Elektroauto ist seit hundert Jahren eine Fantasie und bleibt es auch?, glaubt deshalb Dudenhöffer.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein Visionär braucht Zeit und Geld Hinzu kommen Zweifel, ob Agassi bei einem derart komplexen Vorhaben in der Lage ist, die richtigen Hebel umzulegen. Es habe sich gezeigt, dass Agassi zwar ein großer Visionär, aber weniger groß bei der Umsetzung sei, ist etwa aus der SAP-Konzernzentrale zu hören. Doch den smarten IT-Manager dürfte solcherlei Kritik von einigen seiner ehemaligen Kollegen nicht anfechten. Er hat seine neue Welt entdeckt. Seit etwa zwei Jahren gehört er zum ?Forum of Young Global Leaders?, eine eindrucksvolle Gruppe gut betuchter Jungmanager, mit dabei etwa die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin. Eines ihrer Ziele: eine bessere Welt.Dass die Geduld erfordert, weiß Agassi. Natürlich sei ihm klar, dass eine Idee wie die, mobile Batterien für Elektroautos voranzutreiben, Jahre und Milliarden Dollar kosten könne. Aber am Ende werde ein System stehen, das für ein Elektroauto Betriebskosten garantiere, die unter denen mit herkömmlichen Antrieben sei, prophezeit er.?Kinder lernen mehr, wenn man ihnen etwas vorlebt, als wenn man ihnen nur etwas sagt?, gab der Vater zweier Söhne einem Journalisten vor kurzem mit auf den Weg. Gut möglich, dass diese Erkenntnis eine Antriebsfeder für seinen neuen Plan ist. Finanziell ist er jedenfalls auf Erfolge nicht mehr angewiesen. Seit dem Verkauf von Toptier an SAP für 400 Millionen Dollar ist er unabhängig.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.10.2007