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Gründen à la Google

Christoph Mohr
Nicht nur Bankern und Beratern, auch angehenden Gründern bieten Business Schools optimale Startbedingungen. Wie weit sie einen bringen können, beweisen Erfolgsunternehmer wie Google-Chef Eric Schmidt.
Nicht nur Bankern und Beratern, auch angehenden Gründern bieten Business Schools optimale Startbedingungen. Wie weit sie einen bringen können, beweisen Erfolgsunternehmer wie Google-Chef Eric Schmidt.Als Google-Chef Eric Schmidt vergangene Woche an der Stanford Graduate School of Business sprach, war es wie ein Heimspiel mit Sieg-Garantie. Auf der "Entrepreneurship Conference 2004" begeisterte er die versammelten MBA-Studenten. Nicht nur weil Google der Business-Traum aller angehenden Gründer ist. Sondern auch, weil das Erfolgs-Startup von zwei Stanford-Studenten aufgebaut worden ist. Aus dem Nichts ein Unternehmen hochziehen, das bald an der Börse 20 Milliarden US-Dollar wert sein wird - wer will das nicht?

Die besten Jobs von allen

Großes Vorbild Stanford Dass Googles Wurzeln in Kalifornien liegen, ist kein Zufall. Ohne Stanford gäbe es kein Silicon Valley. Erst die enge Verbindung von Forschung, Business und Geld ließ den High-Tech-Boom entstehen. MBAler, Techies und Venture Capitalists leben hier in symbiotischen Verhältnissen. Und wer an der Stanford Graduate School of Business studiert, spielt zumindest mit dem Gedanken, sich einmal selbstständig zu machen.Mehr als ein Dutzend verschiedener Entrepreneurship-Kurse bietet die Business School in ihrem MBA-Programm an. Das Angebot reicht von Basics wie "Formation of New Ventures" bis zu "Social Entrepreneurship" für Jungunternehmer mit sozialer Ader und "Startup Globalization Strategies" für Hyper-Ambitionierte. Von den 750 MBA-Studenten "wählen 90 Prozent mindestens einen der Entrepreneurship-Kurse", erklärt Barbara Buell von der Stanford GSB. Einer der populärsten ist "Evaluation Entrepreneurial Opportunities". Für den Halbjahres-Kurs muss man sich schon mit einer Business-Idee bewerben. "In dieser Zeit kommt man bis zum kompletten Businessplan und mehreren Präsentationen vor möglichen Investoren und Venture-Capital-Gebern."
Offenkundig ein Erfolgsmodell. Zu den Ehemaligen der Stanford GSB gehören Paul Knight, Vater der Sportmarke Nike, Ebay-Mitbegründer Jeff Skoll oder Charles Schwab, Gründer und Namensgeber des US-Finanzunternehmens Schwab & Co.
Auch Maximilian Cartellieri hat in Stanford seinen MBA gemacht. Nach dem Studium gründete der smarte Sohn von Deutsche- Bank-Aufsichtsrat Ulrich Cartellieri das Internet-Verbraucherportal Ciao. Das Münchener Unternehmen ist heute eines der wenigen erfolgreichen Überlebenden des New-Economy-Booms in Deutschland. "Stanford hat mir nicht so sehr das Gründen beigebracht", sagt der heute 31-Jährige, "als die Angst vor dem Scheitern genommen."Im psychologischen Kick sieht auch Ursula Kramer das vielleicht wichtigste Ergebnis ihres MBA-Studiums. Die promovierte Pharmakologin absolvierte neben ihrem Job als Marketingleiterin bei Aventis Pasteur den Executive MBA von Kellogg und WHU Koblenz. Mit dem "neuen Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten" gründete sie dann ihre Marketingagentur Pharmawork.US-Topschulen ziehen nachStanford ist kein Einzelfall geblieben. Dem Silicon- Valley-Modell folgend bietet heute jede der bekannten US-Business-Schools Entrepreneurship-Kurse an und liefert die nötige Infrastruktur gleich dazu. Die Ostküste holt auf. Beispiel: die Wharton School der University of Pennsylvania in Philadelphia, zurzeit beste Business School der USA. Forschung und Ausbildung sind hier im eigenen Sol. C. Snider Entrepreneurial Research Center zusammengefasst. Unter Leitung des deutschsprachigen Direktors Raffi Amit bietet Wharton ein umfangreiches Kursspektrum, allein das "Georgen Entrepreneurial Management Program" besuchen jedes Jahr 2.000 Teilnehmer.Auch Konkurrent Harvard Business School (HBS) hat in den letzten Jahren massiv investiert. Die "HBS Entrepreneurial Management Unit" umfasst heute nicht weniger als 30 Professoren und Dozenten, die zusammen knapp 20 Gründer-Kurse anbieten. Eine gewaltige 25-Millionen-Dollar-Spende des Harvard-Absolventen Arthur Rock bescherte der Schule zudem im letzten Jahr das Arthur Rock Center for Entrepreneurship, das sowohl in Boston als auch im Silicon Valley aktiv ist.An der Chicago Graduate School of Business machte ebenfalls die Spende eines Alumnus (sieben Millionen US-Dollar) den Aufbau eines eigenen Schwerpunktzentrums möglich. Das Michael P. Polsky Center for Entrepreneurship bietet unter dem Slogan "Build your own road" das volle Programm: 21 Gründer-Spezialisten, 22 Kurse und einen jährlichen Businessplan-Wettbewerb. Chicagos Besonderheit: experimentelles Lernen in so genannten "labs" - kleinen Gründer-Laboratorien, die die Praxis simulieren.Heimliche ChampionsIn der noch jungen Gründer-Disziplin regieren nicht nur große Namen. Babson College, 20 Kilometer westlich von Boston, gehört nicht zu den Top-25-Business-Schools in den USA, doch Kenner der Szene haben die Schule ganz oben auf der Liste. "Entrepreneurship ist in das gesamte MBA-Curriculum integriert", erklärt Babson-Dean Mark P. Rice. "Das erste Jahr ist sogar nach dem Lebenszyklus eines Startup-Unternehmens aufgebaut, von der Idee über die Marktanalyse bis hin zu Gründung und Wachstum." Als eine der ersten Business Schools schrieb Babson auch einen eigenen Businessplan-Wettbewerb aus. Heute können die Studenten hier mehr als 80.000 US-Dollar in cash oder auch einen eigenen Incubator gewinnen, der Anschubfinanzierungen zwischen 5.000 und 20.000 US-Dollar ermöglicht.Im Rahmen einer transatlantischen Allianz mit der London Business School hat Babson im letzten Jahr selbst ein "akademisches Startup" ins Leben gerufen: den Global Entrepreneurship Monitor (GEM). Die Ambitionen des akademischen Konsortiums sind groß, soll GEM doch die internationale Referenz in der Gründerforschung werden, mit Studien ("GEM Global Report"), Länderberichten und Konferenzen.So ist Entrepreneurship in den letzten Jahren auch an den meisten guten Business Schools in Europa Bestandteil des MBA-Curriculums geworden. Auch wenn das Angebot noch nicht amerikanische Dimensionen erreicht, werden sich Deutsche, die sich mit dem Gedanken an eine Unternehmensgründung tragen, die Programme der Europäer genauer anschauen, zumal die Unternehmensgründung zumeist auch hier stattfinden wird. Es sei denn, ihre Ambitionen tragen sie gleich ins Silicon Valley. Spaniens alte SchuleIn Deutschland nahezu unbekannt ist die Vorreiterrolle, die die spanische Top-Schule IESE beim Thema Entrepreneurship gespielt hat. Bereits seit 1974 werden in Barcelona Entrepreneurship-Kurse angeboten, und IESE-Professor Pedro Nueno, selbst Harvard-Absolvent, gehört zu den führenden europäischen Forschern in diesem Bereich. Neben dem eigentlichen Kursangebot veranstaltet IESE jährlich als Marktplatz der Ideen und Projekte das "New Business Forum" und unterhält sogar einen eigenen kleinen Venture- Capital-Fund.Nuenos Förder-Pool hat auch dem deutsch-türkischen Unternehmensgründer Dogan Gündogdu auf die Sprünge geholfen, der sich mit einer Finanzberatungsgesellschaft für Türken in Deutschland mit Standorten in Frankfurt und Köln selbstständig gemacht hat. "Ohne mein MBA-Studium an IESE und Pedro Nueno wäre das nicht möglich gewesen", sagt Gündogdu rückblickend.Geniale InsellageÜber einen eigenen Incubator ("The Hatchery") verfügt auch die Smurfit School of Business in Dublin, Irlands führende Business School mit guten Kontakten in die USA. Seit Gründung im Jahr 2000 sind hier bereits 13 Unternehmen entstanden. Noch bessere Möglichkeiten für angehende Gründer bieten sich an Business Schools in Großbritannien. Oxford und Cambridge locken nicht nur mit ihren altehrwürdigen Universitätscolleges und jungen, hochmodernen Business Schools wie Judge in Cambridge und Said in Oxford. "Das Wechselspiel von im akademischen Bereich geborenen Ideen, praktischer Umsetzung und finanzieller Unterstützung ist einmalig", sagt Stephan Bisse. Der deutsche Investmentbanker, der mehrere Jahre für Goldman Sachs in London tätig war, lernte während seines MBA-Studiums in Oxford den auf Spieltheorie spezialisierten Dozenten Nir Vulkan in seinem College kennen. Heute betreiben beide ein Startup-Unternehmen, das die Spieltheorie für Finanzvorhersagen nutzen will.Lernen, wie man Siemens ausstichtMit gleich drei interessanten Angeboten für Gründer lockt London. Für eine enge Verzahnung von Technologie, Innovation und Business steht das Imperial College und seine Tanaka Business School. Der Deutsche Udo Dengel ging nach einer Karriere bei dem Autozulieferer ZF an die Schule, gewann dort den Businessplan-Wettbewerb "Entrepreneurs' Challenge" und will jetzt mit einem Startup-Unternehmen General Electric und Siemens Konkurrenz machen. "Mit den besten Wissenschaftlern des Imperial College den Businessplan entwickeln zu können, war eine einmalige Chance", sagt er.Enge Kontakte bietet auch Cass, die ehemalige City University Business School, mit seinem von der britischen Regierung finanzierten "Sciences and Enterprise Centre", an dem auch das forschungsstarke King's College beteiligt ist, sowie dem "Cass Entrepreneurs Network"(CEN).Ihr für "europäische Verhältnisse" ungewöhnlich langes MBA-Studium wirft die London Business School in die Waagschale. Während der zwei Jahre an der LBS können MBA-Studenten nicht nur Entrepreneurship lernen, sondern ihr eigenes Business auch gleich bis zur Umsetzung bringen.Bei so viel Konkurrenz musste sich Frankreichs MBA-Schmiede Insead etwas einfallen lassen. Ihre zwei Standorte in Fontainebleau und Singapur ausspielend, setzt die Top-Schule auf "Entrepreneurship Beyond Borders" und behauptet verwegen: "Wir wollen die Nummer eins für Global Entrepreneurship sein." Um ein neues Google, Nike und Ebay hervorzubringen, muss sie sich allerdings noch ein wenig strecken?
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2004