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Gründerwelle an deutschen Unis

Jürgen Schmude
Endlich entstehen an den deutschen Hochschulen Lehrstühle, die sich mit dem Thema Unternehmensgründung befassen sollen. Jetzt taucht die Frage auf: Kann man "Gründen" wirklich lehren?
Der englisch-französische Terminus Entrepreneur, der von dem in Frankreich lebenden, irischen Finanzier Richard Cantillon geprägt wurde, stellt den Unternehmer "als Person mit seinen vielfältigen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Aufgaben in den Vordergrund: Wer ist ein Unternehmertyp, was ist Unternehmergeist, wie sieht die Unternehmerrolle aus?"Dennoch gibt es keine allgemein anerkannte, inhaltlich eindeutige Definition. Einig sind sich die Gelehrten, dass die wichtigste Aktivität des Entrepreneurs zunächst die Gründung eines Unternehmens ist. Wie Joseph A. Schumpeter bereits 1926 feststellte, muss der Unternehmer hierzu "neue Kombinationen durchsetzen". Außerdem können dem Entrepreneur drei typische funktionale Definitionselemente zugeschrieben werden: innovative Aktivität, Übernahme von Leitungs-, Steuerungsund Koordinationsaufgaben, persönliche Risikoübernahme.

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Seit Mitte der 70er-Jahre zeichnete sich immer deutlicher eine Gründungslücke ab: Es traten mehr Unternehmen aus dem Markt aus, als neue Unternehmen gegründet wurden. In den 80er-Jahren wurden in der Bundesrepublik Deutschland über Fördermittel zusätzliche Anreize für den Schritt in die Selbstständigkeit geschaffen.Zwar schloss sich die Gründungslücke in den Folgejahren wieder, doch in den 90er-Jahren wird vor dem Hintergrund einer anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und den Anforderungen des wirtschaftlichen Strukturwandels eine nach wie vor zu niedrige Gründungsrate beklagt, die unter anderem mit einem zu geringen Interesse an der Selbständigkeit in Deutschland erklärt wird.Da der Mangel an Entrepreneuren offensichtlich nicht allein durch Auflegen von Förderprogrammen zu beheben ist, werden nun neue Wege der Gründungsförderung beschritten: die Rahmenbedingungen der Gründer sollen durch Schaffung von Gründerzentren verbessert werden, das Problem des hohen Investitionsbedarfs von (insbesondere technikorientierten) Unternehmensgründungen durch Venture Capital gelöst werden, mangelnde unternehmerische Erfahrungen sollen - wie in den USA bereits seit längerem praktiziert - durch Business Angels ausgeglichen werden und schließlich sollen Unternehmensgründer aus dem Hochschulbereich durch die Einrichtung von Entrepreneurship-Lehrstühlen an deutschen Hochschulen "produziert" werden.Auch die Hochschulen sollen einen Beitrag zur Lösung der "Unternehmerkrise" leisten. Mittlerweile sind 21 Entrepreneurship-Lehrstühle eingerichtet oder befinden sich in der Planungsphase (siehe Karte). Einige dieser Professuren werden von Förderinstituten, wie der Deutschen Ausgleichsbank, oder von Unternehmen, wie zum Beispiel SAP, als Stiftungslehrstühle meist im Bereich der Wirtschaftswissenschaften (vor allem BWL) finanziert.Dieser Boom hat dazu geführt, dass zwar das Thema Selbstständigkeit zunehmend auch in die Hochschulen getragen wird, doch aufgrund der in Deutschland im Vergleich zu den USA fehlenden akademischen Entrepreneurship-Tradition ist kaum ausreichend Lehrpersonal vorhanden, um die eingerichteten Stellen adäquat zu besetzen, eine Situation, die zeitweise auch in den USA aufgetreten ist. Ein nicht unumstrittener Lösungsweg ist der Rückgriff auf erfolgreiche Unternehmer als Dozenten, so etwa an der Universität Karlsruhe.Einen anderen, nicht minder umstrittenen Weg zeigt das folgende Zitat aus einer Stellenausschreibung für einen C-4-Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Entrepreneurship aus dem Sommer dieses Jahres, das ebenfalls belegt, wie schwierig es offensichtlich ist, geeignete Dozenten zur Entrepreneurship-Ausbildung zu finden: "Zur Bewerbung seien auch ausdrücklich diejenigen ermuntert, die bisher nicht im Fach Unternehmensgründung/Entrepreneurship einschlägig ausgewiesen, jedoch interessiert sind, sich diesem neuen Forschungsschwerpunkt zu widmen."Zudem besteht in Deutschland häufig noch Unklarheit über Inhalte und Ziele einer Entrepreneurship-Ausbildung. Es stellt sich die Frage, ob eine Ausbildung zum Unternehmertum möglich ist oder: Ist Unternehmertum angeboren, erlernbar oder ausbildbar? Die Diskussion um die erforderlichen curricularen Inhalte ist in den USA bereits wesentlich weiter fortgeschritten und hat in jüngster Zeit auch die bundesdeutschen Gründungslehrstühle erfasst.Mögliche Aspekte der inhaltlichen Ausrichtungen der Lehrstühle sind: Existenzgründung, derivative Gründungen, Unternehmerpersönlichkeit, Unternehmensnachfolge, Lebenszyklen von Unternehmen, Entwicklungsökonomie, Innovationsmanagement, technikorientierte Unternehmensgründungen , Gründungsfinanzierung, Venture Capital, Gründungsmarketing.Diese Auflistung zeigt, dass es sich bei der Gründungsforschung um ein disziplinübergreifendes Arbeitsfeld handelt, auch was einzelne Fragestellungen betrifft. So stellen sich beim Problem der Unternehmensnachfolge einerseits rechtliche und steuerliche Fragen, andererseits müssen wesentliche Aspekte sowohl auf der individuellen (etwa Persönlichkeit des Nachfolgers) als auch regionalen Ebene (zum Beispiel Arbeitsmarkt) berücksichtigt werden.Entsprechend ist auf Initiative des Faches Geographie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im vergangenen Jahr ein Schwerpunktprogramm "Interdisziplinäre Gründungsforschung" aufgelegt worden. Die in zehn Projekten kooperierenden insgesamt 20 Projektpartner im Schwerpunktprogramm kommen aus den Disziplinen Geographie (3), BWL (3), VWL (6), Jura (4), Soziologie (3), Psychologie (1), wobei in der Regel zumindest zwei Disziplinen zusammenarbeiten. Erste Ergebnisse sind für den Herbst 2000 zu erwarten. Univ.-Prof. Jürgen Schmude lehrt Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Universität Regensburg.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.04.2000