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Gründen im Schacht

Elmer Lenzen
Fotos: Bob Heinemann
Dort, wo in Essen früher die größte Zeche des Ruhrgebiets stand, zog vor vier Jahren das Gründerzentrum Triple Z ein. Cooles Industriedesign, Beratungsangebote und die Chance zur Zusammenarbeit sollen die Startups beflügeln. Wie lebt und arbeitet es sich in einem solchen Brutkasten?
Dauerregen prasselt auf die Baustelle. Schlammspritzer bilden eigenwillige Muster auf der Hose. "Ich trag? kaum noch Anzug", erzählt Dirk Otto, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Gründerzentrums Triple Z. "Den hab? ich mir auf dem Bau regelmäßig zerfetzt. Abends sah ich aus, als käme ich vom Spielplatz.

Das Zukunftszentrum Zollverein in Essen, kurz Triple Z, ist seit Jahren eine Baustelle. Früher fuhren hier Kumpel in die Schächte ein, um das Ruhrgold Kohle zu fördern. Nach 1997 wurden die meisten Zechengebäude mit Landesmitteln saniert und beherbergen heute etwa 100 junge Unternehmen mit insgesamt 200 Mitarbeitern.

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Bunter Verein trifft Baustelle

10.000 Quadratmeter Nutzfläche, auf denen Existenzgründerträume wahr werden können. Nur noch der dritte Bauabschnitt, der pünktlich zum Jahresbeginn fertig wurde, erinnert mit seinen Baggern, Gerüsten und Schlammpisten an den Wandel von der Grube zum Gründerzentrum

Die Idee der Betreibergesellschaft Triple Z AG war es, hier eine ausgewogene Mischung von Existenzgründern aus verschiedenen Branchen anzusiedeln. Die sollen sich gegenseitig Geschäfte zuschustern und können sich durch öffentliche Stellen vor Ort beraten lassen. Solche Gründerzentren sind in den vergangenen Jahren überall entstanden. Brutkästen einer neuen Unternehmerkultur.

Doch bietet ein Büro im Gründerzentrum wirklich Vorteile? "Wenn Existenzgründer draufsteht, denken sich manche Kunden ,Oje, haben die überhaupt genug Erfahrung??", erzählt Inga Janßen, Geschäftsführerin der Künstlerischen Werkstatt Kalle Krause. "Aber das haben wir in Kauf genommen, denn eine alte Zeche ist genau das, was zu unserem Image passt", ergänzt ihr Chef Kalle Krause.

Krach stört hier nicht

In drei großen Jugendstilhallen hämmern und zimmern bis zu 24 Mitarbeiter an ausgefallenen Dekorationen für Bühnen und Messen ? manchmal bis spät in die Nacht oder am Wochenende. "Auch, wenn es mal lauter wird, stört sich hier niemand daran", lobt Janßens Kollegin Inken Fries. "Außerdem haben wir Werbegrafiker und Metallbauer auf dem Gelände, an die wir Aufgaben abgeben", nennt Janßen einen weiteren Vorteil

Bei Kalle Krause funktioniert das Modell, dass sich Gründer zusammenraufen, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Andere Insassen machen da andere Erfahrungen. "Natürlich gibt es hier Leute, mit denen du mal geschäftlich was zusammen machst", erzählt etwa Detlev Bartsch. "Aber eigentlich hat jeder seine eigenen Netzwerke und Kontakte. Warum soll ich erprobte Kooperationen aufgeben, nur weil mein Nachbar ähnliche Leistungen wie meine Partner anbietet?" Dafür hat der Profifotograf in seinem 240 Quadratmeter großen Atelier Platz satt für die Shootings seiner Industrie- und Werbefotos, auf die sich Bartsch spezialisiert hat.

Ins gleiche Horn stößt Stefan Colsmann, der am Rande des Geländes sein Tonstudio "Session Park" betreibt. "Ein Gründerzentrum ist nicht viel anders als andere Orte. Synergie-Effekte, von denen die Betreiber immer reden, sind für mich heute Reizworte. Ich habe überall im Haus meine Prospekte ausgelegt, doch noch nie hat jemand darauf reagiert."

Lange Kreditlinie, kurzer Draht

Colsmann ist trotzdem froh, in einem Gründerzentrum zu sein. "Erstens, weil Tonstudios wegen der Lautstärke nicht gerade die Lieblingsmieter sind. Und", fügt er hinzu, "weil die Betreiber es nicht so eng sehen, wenn man mal ein, zwei Monate Probleme bei der Mietzahlung hat.

"Wir wollen den jungen Unternehmen optimale Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Start schaffen, Kooperationen fördern und Türen öffnen", sagt Geschäftsführer Otto. Er und sein Pressesprecher Karl-Ludwig Fuchs, die zwei "guten Seelen" des Triple Z, eilen den ganzen Tag über das Gelände und suchen das Gespräch mit den Jungunternehmern. Ein beliebter Treffpunkt ist die Kantine in der ehemaligen Lohnhalle

Der lichtdurchflutete Saal, der auch für Ausstellungen dient, ist jetzt im Winter allerdings ungemütlich kalt. Die Speisekarte bietet nur Eintopf und die üblichen Frittenbuden-Auslagen. Geschäftsführer Otto ist bemüht, es positiv zu sehen: "Currywurst mit Pommes ? das ist eben das Ruhrgebiet!

Dennoch ist die Kantine mittags immer voll ? was definitiv nicht am Essen liegt. Die meisten Jungunternehmer schauen auch weniger auf die Speisekarte, sondern nach vertrauten Gesichtern. Inken Fries und Detlev Bartsch etwa freuen sich einfach auf einen ungezwungenen Plausch. Stefan Colsmann hat dabei jedoch eine gewisse Zweiteilung beobachtet: Ein Grüppchen bestehe aus den Künstlern und Handwerkern, und das andere seien die Dienstleister und IT-Spezialisten. Fachsimpeleien bei Linseneintopf

"Früher war die Atmosphäre familiärer. Da haben wir die Caféteria noch selbst betrieben. Ein paar Freiwillige, selbst einkaufen und dann zusammensitzen", erzählt Hans-Joachim Giesen. Er muss es wissen: Der Steuerberater ist der älteste Mieter im Triple Z. Die alten Mieter seien es auch, die sich noch immer kennen und grüßen. Spontane Gespräche, aus denen manchmal Geschäfte werden

Empfangsdame zur Miete

Davon profitiert etwa Christa Tiedens mit ihrem Sekretariats- und Telefondienst. Ein Service für Unternehmen, die sich keine Vollzeit-Sekretärin leisten können und auch bei Abwesenheit telefonisch erreichbar sein wollen. Ihr kleines Büro ist mit Telefonen, Kopierern und Faxgeräten voll gestopft. Irgendwo klingelt es immer. "Ich lass? es jetzt einfach bimmeln, sonst können wir nie reden", erzählt die quirlige Unternehmerin und macht es sich auf dem Stuhl bequem. Auch Tiedens findet, dass die Aufbruchstimmung der ersten Jahre mittlerweile verflogen ist. "Es hat sich normalisiert. Ich denke einfach, dass mit zunehmendem Erfolg der Abstand zwischen den Gründern auch größer wird.

Immerhin: Wenn demnächst der dritte und letzte Bauabschnitt bezogen wird, werden rund 50 neue Mieter und deren Mitarbeiter einziehen und für frischen Wind auf dem Gelände sorgen. Dirk Otto freut sich jedenfalls schon darauf: "Dann kann ich endlich wieder einen Anzug anziehen."
Dieser Artikel ist erschienen am 08.02.2002