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Großverdiener aus Brasilien

Von Alexander Busch
Unter brasilianischen Bankern gilt Andre Esteves als der Star. Im vergangenen Jahr fädelte der 38-Jährige einen Milliardendeal mit der Schweizer UBS ein. Er ist der erfolgreiche Investmentbanker einer neuen Generation, der sich in die Reihe der Financier-Legenden Brasiliens einreiht. Und er geht dabei einen ganz neuen Weg.
Andre Esteves verantwortet bei der UBS neben dem Lateinamerika- nun auch das Anleihegeschäft.
SAO PAULO. Wenn Andre Esteves auf einer Investoren-Konferenz das Wort ergreift, dann wird es sofort still: Nicht nur, weil der 38-Jährige mit der rahmenlosen Brille leise redet. Auch aus Ehrfurcht: Unter brasilianischen Bankern gilt Esteves seit Mai vergangenen Jahres als der Star. Damals verkaufte der Managing Partner der brasilianischen Investmentbank Pactual sein Institut an die Schweizer UBS für sagenhafte 2,6 Mrd. Dollar. Esteves soll rund ein Drittel der Aktien gehört haben, dies machte den studierten Mathematiker und Programmierer zu einem der jüngsten Dollarmilliardäre Brasiliens.Doch es ist nicht nur die große Summe, die Esteves zum Star der Finanzmärkte gemacht hat. Er ist der erfolgreiche Investmentbanker einer neuen Generation, der sich in die Reihe der Financier-Legenden Brasiliens einreiht. Und er geht dabei einen ganz neuen Weg: Zunächst hatte die UBS ihn nach der Übernahme zum Chef des Lateinamerika-Geschäfts ernannt. Seine jetzige Ernennung zum weltweit Verantwortlichen für das Anleihegeschäft der UBS mit Sitz in London zeigt aber, dass Esteves höhere Ziele anstrebt, als ?nur? ein immens erfolgreicher brasilianischer Banker zu sein.

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Befragt, was er mit seinem Milliarden-Erlös gemacht hat, antwortete er vor kurzem verwundert: ?Natürlich in die UBS gesteckt!? Er verwies zudem auf die Regel, die bei Pactual für alle Angestellten stets gegolten hat: ?Wir investieren unser eigenes Geld dort, wo wir auch Geschäfte für unsere Kunden machen.?Wie es dazu gekommen ist, dass Esteves nun in London neben dem boomenden Lateinamerikageschäft auch die Anleihen verantworten muss, lässt sich nur vermuten: In Brasilien heißt es, dass sein nun geschasster Vorgänger enttäuschende Ergebnisse erzielte. Sicher ist, dass Esteves, der seit der Pactual-Übernahme auch im Vorstand der UBS sitzt, bei den Schweizern schnell auf sich aufmerksam machte. Es heißt, dass Esteves bei der Zusammenführung der zwei Banken die üblichen Entscheidungsprozesse der UBS als ?zu langsam, zu starr, zu bürokratisch? kritisierte. Er soll darauf hin Teams aus Brasilien zu den UBS-Filialen in New York, London und Zürich geschickt haben mit Vorschlägen, wie die Entscheidungsprozesse beschleunigt werden könnten.Tempo ? das ist Esteves von ?seiner? Pactual gewohnt: Eigentlich war er für die Soft- und Hardware zuständig, doch er arbeitete sich blitzschnell an die Spitze der Bank empor. Dabei zettelten Esteves und einige Mitpartner eine Palastrevolution an. Die Folge: Einige der älteren Gründer der Bank mussten gehen. Die älteren ?intellektuellen Banker?, die sich in ihrer Rolle als gelassene, schwerreiche Bohemiens gefielen und gern ihre Kunstsammlungen zeigten oder über denn Sinn des Geldverdienens philosophierten, waren empört über die ?einfältigen Geldzähler aus Rio de Janeiro?. So ähnlich lauteten die verbitterten Kommentare der älteren Financiers, die von den jungen Wilden aus ihren Ämtern vertrieben wurden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Geschaffen, um Geld zu verdienen."Doch Neid ist fehl am Platz. Das Durchschnittsalter bei Pactual beträgt 35 Jahre ? trotzdem sind die meisten länger als zehn Jahre dabei. Für Berufsanfänger ist es nicht üblich, die ersten fünf Jahre Urlaub zu nehmen. Wer nach einem 15-Stunden-Tag als erster die Bank verlässt, erhält hämischen Beifall der Kollegen. In Boomphasen wie jetzt, wo Börsengänge in São Paulo im Wochenrhythmus stattfinden, arbeiten alle Beteiligten die Wochenenden durch.Dienstags hält Esteves eine berüchtigte Videokonferenz mit seinen in ganz Lateinamerika verteilten Teams ab. Wenn sich die Konkurrenz ? vor allem die Credit Suisse in Brasilien ? überraschend den Börsengang eines Unternehmens geschnappt hat, dann sollte der Verantwortliche für die Branche schon mindestens einen Auftrag eines anderen Unternehmens aus der gleichen Branche im Ärmel haben, sonst wird abgemahnt.Esteves gilt als ?extremer Workaholic?. Er hat wohl eine Familie, mit der er ab und zu ein Wochenende auf der Farm in Minas Gerais verbringt. Doch wie er selbst sagt, ist die Bank ?meine Familie?. Der Sohn einer Mittelschichtsfamilie aus Tijuca, einem glanzlosen Stadtteil Rio de Janeiros, soll auch trotz seines Reichtums bescheiden geblieben sein: Sein Audi ist vier Jahre alt. Er besitzt keinen Privat-Jet, was in seinen Kreisen sonst üblich ist. Sein Büro ist simpel. Am liebsten arbeitet er im Großraumbüro an den Handelstischen. Hobbies: Keine, außer ?manchmal Lesen?. ?Ich bin geschaffen, um Geld zu verdienen?, sagt Esteves, ?nicht um es auszugeben.?Dazu dürfte er jetzt ausreichend Gelegenheit haben: Huw Jenkins, sein direkter Chef beim UBS-Investment-Banking sagte bei der Übernahme von Pactual, fast als Warnung in Richtung Esteves: ?Ich wäre sehr enttäuscht, wenn die Geschäfte nicht so wachsen würden, wie ich es erwarte? ? doch bei der damaligen Pressekonferenz war es offensichtlich, dass Jenkins dabei nervöser war als der entspannte Esteves selbst.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.08.2007