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Gründerzeit an deutschen Schulen

Von Patrik Mönninghoff, Handelsblatt
Siebzig Cent verdient Artur Borger pro Stunde. Doch anders als die Lenker der großen deutschen Vorzeigekonzerne interessiert sich der Unternehmer nicht für das Geld. Mit seiner Firma hat er bei einem Gründungswettbewerb für Schülerunternehmen den zweiten Platz belegt.
DÜSSELDORF. Dabei war die Konkurrenz groß. Allein bei Junior traten in diesem Jahr 304 Teams gegeneinander an. Ein Jahr zuvor waren es erst 280, für den kommenden Wettbewerb rechnen die Organisatoren sogar mit 350 Anmeldungen.Auch andere, ähnliche Projekte verzeichnen immer größeren Andrang. Denn seitdem die Wirtschaft vermehrt über mangelnde ökonomische Ausbildung der Schüler und fehlende Praxiserfahrungen bei Uniabsolventen klagt, liegen die Initiativen im Trend.

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Auch Artur hat gelernt ? vor allem durchzuhalten. Denn leicht war es nicht, sagt der Abiturient. Am schwierigsten sei es gewesen, die passende Idee zu finden, berichten seine Teamkollegen. Man glaubt es gern. So hat sich Grammophonia darauf spezialisiert, alte Schallplatten auf CDs zu kopieren. Und das, obwohl sich auf den Stereoanlagen der Jugendlichen zuvor nur die Silberlinge drehten. Die Scheiben aus schwarzen Vinyl kannten sie meist von nur aus den Erzählungen ihrer Eltern.Dennoch wurde das Unternehmen ein Erfolg. ?Wir haben mehr Aufträge bekommen, als wir abarbeiten konnten?, berichtet Lisa Meisterjahn, Leiterin der Verwaltung. Zu schnell hatte sich der Service bei Eltern, Verwandten und Lehrern rumgesprochen. Zu schnell, um die Arbeit zu bewältigen. Denn gearbeitet wird bei Grammophonia nur am Freitagnachmittag. Überstunden gibt es kaum. ?Die Schule geht vor!?Sieben Euro verlangen die Schüler für das Kopieren einer Platte. Soll die passende Hülle gleich mitgeliefert werden, fallen zwei Euro mehr an. ?Die Preise haben wir vorher durchgerechnet?, sagt Artur. Profitabel soll das Unternehmen sein. ?Eine gute Kalkulation ist eben alles.? 400 Euro blieben daher am Ende der einjährigen Projektzeit in der Kasse.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Entscheident ist die Gabe zur SelbstvermarktungDoch die Schüler haben mehr gewonnen als nur das Geld. ?Solche Erfahrungen sind heute ein absolutes Plus?, sagt Jürgen Fulde. Der Personalberater vermittelt seit über 20 Jahren arbeitslose Akademiker und weiß, worauf die Personalchefs heute achten: ?Ein Standardlebenslauf mit Prädikatsexamen reicht allein oft nicht mehr aus.? Entscheidend sei neben Zusatzqualifikationen vor allem die Gabe, sich selbst zu vermarkten.Und auch das lernen die Jugendlichen in den Projekten. ?Wir bewerten nicht nur, wer den präzisesten Geschäftsbericht erstellt oder die kreativste Idee einreicht?, sagt Hubert Becker, Jurymitglied bei Junior und Pressesprecher beim Versicherungskonzern Gothaer. Es gehe auch darum, die Scheu zu verlieren, vor größeren Gruppen zu sprechen. Daher wurde bei der Preisvergabe auch die Qualität der Projekt-Präsentationen berücksichtigt und in Einzelinterviews getestet, wie gut die Schüler ihre Produkte vermarkten.Das Team von Grammophonia hält solchen Gesprächen mittlerweile locker stand. So wirkt zwar manch ein Anzug noch eine Nummer zu groß und der eine oder andere Lippenstift ein Tick zu grell. Von Unsicherheit fehlt allerdings jede Spur. ?Wir wissen eben, worüber wir reden?, sagt Artur selbstbewusst.Ihr Lehrer Dieter Radde bestätigt die Entwicklung. ?Manch einer war vorher sogar bei einem Referat in der Klasse nervös?, sagt der Pädagoge. Das sei jetzt wie verflogen. Denn die Schüler diskutieren nicht nur mit Kunden und Lieferanten. Auch an die Fragen von Journalisten haben sie sich gewöhnt. ?Einige der Teilnehmer sind sogar schon im Fernsehen aufgetreten?, erzählt Karen Redlich, Projektkoordinatorin von Junior.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Firma hätte außerhalb der "Brutstätte" keine ChanceTrotz all der Erfolge ist auch Artur klar, dass seine Firma in der derzeitigen Form außerhalb der ?Brutstätte? keine Chance hätte. Sorgen würden ihm vor allem die Lohnkosten machen. ?Wenn wir echte Gehälter zahlen würden, wäre das ein riesiges Problem?, sagt der 19-Jährige. Und schon meldet sich sein Unternehmerherz wieder zu Wort. ?Wir müssten vor allem in der Verwaltung sparen?, sagt er und blickt kurz zu seiner Tischnachbarin. Lisa, Leiterin der Abteilung, lächelt nur: ?Ja, wenn es darauf ankäme, müsste ich wohl gehen.?Allerdings haben bereits einige der Unternehmer auf Zeit den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft. ?Wir hören immer wieder, dass unsere Teilnehmer später eigene Firmen gründen?, sagt Redlich.Auch Michael Groos, ehemaliger Teilnehmer von business@school, einem vergleichbaren Projekt der Unternehmensberatung Boston Consulting, steht gerade in Verhandlungen mit potenziellen Geschäftspartnern. Zusammen mit Mitschülern hat er den Wettbewerb vor zwei Jahren mit ?Easy Check-In? gewonnen.Die Geschäftsidee ist ganz einfach: Einige Stunden vor dem Abflug holt das Team die Tickets und Koffer bei den Reisenden ab. Fährt dann zum Flughafen, gibt das Gepäck ab und reserviert die gewünschten Plätze. Die fertigen Bordkarten können sich die Urlauber an einem Schalter abholen. Noch bereitet sich der Zivildienstleistende zwar auf sein Studium vor. ?Sollten wir aber konkrete Zusagen von Airlines bekommen, geht das Geschäft erst einmal vor.?
Dieser Artikel ist erschienen am 08.07.2004